„Wir müssen die Lieferanten in die Knie zwingen“. Die Marktmacht großer Supermarktketten wird durch digitale Großkonzerne bedroht. Was für die Augen und Ohren

Ich habe Ihnen bei der Behandlung des Themas Marktformen bereits ausführlich von den Big Four des deutschen Lebensmitteleinzelhandels berichtet. Wir haben es hier mit einem sehr engen Angebotsoligopol zu tun – und dennoch zugleich mit einem sehr harten oligopolistischen Wettbewerb, der uns allen (noch) relativ günstige Preise beschert und durchaus auch einen Qualitätswettbewerb. Mit ein Grund dafür ist die Tatsache, dass wir es – auch als Folge der demografischen Entwicklung – in weiten Teilen mit einem gesättigten Markt zu tun haben, auf dem man kaum noch wachsen kann durch Mengensteigerungen, sondern wenn, dann muss man den Konkurrenten Marktanteile wegnehmen. Eine weitere Quelle von Umsatzsteigerungen sind Modifikationen in der Produktpalette, also beispielsweise kleinere (und zugleich teurere) Packungen oder scheinbar „neue“ Produkte wie Mix-Getränke. 

Wie dem auch sei, offensichtlich ist angesichts der Tatsache, dass wir alle einkaufen müssen und bei Lebensmittel oft sogar mehrmals die Woche, die Marktmacht, die auf Seiten der vier großen Konzerne gegeben ist (und die sich auch gegen die vielen Millionen Verbraucher richten kann). Ich hatte Ihnen berichtet, dass die Konzerne ihre Marktmacht bereits massiv ausnutzen – gegenüber den meisten, marktschwachen Zulieferern, die sich in der Marktform des Monopsons befinden. Aber nichts ist in Stein gemeißelt, auch nicht die Marktmacht der großen Vier.

Genau damit beschäftigt sich eine Dokumentation des deutsch-französischen Fernsehsenders ARTE, die ich Ihnen hier gerne empfehle:

ARTE: Auslaufmodell Supermarkt? (12.10.2021)
Die Marktmacht großer Supermarktketten wird durch digitale Großkonzerne bedroht. Wie kaufen wir morgen ein? 
➔ Video (verfügbar in der Mediathek lauf Angaben auf der Website bis zum 11.04.2022)
Und hier gibt es die Doku auf YouTube:
Video

Dazu kann man der Beschreibung der Doku entnehmen:

»Jahrzehntelang beherrschten große Supermarktketten den globalen Lebensmittelmarkt. Doch allmählich scheint ihr Geschäftsmodell überholt: Ein harter Preiskrieg zwischen den Einzelhändlern und die Ankunft digitaler Großkonzerne wie Amazon und Alibaba stürzen Supermarktketten in eine immer tiefere Krise. Der Dokumentarfilm zeigt auch, wie das Einkaufen von morgen aussehen könnte. 
Seit den 1960er Jahren gelten große Supermarktkonzerne als unanfechtbar. Doch seit einigen Jahren befinden sie sich in einer tiefen Krise – und ziehen traditionelle Akteure der Lebensmitteldistribution in Mitleidenschaft. Im Zuge eines erbitterten Preiskriegs zwischen den Einzelhändlern setzen die Konzerne auf immer aggressivere kommerzielle Verhandlungsmethoden zu Lasten der Lieferanten, Landwirte und Hersteller, und verlassen dabei oftmals die Grenzen der Europäischen Rechtsordnung.
Doch nicht nur zwischen den Supermarktkonzernen herrscht ein erbitterter Geschäftskampf: Seit der Ankunft digitaler Großkonzerne, wie Amazon und Alibaba, müssen sich Supermärkte auch gegenüber neuen Akteuren behaupten, die exponentiell in den Lebensmittelsektor investieren und das Geschäft der historischen Konzerne zusehends bedrohen. 
In den Vereinigten Staaten hat Amazon eine eigene Supermarktkette eröffnet, um seine Geschäftsrivalen Walmart und Target auszustechen und den amerikanischen Lebensmittelmarkt zu erobern. 
In China investieren Alibaba und JD.com in verschiedene Bereiche der Lebensmittelversorgungskette. Sie eröffnen eigene Geflügel-, Obst- und Gemüsefarmen und ersetzen dabei menschliche Arbeitskräfte durch Maschinen, die von Künstlicher Intelligenz betrieben werden. 
Welche Auswirkungen hat eine derartige Handelsrevolution auf die Beschäftigungsbedingungen, die Qualität unserer Lebensmittel und die Zukunft unseres Planeten? Anhand seltener Zeugenaussagen und Dokumente führt der Dokumentarfilm hinter die Kulissen der Konsumtempel und ihr zwielichtiges Geschäft.«

Dazu der Beitrag von Anna Chiara Doil Schöne neue Einkaufswelt? (Oktober 2021): »Große Einzelhandelskonzerne bangen um ihre Marktmacht. Denn die Digitalisierung der Lebensmittelbranche schreitet zügig voran – befeuert von neuen Konzepten der mächtigen Online-Konkurrenz.«

Der Film wurde auch in zahlreichen Tageszeitungen besprochen. Selbst in der FAZ gab es eine sehr positive Rezension von Melanie Mühl über die Arte-Doku: Amazon frisst uns mit Haut und Haar: »Überwachung, Knebelverträge, Erpressung: Die sehenswerte Arte-Dokumentation „Auslaufmodell Supermarkt?“ zeigt, wie erbarmungslos Konzerne den Lebensmittelhandel prägen.«

Hier nur als ein Beispiel der Beitrag von Manfred Riepe mit einer für die VWL höchst passenden Überschrift: Ruinöser Verdrängungswettbewerb: »Eine Arte-Doku zeichnet nach, wie der digitale Versandhandel dem traditionellen Vertrieb von Lebensmitteln den Garaus macht.«

Daraus: »Über Jahrzehnte hinweg wurden großflächige Selbstbedienungs-Warenhäuser an den Stadträndern zu Institutionen des massenhaften Konsums. Bequemlichkeit und niedrige Preise sorgten für volle Einkaufswagen. Doch seit dem Aufkommen des Online-Handels shoppen Kunden lieber per Mausklick. Das ist bequemer. Und die Auswahl ist größer. Vor allem Kleidung und Unterhaltungselektronik, ein Warensektor mit den höchsten Gewinnspannen, werden hauptsächlich über den digitalen Versandhandel geordert.

Die dramatischen Folgen für den Einzelhandel zeigt Rémi Delescluse in seiner 90-minütigen Dokumentation. Der französische TV-Journalist blickt hinter die Kulissen großer französischer Supermarktketten. Multis wie Carefour versuchen Defizite, die durch die Plattformökonomie entstanden sind, mit dem einzigen Produkt zu kompensieren, das es online noch nicht so stark gibt: Lebensmittel.

Die Gewinnspannen in diesem Segment sind allerdings niedrig. Um dennoch Profite zu erwirtschaften, geben große Konzerne den Schwarzen Peter an schwächere Handelspartner weiter. Der Film verdeutlicht, wie Lizenznehmer und Zulieferer von den multinationalen Handelsketten unter Druck gesetzt werden.

Die versteckte Kamera beobachtet einen Lieferanten, der morgens um sieben Uhr seine Produkte herankarrt. Damit nicht genug, muss er die angelieferten Waren auch gleich noch ins Regal einsortierten. Und zwar unentgeltlich – damit Supermärkte Personal einsparen können.

Und wenn der Zulieferer sich weigert? Dann kann er seine Firma dichtmachen. Vor der Kamera schildert Jérôme Coulombel, der 27 Jahre als Justiziar für Carefour arbeitete, wie große Supermarktketten ihre Macht ausnutzen, um wirtschaftlich abhängige Zulieferer systematisch in den Ruin zu treiben.«

Und einige wird es nicht überraschen: Auch hier taucht ein Unternehmen auf, das wir alle kennen: Amazon.

»Mit dem Kauf der Supermarktkette Whole Foods rollt die Plattform seit 2017 ebenso den Lebensmittelsektor auf. Der Film zeigt, welcher Aufwand betrieben wird, um auch im Versand von Nahrungsmitteln ausschließlich zufriedene Kunden zu haben. Der bestellte Kaffee schmeckt nicht wie erwartet? Kein Problem. Zack, Retoure. Ein GPS-Tracker visualisiert unterdessen, wie das zurückgeschickte Päckchen von Frankreich aus 1700 Kilometer quer durch Europa bis ins slowakische Sered gefahren wird. Wo der Kaffee schließlich vernichtet wird.

Wie schon auf dem Buchmarkt, wo Amazon sechs Jahre lang rote Zahlen schrieb, wird sich der Online-Vertrieb von Lebensmitteln ebenso als gnadenloses Verlustgeschäft erweisen – vorerst. Ein Blick nach China lässt erahnen, wie Internet-Giganten die Produktion und den Vertrieb von Lebensmitteln in naher Zukunft umkrempeln werden.

Traditionelle Landwirtschaft ist für solche Unternehmen zu aufwendig und kostspielig. Bilder, die aus der Netflix-Serie „Black Mirror“ stammen könnten, zeigen, wie das chinesische Internetunternehmen JD.com Salat in weitgehend automatisierten Hydrokulturen anbaut. Zusammen mit dem Fleisch von Schweinen, deren Zucht von künstlicher Intelligenz überwacht wird, können Kunden diese Turbo- Nahrungsmittel per Mausklick ordern. Sie werden binnen kürzester Zeit geliefert. Mit selbstfahrenden Elektroautos.«

Ich hoffe, diese Aspekte aus der Doku machen Lust auf mehr, schauen Sie sich gerne das Werk an. Es geht hier auch gar nicht mehr um das Modul Volkswirtschaftslehre, sondern um ein Anleuchten dessen, was in Ihrer Zukunft auf Sie zukommen wird bzw. könnte.