Spekulation macht auch den Landwirten in Deutschland richtig Stress. „Landgrabbing“ – Äcker als Spekulationsobjekt

Ich hatte Ihnen in der letzten Vorlesung als aktuelles Thema (mit grundsätzlicher Bedeutung) die Problematik der Spekulation auf Nahrungsmittel(preise) vorgestellt, die derzeit dazu führt, dass der sowieso schon massive Preisanstieg für Nahrungsmittel aufgrund der angebotsseitigen Verengung nochmals verstärkt, als weiter nach oben getrieben wird.

Ein paar Elemente der spezifischen Spekulation an den Börsen haben Sie in diesem Zusammenhang kennengelernt, beispielsweise die über Indexfonds oder spezialisierte Hedge-Fonds.

Aber auch bei uns hier in Deutschland wird in, besser: mit der Landwirtschaft spekuliert. Schon mal was von „Landgrabbing“ gehört? Wahrscheinlich nicht, dann ändern wir das.

»Nach Schätzungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums sind inzwischen fast 60 Prozent der deutschen Agrarflächen im Eigentum von Nichtlandwirten. Speziell in Ostdeutschland seien auch in Zukunft große Übernahmen zu erwarten, prognostiziert Andreas Tietz vom Thünen-Institut, einer Bundesforschungseinrichtung«, kann man diesem Bericht entnehmen: Äcker als Spekulationsobjekt, der im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. »Die Besonderheit in Ländern wie Brandenburg oder Thüringen: Hier gibt es große Agrargesellschaften mit riesigen Landflächen – ein Erbe der Kollektivierung der Landwirtschaft im DDR-Sozialismus. Viele Landwirte im Rentenalter suchten Käufer für ihre Agrargesellschaften, berichtet Tietz. Diese Betriebe seien aber häufig viel zu groß und damit zu teuer für einzelne Landwirte. Auf diese Weise kommen millionen- oder gar milliardenschwere Investoren ins Spiel, „die angesichts niedriger Zinsen nicht mehr wissen wohin mit ihrem Geld“, wie es der Wissenschaftler ausdrückt.«

Und was hat eine Gesetzeslücke, die Spekulation mit landwirtschaftlichen Böden befördert, mit Aldi zu tun? Konkreter: Mit den Erben der beiden mittlerweile verstorbenen Aldi-Brüder?

Agrarferne Investoren nutzen eine gesetzliche Lücke, um riesige Äcker zu kaufen – steuerfrei. Einfache Landwirte dagegen werden benachteiligt und sehen sich durch steigende Bodenpreise in ihrer Existenz bedroht. Wie das?

In »Deutschland (kaufen) reiche Familien große landwirtschaftliche Flächen. Die Aldi-Erben etwa übernahmen im vergangenen Jahr einen 6000-Hektar-Betrieb in Thüringen. Das Erstaunliche: Kein Amt musste einwilligen oder informiert werden, denn die Lukas-Stiftung der Aldi-Erben kaufte Anteile einer Agrargesellschaft. Wie das möglich ist, erklärt Experte Tietz vom Thünen-Institut: „Der Verkauf von Anteilen landwirtschaftlicher Gesellschaften an eine andere Gesellschaft – sogenannte Share Deals – sind gesetzlich nicht geregelt.“«

Der „Normalfall“ sieht anders aus: »Wenn hingegen eine reale Person einer anderen Person ein Stück Acker verkauft, dann müsse das behördlich genehmigt werden. Das schreibt das Grundstückverkehrsgesetz vor. Das Problem: Dieses in die Jahre gekommene Gesetz, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1918 reichen, als Investoren nach dem Ersten Weltkrieg Äcker als Spekulationsobjekte entdeckten, kennt keine Share Deals.«

Aber es kommt noch besser – (wahrscheinlich) haben die Großinvestoren noch nicht einmal Steuern bezahlen müssen: „Wir wissen auch nicht, ob Grunderwerbsteuer gezahlt wurde, weil Share Deals nicht meldepflichtig sind“, sagt David Kehrberg, Referent des Thüringer Landwirtschaftsministers.

What? Aber ja, man kennt den legalen Trick aus der Immobilienbranche:

»Wenn es die Aldi-Erben geschickt anstellen, werden sie bei ihrem Geschäft in Thüringen keine Grunderwerbssteuer zahlen, sind sich Experten sicher. Denn bei Anteilskäufen von Immobilien verzichtet der Staat auf Steuern. Wie der legale Steuertrick funktioniert, haben Vonovia und Deutsche Wohnen kürzlich in einer gemeinsamen Pflichtveröffentlichung an ihre Aktionäre erklärt: Vonovia übernehme nicht mehr als 90 Prozent der Anteile – so werde keine Grunderwerbssteuer fällig. Wie Europas größter Wohnungskonzern können auch die Aldi-Erben bei ihrem 6000-Hektar-Deal die Grunderwerbsteuer ganz legal umgehen.«

»Dieses Steuerprivileg sei für kleinere landwirtschaftliche Unternehmen und Junglandwirte ein Wettbewerbsnachteil, so das Bundeslandwirtschaftsministerium.« Das kann man wohl sagen. Besonders ärgerlich: Die kleineren, marktschwachen Teilnehmer, die dann auch noch die sind, die tatsächlich landwirtschaftliche arbeiten, haben also einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Spekulanten.

Nicht nur die Aldi-Erben – auch Bill Gates mischt ganz groß mit

Übrigens ist das alles kein deutsches Problem: »Der Ausverkauf der Äcker an Nichtlandwirte ist nicht nur in Deutschland ein ungelöstes Problem. Es gilt weltweit als eines der wichtigsten Themen der Landwirtschaftspolitik und ist ein global zu beobachtendes Phänomen. In den USA etwa besitzt nach Angaben der US-Fachzeitschrift „Land Report“ niemand mehr Ackerfläche als Microsoft-Gründer und Multimilliardär Bill Gates.«

Und für die besonders Interessierten: Erst vor wenigen Tagen hat der Bayerische Rundfunk ein interessantes längeres Radio-Feature veröffentlicht. Das können Sie sich hier als Audio-Datei herunterladen und gerne anhören:

➔ BR: Landraub in Deutschland – Doku über die Spekulation mit Boden (06.05.2022): Jüngsten Schätzungen zufolge sind fast zwei Drittel der gesamten Agrarfläche in der Hand von branchenfremden Investoren. Die Bodenpreise explodieren. Was für die einen ein lukratives Geschäft ist, nennen die anderen Landgrabbing.

Und zur Abrundung des Beispiels Spekulation auf Nahrungsmittelpreise: Wie bereits gesagt, es gibt nicht nur Gut und Böse, sondern auch viel dazwischen

Ich hatte Sie bei der Vorstellung des Fallbeispiels Spekulation auf Nahrungsmittelpreise darauf hingewiesen, dass es in diesem Bereich nicht nur die „bösen Spekulanten“ gibt, deren profitgetriebenes Verhalten mehr als fragwürdig daherkommt. Sondern dass es seit langem durchaus auch Spekulationsgeschäfte gibt, die durchaus ökonomisch sinnvoll sein können und sind. Dazu dieser Berichte aus dem Juli des vergangenen Jahr: Wenn Ernten zum Spekulationsobjekt werden: »Wetten auf Nahrungsmittelpreise: Für viele klingt das unmoralisch. Denn die Lebensgrundlage sollte kein Spekulationsobjekt sein. Doch ein Teil dieser Wetten funktioniert für Bauern auch wie eine Versicherung.«

ING-Bank-Chefvolkswirt Carsten Brzeski plädiert dafür, zwei Arten der Spekulation zu unterscheiden: „Es gibt sozusagen die ‚gute‘ Spekulation, in der ich Finanzprodukte einsetzen kann, um mich gegen Wetterschwankungen, Angebot- und Nachfrageschwankungen einzudecken“, erklärt der Volkswirt. „Und es gibt die ’schlechte‘ Spekulation, die dafür sorgt, dass die Preise ins Uferlose getrieben werden und hier wirklich mit Spekulation einfach Geld gemacht wird.“

➔ Nach dieser Lesart gehören die sogenannten Futures zur guten Spekulation. Landwirte nutzen diese Finanzprodukte, um ihre Ware in der Zukunft zu einem festgelegten Preis zu verkaufen. Futures werden an der Börse gehandelt, es gibt sie auf alle möglichen Rohstoffe wie Holz oder sogar Blumen. Experte Schneider von der Welthungerhilfe hält sie für Landwirte für existentiell wichtig. „Landwirte überall auf der Welt haben ja Grundinvestitionen. Sie müssen ihr Feld bestellen, Pacht zahlen, Saat ausbringen. Und schon bei der Aussaat müssen sie kalkulieren: ‚Wird meine Ernte rentabel sein?‘ – Und dafür fixieren sie einen Preis in Futures und kalkulieren dann damit.“ Futures stellen für Landwirte also eine Art Versicherung dar. Ohne sie hätten die Bauern keine Planungssicherheit.

Fazit: Der entscheidende Unterschied: Bei den Futures spekuliert man auch, aber mit realen Produkten, wie Weizen oder Mais, man versucht sich abzusichern gegenüber unerwarteten Preisschwankungen. Bei der „schlechten Spekulation“ hingegen geht es gar nicht mehr um die Produkte, sondern nur noch um das Zocken mit einem vermuteten Preistrend nach oben (oder unten). Da wird gleichsam mit „heißer Luft“ gehandelt, aber das kann dennoch massive Auswirkungen auf die Preise der realen Güter haben, wie wir derzeit wieder sehen müssen.