Was ist die VWL für eine Wissenschaft? Und warum kann man das am Ölpreis verdeutlichen?

Wir haben uns in der Einführungsveranstaltung mit einigen ausgewählten Aspekten beschäftigt, um was es in der Volkswirtschaftslehre geht und welchen Charakter die VWL als Wissenschaft hat.

Auch wenn viele Volkswirte – u.a. über eine ausgeprägte Mathematisierung – den Eindruck erwecken möchten, dass es sich um so etwas wie eine Naturwissenschaft handelt, haben wir doch am Anfang der Veranstaltung gesehen, dass es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. Eine von unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die alle ihre unterschiedlichen Perspektiven haben auf das, was in unseren Gesellschaften passiert. Neben der Wirtschaftswissenschaft, die dann oftmals unterteilt wird in VWL und BWL, gibt es die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Geschichtswissenschaft, auch die Rechtswissenschaft gehört zum sozialwissenschaftlichen Fächerkanon. 

Die Abbildung soll Ihnen dabei helfen, die Wirtschaftswissenschaften und darunter vor allem die VWL im Wissenschaftssystem besser zu verorten.

Der Rohölpreis und wie er zustande kommt – ein Fallbeispiel für die VWL als einer der Sozialwissenschaften

Wir haben uns dann anhand der Entwicklung der Rohölpreise – konkret des Preises für die europäische Rohölsorte Brent seit 2012 – damit auseinandergesetzt, wie es zu den offensichtlichen Auffälligkeiten kommen konnte, also vor allem der Absturz des weltweiten Rohölpreises im Jahr 2014 (und welche Auswirkungen das in scheinbar ganz anderen Bereichen hatte wie dem Kursverlauf der beiden Währungen Dollar und russischer Rubel und was das für die russische Volkswirtschaft bedeutet).

Eines sollte deutlich rüber gekommen sein: Es geht immer um die beiden Kernkategorien Angebot und Nachfrage und um Preise und Preisbildung auf Märkten. Generell sollte deutlich geworden sein, dass man über ein wirklich breites und auch tiefes Hintergrundwissen mit Blick auf historische und politische Zusammenhänge verfügen muss, um zahlreiche volkswirtschaftliche Prozesse und Diskussionen einordnen zu können. Und zugleich muss man auch in der Lage sein, die von Ökonomen, vor allem den Volkswirten immer wieder verwendeten Abbildungen kritisch zu lesen und zu interpretieren, kritisch in dem Sinne, dass man sich klar machen kann, was da eigentlich (nicht) ausgesagt wird.

Zum Absturz des Rohölpreises im Sommer 2014 hier einige rückblickende Anmerkungen.

Innerhalb weniger Wochen war damals der Rohölpreis von über 110 US-Dollar je Barrel auf unter 60 Dollar abgestürzt. Aus der damaligen Berichterstattung als ein Beispiel der Artikel Die große Ölwette von Stefan Schultz aus dem Dezember 2014:
»Oft wurde der Absturz als Showdown zwischen den zwei weltgrößten Ölproduzenten Saudi- Arabien und USA dargestellt. Eine Sichtweise, die durch drastische Äußerungen des saudischen Ölministers Ali Al-Naimi neue Nahrung erhält: „Wenn der Preis fällt, dann fällt er. Andere wird das bereits dann hart treffen, wenn wir noch gar nichts davon spüren.“ Doch in Wirklichkeit geht es hier um mehr als nur um einen Preiskampf. Richtig ist: Die USA erleben dank der umstrittenen Fracking-Technologie einen beispiellosen Förderboom. Ihre Ölproduktion hat sich seit 2008 fast verdoppelt, ihr Anteil an der globalen Produktion ist inzwischen auf fast zehn Prozent gewachsen. Die Lage am Weltölmarkt hat sich dadurch merklich entspannt. Doch das Überangebot, das den Ölpreis letztlich abstürzen ließ, haben USA und Saudis nicht allein verursacht. Der Crash hat auch mit libyschen Rebellen, nigerianischen Wirtschaftspolitikern, der flauen Weltkonjunktur und einem Machtvakuum im Opec-Kartell zu tun.«

Interessant sind auch die (möglichen) Folgen: »Der Verfall des Ölpreises setzt eine gewaltige Umverteilungsmaschine in Gang. Bei einem Preis von 110 Dollar pro Barrel ist die globale Jahresproduktion von Rohöl rund 3,6 Billionen Dollar wert; bei einem Preis von 60 Dollar sind es nur noch rund zwei Billionen Dollar.« Und was bedeutet das? »Unterm Strich ist das, anders als oft behauptet wird, kein Nullsummenspiel. Wenn der Ölpreis um zehn Prozent fällt, wächst die Weltwirtschaft um 0,2 Prozent stärker, schätzt der Internationale Währungsfonds. Das liegt vor allem daran, dass die Milliarden von den Ölproduzenten zu den Konsumenten wandern. Durchschnittsverdiener geben von ihrem Geld in der Regel deutlich mehr aus als arabische Ölscheichs oder nigerianische Kleptokraten.«
In dem Passus finden Sie diesen Hinweis: „Wenn der Ölpreis um zehn Prozent fällt, wächst die Weltwirtschaft um 0,2 Prozent stärker“. Was das ist? Na klar, hier geht es um eine Elastizität, wir kennen dieses Konzept aus der Ökonomie am Beispiel von Preiselastizitäten der Nachfrage (Stichwort preiselastische bzw. preisunelastische Güter).

Zugleich kann man an dem Fallbeispiel aber auch eine ganz fundamentale Lebensweisheit erkennen: Jede Medaille hat zwei Seiten – anders formuliert: Wo sich einer freut, muss der andere weinen: »Die positiven Effekte für die Weltwirtschaft können allerdings rasch ins Negative umschlagen. Denn bleibt der Ölpreis zu lange zu niedrig, droht Ländern, die von den Exporten zu stark abhängen, der wirtschaftliche Kollaps.«

Ich hatte in der Vorlesung neben der Rolle Saudi-Arabiens beim Punkt „Auswirkungen des Preisverfalls“ auf die besondere Betroffenheit eines anderen Landes hingewiesen: Russland. Dies neben der Tatsache, dass Russland den größten Teil seiner Exporteinnahmen aus dem Energieexport realisiert, auch vor dem Hintergrund, dass die US-Regierung ein Interesse daran hatte, Russland durch den Preisverfall an den Märkten strategisch zu schwächen.

Wir hatten über die massive Abwertung des russischen Rubel im Sommer 2014 im Gefolge des Einbruchs des Rohölpreises gesprochen. Die folgende Abbildung mit den Tageswerten für den Dollar-Rubel-Kurs von Januar bis Dezember 2014 verdeutlicht Ihnen die massive Abwertung der russischen Währung, deren Außenwert gemessen am US-Dollar zwischen Juli und Dezember 2014 erheblich gesunken ist:

Das hatte für Russland handfeste Folgen: So lag die Inflationsrate Anfang 2014 in Russland bei 6 Prozent. Im Dezember 2014 war sie dann auf über 11 Prozent angestiegen. Und im Jahr 2015 betrug die jahresdurchschnittliche Inflationsrate 15,6 Prozent. Die Inflationsrate soll die Preissteigerung in einer Volkswirtschaft abbilden. Man muss neben allen Messproblemen, die in der VWL-Veranstaltung noch genauer behandelt werden, immer auch berücksichtigen, dass die Inflationsraten Durchschnittswerte sind. Gerade die unteren Einkommensgruppen aber haben ein anderes Konsummuster als Haushalte im mittleren oder gar höheren Einkommensbereich. Und die Menschen mit niedrigen Einkommen leiden häufig besonders stark unter Preissteigerungen, denn die fallen bei den von ihnen überwiegend konsumierten Gütern überdurchschnittlich aus (z.B. Lebensmittel oder Energiepreise).Insgesamt war und ist die russische Wirtschaft stark vom Export von Öl, Gas und ihren verarbeiteten Produkten abhängig, so entfielen im Jahr 2014 68 Prozent aller Exporte auf diesen Bereich. Durch den Preisverfall für Rohöl auf den internationalen Märkten in der zweiten Jahreshälfte 2014 sanken die Exporteinnahmen erheblich – und da Russland die Gaspreise an die Ölpreisentwicklung gekoppelt hat, ist auch das zweite wichtige Exportgut von diesem Rückgang stark betroffen gewesen. Die russische Wirtschaft ist dann im Folgejahr 2015 in eine schwere Rezession gerutscht. Der Anstieg der Inflation ging zurück auf die Abwertung der russischen Währung – und das wiederum hatte weitere krisenverschärfende Folgen mit sich gebracht: Denn die russische Zentralbank musste die Leitzinsen erhöhen, um zweierlei zu erreichen:

➞ Zum einen muss jede Zentralbank versuchen, eine zu hohe Inflation zu bekämpfen, also die Preissteigerungsrate wieder nach unten zu bekommen.

➞ Zum anderen müssen die Leitzinsen – an denen sich die Zinsen der Banken orientieren – bei einer steigenden Inflation angehoben werden, um eine Kapitalflucht zu verhindern, dass also ausländische Kapitalgeber auch weiterhin dem Land Kapital zur Verfügung stellen, was vor allem dann relevant ist, wenn es sich um eine Volkswirtschaft handelt, die ein Leistungsbilanzdefizit hat.

Wie massiv die Reaktion der russischen Zentralbank 2014/2015 hinsichtlich der Erhöhung des Leitzinses war, können Sie der folgenden Abbildung entnehmen:

Eine derart massive Anhebung der Leitzinsen hat aber negative ökonomische Konsequenzen: Sie führen zu einer erheblichen Verteuerung von Fremdkapital, denn die Banken geben die höheren Zinsen an die Kreditnehmer weiter. Gleichzeitig sind viele Unternehmen mit sinkenden Einnahmen aufgrund der Abwertung der Währung konfrontiert. Vor diesem Hintergrund werden die Investitionen erheblich zurückgehen und das führt zu einem sinkenden Wirtschaftswachstum, je nach Schweregrad sogar zu einer schweren Rezession mit einer rückläufigen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das kann man am Beispiel Russland wie in einem Lehrbuch studieren:

Um das Fallbeispiel Russland hier der Vollständigkeit halber abzurunden (und gleichzeitig wird Ihnen die folgende Anmerkung erneut verdeutlichen, wie wichtig ein entsprechend umfassendes politisches Hintergrundwissen ist): Russland befand sich 2014 auch durch diese Ereignisse unter Druck: Im Zuge der Ukrainekrise 2014 und der anschließenden Annexion der Krim durch Russland beschlossen sowohl die Europäische Union als auch die USA Sanktionen gegen Russland, welche sich vor allem auf den russischen Bankensektor, die Ölindustrie und die Importe von Rüstungsgütern konzentrieren. Gleichzeitig reagierte Russland mit Importbeschränkungen, welche vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse der EU, USA, Australiens, Norwegens und Kanadas betreffen.

Ukrainekrise? Sanktionen? Russland?

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