Auktionen funktionieren auch in Corona-Zeiten, angeblich sogar besser. Und einen Nobelpreis kann man dafür auch bekommen

Sie haben neben der Grundform der „englischen Auktion“ auch die „holländische“ Variante, eine sogenannte „Rückwärtsauktion“, kennengelernt. Bei dieser Auktion startet die Auktion mit einem (sehr hohen) Preis, der dann nach und nach reduziert wird, bis ein Bieter „zuschlägt“. Für die Durchführung der Auktion wurde traditionell eine rückwärts laufende Auktionsuhr verwendet, die der Bieter dann anhalten kann, wenn er kaufen möchte. Den Zuschlag erhält der Bieter, der als erstes die Uhr stoppt. Zu zahlen ist der dann angezeigte Preis. Und wir haben uns dann auch mit dem Kombi-Modell bei eBay beschäftigt.

Ausgangspunkt waren die „klassischen“ Auktionen, die wir alle vor dem inneren Auge haben: Kunstauktionen. Bei denen denkst man an die global ganz großen Auktionshäuser, die es immer wieder in die Medien schaffen, wenn es um spektakuläre Preise geht, mit denen einzelne Kunstwerke dort an die Bieter gebracht wurden: Christie’s und Sotheby’s. Auch auf diesem – weltweiten – Markt werden wir wieder mit einer ausgeprägten Konzentration auf einige wenige große Anbieter konfrontiert:

Ich hatte Sie darauf hingewiesen, dass das Auktionatormodell nicht nur bei der Versteigerung von Kunstgegenständen oder auf Online-Plattformen eine Rolle spielt. Auch die Preisbildung an der volkswirtschaftlich nun wahrlich sehr bedeutsamen Börse funktioniert nach dem Auktionsmodell. Hierzu schauen Sie sich bitte diese Erklärversuche der Börse Frankfurt an, inklusive eines Videos:

➔ Börse Frankfurt: So wird der Aktienpreis ermittelt

Aber kommen wir noch einmal zurück zu den Kunstauktionen. Das Thema spielt auch in der aktuellen Berichterstattung der Wirtschaftspresse eine Rolle. Dazu ein Beispiel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein Artikel von Patricia Andreae mit der Überschrift „Auktionen funktionieren auch online“ (22.04.2021): »Versteigerungen finden in Zeiten der Pandemie selbstverständlich ohne Bieter im Saal statt. Das verändert das Geschäft zwar, macht es aber nicht unbedingt schlechter.« 

»Dunkler Anzug, weißes Hemd, Manschettenknöpfe, edle Seidenkrawatte und Einstecktuch: Michael Arnold sieht so aus, wie man ihn kennt, wenn er ans Auktionspult tritt. Doch an diesem Samstag steht er nicht, sondern nimmt auf einem Stuhl Platz, vor ihm ein Laptop und der fast leere Saal. Statt der üblichen mehr als 150 Interessenten sitzen dort nur einige Mitarbeiter, die Kontakt zu Bietern am Telefon halten. Und dennoch ist die Schmuckauktion, bei der mehr als 700 Positionen zum Aufruf stehen, an diesem Tag gut besucht. Denn einige hundert Interessenten verfolgen die Versteigerung des Frankfurter Auktionshauses Arnold über Lot-Tissimo im Internet am Bildschirm – vermutlich meist in Freizeitkleidung, leger auf dem Sofa.
Sie sehen den Auktionator, das aufgerufene Stück und das jeweils nächste fällige Gebot. Ohrgehänge, Broschen, Ketten, Armbänder und immer wieder Ringe und Uhren kommen zum Aufruf, aber auch Diamanten, Rubine und andere Edelsteine. Arnold geht zügig durch den Katalog, immer wieder wechseln sich schriftliche Gebote mit telefonischen und digitalen ab. Ein Schluck Kaffee, Wasser oder ein Bonbon müssen reichen, um die Stimme von 10 bis kurz vor 18 Uhr geschmeidig zu halten. Für viele Stücke liegen schriftliche Gebote vor, die nicht überboten werden. Sie gehen schnell weg. Bietergefechte sind selten, ein paar Mal kommt Leben in den Saal mit den großen Fenstern und Blick in die Bäume des Anlagenrings, wenn ein Mitarbeiter einen eifrigen Interessenten am Telefon hat, der im Wechsel mit Online-Bietern den Preis treibt – bis Arnold nach den Worten „zum Ersten, zum Zweitern, zum Dritten.«

Und warum soll es dem Auktionator anders gehen als Ihrem Dozenten? „Ich will wieder einen vollen Saal“, so ein Zitat aus dem Artikel.

»Dennoch ist Arnold wie viele seiner Kollegen nicht unzufrieden mit dem Geschäft der vergangenen Monate. Nachdem er zunächst Auktionen verschoben hatte, ging er zu hybriden Veranstaltungen über, berichtet er. Bei der jüngsten Schmuckauktion seien 75 Prozent der Lose zugeschlagen worden, das sei die übliche Quote, so Arnold. Die Kosten der Online-Plattform hält er für angemessen, sie bestehen aus einer Grundgebühr für den Katalog sowie einem kleinen Betrag je Los. Zudem erhöhe sich das Aufgeld von 19 Prozent, das er als Auktionator vom Käufer erhalte, um drei Prozent für Lot-Tissimo, wenn der Verkauf über die Plattform erfolge.«

Auch bei Auktionen für Kunst, Antiquitäten, Schmuck, Briefmarken und Münzen hat die Corona-Pandemie zu einem Digitalisierungsschub geführt. In dem Artikel liest man immer wieder von vielen zufriedenen Stimmen mit dem Corona-Geschäftsjahr 2020. Die Nachfrage nach Auktionen sei gut gewesen. Interessanter Neben-Aspekt: Dafür mitverantwortlich sei, so die Vermutung, auch das „Shopping-Erlebnis“, das die Live-Auktionen im Internet ermöglichten. Der Artikel endet mit einem Ausblick auf die Welt nach (?) Corona, mit starken Parallelen zu dem, was bei uns an den Hochschulen diskutiert wird:

»Alle ihre Veranstaltungen wollen die Auktionatoren aber nicht ins Internet verlagern, trotzdem soll auch die digitale Variante beibehalten werden. Es könne sich zwar durchsetzen, dass es statt gedruckter Hochglanzkataloge nur noch digitale Angebotsverzeichnisse gebe. Doch auf die Versteigerungen vor Publikum, bei denen manchmal die Luft vor Spannung zu knistern scheint, wenn sich Bieter mit stoischer Miene ihre Gefechte liefern, will nicht nur Michael Arnold nicht verzichten.«

Man kann zwar keinen „Nobelpreis“ für Wirtschaftswissenschaften auf eBay ersteigern, aber einen bekommen, wenn man über Auktionen nachgedacht hat

Im Jahr 2020 wurden zwei Ökonomen mit dem sogenannten „Nobelpreis“ für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet, die sich als Wissenschaftler mit unserem Thema hier, also den Auktionen, beschäftigt haben.

»Every day, auctions distribute astronomical values between buyers and sellers. This year’s Laureates, Paul Milgrom and Robert Wilson, have improved auction theory and invented new auction formats, benefitting sellers, buyers and taxpayers around the world.« So beginnt die offizielle Mitteilung Schwedischen Akademie für Wissenschaften über den „The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2020“, die mit The quest for the perfect auction überschrieben ist.

Um was genau geht es bei den Arbeiten der beiden Preisträger des Jahres 2020?

Vom „Fluch des Gewinners“ und anderen Untiefen der Preisfindung

»Paul Milgrom und Robert Wilson zeigen, wie man komplizierte Auktionen sinnvoll organisiert – und der Staat am Ende davon profitiert. Dafür erhalten sie den Nobelpreis«, so Mark Schieritz in seinem Beitrag Eine Ölquelle ist kein Gebrauchtwagen: »Das Problem ist so alt wie die menschliche Zivilisation: Jemand besitzt etwas – und möchte beim Verkauf dieser Sache einen möglichst guten Preis erzielen. Statt sich abstrakt zu überlegen, was der angemessene Preis ist, könnte man einfach ganz konkret abfragen, was mögliche Käufer dafür zu zahlen bereit sind. Das ist das ökonomische Grundprinzip einer Auktion. In der einfachsten Variante läuft das so ab: Den Zuschlag erhält, wer das höchste Gebot abgibt … Die Angelegenheit kann aber sehr schnell kompliziert werden, und das ist der Gegenstand der Forschung der amerikanischen Ökonomen Paul Milgrom und Robert Wilson.« Aber was haben die wo nun erkannt und verbessert? Dazu berichtet Schieritz:

»Ein Beispiel: Wer sich an der Auktion eines gebrauchten Autos beteiligt, wird so viel bieten, wie ihr oder ihm dieses Auto wert ist. Das Gebot ist damit eine rein subjektive Größe. Anders sieht es bei der Versteigerung beispielsweise einer Ölquelle aus. Der Wert einer solchen Quelle hängt davon ab, wie viel Öl sich zu welchem Preis verkaufen lässt. Das ist eine objektive Größe, die durch eine Einschätzung der Ertragslage und der Preisentwicklung bestimmt werden muss. In einer solchen Situation kann bei konventionellen Auktionen ein Phänomen auftreten, das in der Fachwelt als „Fluch des Gewinners“ bezeichnet wird. Wer den Zuschlag erhält, muss fürchten, dass er mit seiner Markteinschätzung falsch lag und zu viel bezahlt hat. Immerhin werden alle anderen ja Gründe gehabt haben, weniger zu bieten. In der Folge sind die abgegebenen Gebote möglicherweise alle systematisch zu niedrig. Wenn die Ölquelle dem Staat gehört, dann ginge das in diesem Fall zulasten der Allgemeinheit – weil er weniger Geld einnimmt, als die Quelle möglicherweise wert ist.«

Und was haben die beiden Herren aus den USA zur Lösung beigetragen? »Das Problem lässt sich in den Griff bekommen, wenn den Interessenten möglichst viele Informationen über das zu versteigernde Objekt zugänglich gemacht werden. Die Forschungen von Milgrom und Wilson kamen vor allem bei komplexen Auktionen wie der Versteigerung von Mobilfunklizenzen zum Einsatz. Bei einer solchen Auktion müssen eine Reihe von Faktoren berücksichtigt werden: Der Preis soll nicht zu niedrig sein, weil sich sonst die Bieter auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Er soll aber auch nicht zu hoch sein, weil sonst die Telekomfirmen die Mehrkosten über höhere Gebühren oder weniger Investitionen wieder hereinholen müssen. Und: Wie mit dem Problem umgehen, dass der Wert einer Lizenz in einer bestimmten Region eines Landes davon abhängt, dass der Erwerber dieser Lizenz auch den Zuschlag für die restlichen Regionen erhält?« Und nun? »Milgrom und Wilson haben ein Verfahren entwickelt, bei dem alle Frequenzregionen gleichzeitig versteigert werden und Interessenten mehrmals bieten dürfen. Die Idee: Durch diese sogenannten Simultaneous-Multiple-Round-Auction-Verfahren (SMRA) lässt sich der angemessene Preis möglichst genau bestimmen – unter anderem, weil ein Bieter sein Gebot erhöhen kann, wenn er merkt, dass andere Bieter den Wert der ausgeschriebenen Frequenz höher einschätzen. Das verringert die Gefahr des Fluchs des Gewinners.«

»Dieses Verfahren kam erstmals bei der Versteigerung amerikanischer Mobilfunkfrequenzen im Jahr 1994 zum Einsatz und ist danach zum Teil mit Abwandlungen auch in vielen anderen Ländern angewendet worden … So hat der deutsche Staat im Jahr 2000 mit der Auktion seiner Lizenzen zum Beispiel 50,8 Milliarden Euro eingenommen.«

➔ Man kann das aber auch durchaus kritisch sehen, so beispielsweise Frank Wunderlich-Pfeiffer in seinem Artikel UMTS-Versteigerungstaktik wird mit Nobelpreis ausgezeichnet: »Sie haben Deutschland zum Mobilfunk-Entwicklungsland gemacht und wurden heute mit dem Nobelpreis ausgezeichnet: die Auktionstheorien von Paul R. Milgrom und Robert B. Wilson.« Und weiter: »Auf … Märkten wie dem Verkauf von Frequenzspektren gibt es … Asymmetrien zwischen dem Nutzen des verkauften Gutes für die privaten Betreiber und dem Nutzen für die Öffentlichkeit. In normalen Versteigerungen kam es dabei oft dazu, dass sich die Betreiber der Funknetze bei der Versteigerung miteinander verständigten und so die Preise niedrig hielten.« Und hier kommen die Preisträger 2020 ins Spiel: »Milgrom und Wilson entwickelten dagegen die simultane Versteigerung von Frequenzpaketen in mehreren Runden. In Deutschland wurden 1999 die UMTS-Lizenzen nach diesem Prinzip versteigert. Die Gebote mussten gleichzeitig verdeckt abgegeben werden, wurden aber am Ende jeder Versteigerungsrunde veröffentlicht. Mit jeder Runde mussten die Gebote steigen, da aber deren Höhe geheim blieb, mussten die Beteiligten sich gegenseitig überbieten und die Preise stiegen immer weiter. Am Ende wurden sechs Pakete mit UMTS-Lizenzen für 100 Milliarden D-Mark versteigert.« Und was ist nun das Problem? »Zu viel Geld, wie sich schnell herausstellte. Wegen der hohen aufgenommenen Kredite für die Frequenzen wurden die Netze nur langsam und lückenhaft aufgebaut, die Tarife blieben dauerhaft hoch und der öffentliche Nutzen der Mobilfunknetze in Deutschland blieb weit hinter dem in anderen Ländern zurück.«