Ein Blick in die Untiefen der „Zockerei“: Wetten auf den Hunger?

Sie erinnern sich: Ich hatte in einer der Vorlesungen als aktuelles Thema des Anstieg der Lebensmittelpreise hier bei uns präsentiert und dabei auch herausgearbeitet, warum die Preissteigerungen, die wir derzeit alle als Verbraucher erleben müssen, wenn wir bei Edeka & Co. einkaufen gehen, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur vorübergehend sein werden. Es gibt mehrere auch strukturelle Einflussfaktoren, die dazu beitragen, dass die Lebensmittelpreise weiter nach oben gehen werden.

Nun ist das sicher für viele vor allem einkommensschwache Haushalte eine große Last, die sie im Zusammenspiel mit den massiven Energiepreissteigerungen schultern müssen. Und viele gehen auch in die Knie und zu Boden. Schauen Sie sich in diesem Kontext nur die vielen Berichte an, dass die ehrenamtlich betriebenen Tafeln an ihr Limit stoßen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, die vielen zusätzlichen Hilfesuchenden mit Lebensmittelspenden zu versorgen (vgl. dazu beispielsweise meinen Beitrag „Am Limit“. „So geht das nicht mehr weiter“: Vielen Tafeln geht die Puste aus vom 29. April 2022).

Nun kann man sich belastet fühlen (oder auch real sein), wenn der Döner ein oder zwei Euro mehr kostet. Aber das ist nichts gegen das, was Millionen Menschen vor Augen haben: Hunger.

Und das hat auch was zu tun mit Dingen, mit denen sich die Volkswirte beschäftigen müssen. Beispielsweise der Spekulation an Börsen. Und es gibt nicht nur Börsen, an denen man Anteilsscheine von VW oder anderen Unternehmen kaufen und verkaufen kann. Sondern es gibt auch Börsen, an denen man wetten kann, beispielsweise auf steigende Nahrungsmittelpreise in der Zukunft. In diesem Zusammenhang stößt man dann heute auf so einen Bericht: Kritik an „Zockerei“ auf Agrarmärkten: »Weltweit steigen die Preise für Lebensmittel rasant. Spekulanten an den Rohstoffbörsen verschärften die Lage zusätzlich, kritisiert die Organisation Foodwatch – und fordert ein schnelles Gegensteuern der Aufsichtsbehörden.«

Angesichts drohender Hungerkrisen in manchen Ländern sei „Zockerei“ auf Agrar-Rohstoffpreise unerträglich, so die Organisation. »Preise stiegen, weil Unternehmen und Regierungen befürchteten, nicht mehr genug Weizen, Sonnenblumenöl oder andere Grundnahrungsmittel kaufen zu können … Finanzspekulanten befeuerten dies zusätzlich, indem sie auf steigende Preise an Rohstoffbörsen wetten. Diese „Spekulationsexzesse“ müssten daher verhindert werden, forderte die Verbraucherorganisation.«

Die machen auch Vorschläge, was zu tun wäre: »Aufsichtsbehörden in der Europäischen Union und den USA fehlten weiterhin wirksame Instrumente, um Spekulation zu begrenzen. Deshalb forderte die Organisation die EU auf, Obergrenzen für Spekulationen festzulegen und so Wetten auf steigende Preise zu beenden. Beispielsweise müsse die EU wirksame Handelsschranken, sogenannte Positionslimits, festlegen. Das sei jedoch bisher am Einfluss der Finanzlobby gescheitert.«

»Nach Angaben von Foodwatch sind die Lebensmittelpreise sind in den zurückliegenden Wochen weltweit massiv gestiegen. Die Organisation beruft sich auf die Vereinten Nationen, denen zufolge die Preise um 34 Prozent höher liegen als vor einem Jahr und damit auf dem höchsten Stand seit 1990. Foodwatch kritisiert, die Preissteigerungen an den Rohstoffbörsen in Paris und Chicago seien nicht zuletzt erheblichen Versäumnissen der EU-Kommission und der US-Regierung geschuldet.«

Dann wird in dem Artikel auf das hier hingewiesen: »Der Rechercheverbund Lighthouse Reports hatte am Freitag den ausführlichen Bericht „The Hunger Profiteers“ zur Spekulation an den Rohstoffbörsen veröffentlicht.«

Profiteure des Hungers?

Da schauen wir doch einmal genauer hin, also in das Original. Das finden Sie hier: The Hunger Profiteers. Während die Lebensmittelpreise bereits vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine stiegen, ließ der Ausbruch des Krieges in der Kornkammer Europas die Preise in die Höhe schnellen, so dass sie für die armen Verbraucher unerschwinglich wurden. Aber zu welchem Preis? Und wer hat davon profitiert?

Lesen wir weiter, ich habe Ihnen das mal übersetzt, was wir da serviert bekommen:

Die Weltmarktpreise für Lebensmittel haben im März ihren bisher höchsten Stand erreicht. Da immer mehr Menschen auf der ganzen Welt Hunger leiden, haben Spekulanten die Rohstoffmärkte überschwemmt und versucht, aus den steigenden Preisen Profit zu schlagen.

Nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine begannen internationale Banken, Kleinanlegern Möglichkeiten zu bieten, auf steigende Lebensmittelpreise zu wetten. Am 7. März, als der Weizenpreis seinen bisherigen Höchststand erreichte, veröffentlichte das Vermögensverwaltungsteam von JP Morgan einen Artikel, in dem es seine Kunden ermutigte, in Agrarfonds zu investieren.

In der ersten Märzwoche flossen 4,5 Milliarden Dollar in rohstoffgebundene börsengehandelte Fonds (oder ETFs, die der Öffentlichkeit zum Handel offen stehen). Im April hatten zwei der wichtigsten börsengehandelten Agrarfonds Nettoinvestitionen in Höhe von 1,2 Mrd. USD angezogen – im Vergleich zu nur 197 Mio. USD im gesamten Jahr 2021.

Während sich eine weitere Lebensmittelpreiskrise anbahnt, mit Berichten über Brotpreise, die sich in Ländern mit unsicherer Ernährungslage in Afrika und im Nahen Osten mehr als verdoppelt haben, enthüllen wir, wie die Finanzaufsichtsbehörden sich mächtigen Lobbygruppen gebeugt haben, indem sie die nach der letzten Krise im Jahr 2008 vorgeschlagenen Beschränkungen für exzessive Spekulationen aufgeweicht haben.

Wie muss man sich das vorstellen, die Spekulation mit Nahrungsmittel bzw. genauer: mit Nahrungsmittelpreisen?

Zum Thema Nahrungsmittelspekulation gibt es hilfreiche Erläuterungen bei Oxfam Deutschland. Dort erfahren wir: »Innerhalb von drei Jahren sind die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten zwei Mal in die Höhe geschossen. Die Preisschwankungen haben zugleich deutlich zugenommen. Maßlose Spekulationen mit Agrarrohstoffen – oft Grundnahrungsmittel, wie etwa Mais und Weizen – sind für die starken Preissprünge der letzten Jahre mitverantwortlich und tragen so zu globalen Nahrungsmittelkrisen bei.« Hier wird auf eine Entwicklung hingewiesen, die schon seit vielen Jahren vor unseren Augen abläuft, wenn man nur hinschauen würde:

»Bei der Spekulation gehen Finanzakteure, wie Banken, Hedgefonds, Pensions- und Staatsfonds, bewusst Risiken ein, indem sie auf steigende oder fallende Nahrungsmittelpreise setzen, in der Hoffnung, schnell hohe Gewinne zu erzielen. Seit Anfang 2000 zeichnet sich ein deutlicher Trend der zunehmenden Spekulation mit Nahrungsmitteln ab. In der Presse wird seit der Nahrungsmittelkrise 2008 offensiv geworben, Geld auf den (Agrar-) Rohstoffmärkten anzulegen. Investitionen in Rohstoffindexfonds stiegen in den Jahren 2003 bis 2008 von 13 Mrd. US$ auf 317 Mrd. US$.«

Das hat existenzielle Folgen: »Die Weltagrarmärkte sind „finanzialisiert“, das heißt: Die Gesetzmäßigkeiten der Finanzmärkte und die Motive der Finanzakteure bestimmen und treiben immer mehr die Preise von Nahrungsmitteln wie Weizen, Mais, Soja, Zucker, Kaffee und Kakao. Auch die Spekulation mit Erdöl treibt die Nahrungsmittelpreise, da die industrielle Landwirtschaft sehr stark chemisch-synthetische Beiz- und Spritzmittel sowie Kunstdünger einsetzt. Wenn Preise explodieren und Nahrungsmittel unbezahlbar werden, können sich in Armut lebende Menschen ihre tägliche Mahlzeit nicht mehr leisten und müssen hungern. Für notwendige Arztbesuche oder Schulgebühren ihrer Kinder bleibt dann erst recht nichts übrig.«

➔ Ein Beispiel: Laut Studien der Weltbank, der UNCTAD und des International Food Policy Research Institute (IFPRI) trieben Finanzspekulanten in den Jahren 2007/2008 die Getreidepreise in die Höhe. In Äthiopien stiegen die Maispreise um 100 Prozent, in Uganda um 65 Prozent und in Tansania um 54 Prozent. Die Weizenpreise stiegen in Somalia um 300 Prozent, im Senegal um 100 Prozent und im Sudan um 90 Prozent. Nahrungsmittel wurden für viele Familien unbezahlbar. Die rasant steigenden Preise für Lebensmittel führten zu Hungerprotesten in 61 Ländern. Die Zahl der Hungernden stieg um mehr als 100 Millionen und überschritt im Jahr 2009 erstmals die Rekordmarke von einer Milliarde Menschen.

Und dann bekommen alle Interessierten einen genaueren Einblick, wie das mit der Spekulation funktioniert:

»Vor allem zwei „neue“ Formen der Spekulation sind in den letzten Jahren zu einflussreichen Größen an den Warenterminbörsen avanciert. Eine Form der Spekulation, die erst vor einigen Jahren auf den Warenterminmärkten für Rohstoffe entstanden ist, sind Indexfonds. Diese Fonds haben in den vergangenen Jahren einen großen Kapitalzufluss erlebt. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 2003 und 2011 fast 400 Mrd. US-Dollar in solche Fonds geflossen sind. Etwa ein Viertel davon entfällt auf Agrarrohstoffe. Diese Fonds orientieren sich in der Regel an einem bekannten Rohstoffindex, der die Wertentwicklung eines Korbes verschiedener Rohstoffe abbildet. Viele Indexfonds replizieren diese Indizes passiv, einige nutzen sie als Orientierung und andere versuchen, durch aktives Management zusätzliche Gewinne zu erwirtschaften. Die Indexfonds-Manager bieten ihren Kund*innen an, ihre Anlagen gemäß der Preisentwicklung dieser Indizes zu verzinsen, abzüglich der Kosten für die Verwaltung der Fonds. Gegen die daraus resultierenden Risiken sichern sich die Fonds mit börslichen Termingeschäften, in der Regel Futures, ab. Einige Fonds tun dies nur mittelbar, indem sie sogenannte Swap-Geschäfte mit anderen Finanzinstituten abschließen, die dann wiederum Termingeschäfte tätigen. Meist sind die Kundinnen und Kunden von Indexfonds nicht Kleinanleger/innen, sondern selbst Fonds, z.B. Pensions- oder Versicherungsfonds. Auch große Banken spielen bei diesen Geschäften eine wichtige Rolle, unter anderem Goldman Sachs, UBS, Barclays, Deutsche Bank, Morgan Stanley und JP Morgan. Sie bieten ihren Kundinnen und Kunden die Anlagen in Indexfonds an und handeln zugleich selbst mit Termingeschäften. Dadurch stehen sie in einem Interessenkonflikt. Ähnlich wie die Fonds funktionieren auch Rohstoffzertifikate.

Neben den Indexfonds gibt es eine weitere Form der Spekulation, die zugenommen hat. Spezialisierte Hedge-Fonds haben zunehmend die Rohstoffmärkte als Geschäftsfeld für sich entdeckt. Sie handeln sehr aktiv und aggressiv. So kaufte ein Hedge-Fonds Mitte 2010 den gesamten Kakaomarkt in London leer und trieb die Preise in die Höhe. Andere Hedge-Fonds setzen – wenn auch nicht als einzige – den computerisierten Handel ein, bei dem mithilfe mathematischer Formeln kurze und kürzeste Preistrends ausgenutzt werden, um Profite abzuschöpfen. Diese Form des Handels wird als algorithmischer Handel oder, wenn es um sehr kleine Zeitspannen geht, als Hochfrequenzhandel bezeichnet. Er hat einen immer größeren Einfluss auf die Rohstoffpreise, befördert die Blasenbildung auf den Rohstoffmärkten und kann innerhalb von Sekundenbruchteilen zu Preisschwankungen beitragen.«

Es werden noch weitere Fragen auf der Seite Nahrungsmittelspekulation beantwortet. Bei Interesse einfach mal vorbeischauen.