Von der Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer zur Rückverlagerung in die Nähe der Absatzmärkte. Und China? Die haben ihre Arbeiter einfach nach Europa geschickt

Sie haben in der Vorlesung schon einiges gelernt über die Globalisierung, die seit Jahren in aller Munde ist. Nach den Ihnen vorliegenden Materialien wissen Sie, dass es auch schon früher, viel früher eine große Globalisierungswelle gegeben hat, in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg.

Aber die Hyperglobalisierung der letzten Jahre (die für uns heute vor allem mit China verbunden wird) ist auch nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern hat eine längere Entwicklungsgeschichte. Und am Anfang stand die Textilindustrie. Die steht zum einen paradigmatisch für die Verlagerung eines ganzen Wirtschaftszweigs in Billiglohnländer und für zahlreiche negative Folgen der Globalisierung, auf der anderen Seite erkennt man seit einigen Jahren eine gewisse Rückverlagerung der Produktion aus den asiatischen Ländern wieder in die Nähe der europäischen Absatzmärkte.

Dazu bitte als ein Beispiel diesen Artikel lesen: Kleider machen Leute arm, so ist der Beitrag von Mathias Fiedler überschrieben, der am 30. Mai 2019 veröffentlicht wurde: »Egal ob Adidas, H&M oder Hugo Boss: Viele Textilkonzerne lassen in Bulgarien produzieren. Die Löhne sind dort so niedrig, dass sie kaum zum Überleben reichen.«

Das Beispiel Bulgarien steht stellvertretend für einen Trend, der seit einigen Jahren (bereits vor der Corona-Pandemie) diskutiert wird und den wir in der Vorlesung angesprochen haben: die Rückverlagerung der vor allem nach Asien ausgelagerten Produktion. Zwar weniger nach Deutschland, aber in die räumliche Nähe der Absatzmärkte hier und in anderen europäischen Ländern – auch und gerade, weil die Zyklen der Modeindustrie immer kürzer werden und man zunehmend entsprechend kurze Transportwege benötigt, um die Textilien an die Frau oder den Mann bringen zu können. Gleichzeitig möchte man natürlich nicht auf die Kostenvorteile einer Produktion in Billiglohnländern verzichten, denn immer noch ist die Bekleidungsindustrie sehr personalintensiv.

Und es gibt ja nicht nur Bulgarien, sondern beispielsweise auch Rumänien. Dazu vom 20. Mai 2019 dieser Artikel: Bekleidung “Made in Romania” zu Armutslöhnen: Fast eine halbe
Million Menschen arbeiten in der Modeindustrie Rumäniens. Damit ist das Land der größte Bekleidungsproduzent Europas, Deutschland eines der wichtigsten Exportdestinationen. In Rumänien sind Armutslöhne die Realität. »Die wichtigsten Strategien für Näherinnen, mit bitterer Armut umzugehen, sind neben Schulden die Subsistenzlandwirtschaft und die Arbeitsmigration. Familienangehörige fast jeder zweiten befragten Beschäftigten arbeiten als Bau- oder Schlachthofarbeiter, als Erntehelfer oder Pflegekräfte in Deutschland und Westeuropa. Zwischen den Armutslöhnen in der Modeproduktion und der Arbeitsmigration vieler Rumänen in den Westen besteht ein direkter Zusammenhang.«

Exkurs: Die Anfänge liegen schon Jahrzehnte zurück

Die Textilindustrie ist aufgrund des Strukturwandels in der Vergangenheit wie auch das, was wir derzeit beobachten können, ein lehrreiches Beispiel.In den 1970er Jahren war die Textilindustrie eine, wenn nicht die Vorreiterbranche für die Verlagerung der bis dahin gerade in Deutschland starken Textilindustrie in Billiglohnländer, vor allem nach Asien. Damals wurde das diskutiert unter dem begrifflichen Etikett „Neue internationale Arbeitsteilung“. Die Verlagerungsprozesse ins Ausland hatten bereits in den 1960er Jahren begonnen. Nur eine Zahl: 1960 betrug der der Umsatz des bundesdeutschen Bekleidungsgewerbes aus Inlandsproduktion noch 99,3 Prozent des Inlandsverbrauchs. Bereits im Jahr 1975 waren es nur noch 82,6 Prozent. Das hatte damals schon Folgen:
»Diesen massiven Verlagerungen von Bekleidungsproduktion aus der Bundesrepublik heraus korrespondiert ein Beschäftigungsrückgang des bundesdeutschen Bekleidungsgewerbes von 536.000 im Jahr 1960 auf 351.000 im Jahr 1975, der ungefähr zur Hälfte auf die erhöhten Einfuhrüberschüsse von Bekleidung zurückzuführen ist.« (Fröbel/Heinrichs/Kreye 1978: 49 f.).

Anmerkung für wirtschaftshistorisch Interessierte: Die damalige Diskussion über das, was wir heute als Globalisierung bezeichnen, kann man in diesem Werk nachlesen:

➞ Folker Fröbel, Jürgen Heinrichs, Otto Kreye (1977): Die neue internationale Arbeitsteilung. Strukturelle Arbeitslosigkeit in den Industrieländern und die Industrialisierung der Entwicklungsländer, Reinbek bei Hamburg 1977

Die drei Teile des Buches verdeutlichen, wie dort damals schon zentrale Entwicklungsprozesse beschrieben wurden, die heute im Diskurs über die Globalisierung eine bedeutsame Rolle spielen: Teil I: Die neue internationale Arbeitsteilung am Beispiel der Entwicklung des Textil- und Bekleidungsgewerbes der Bundesrepublik Deutschland; Teil II: Die Durchsetzung der neuen internationalen Arbeitsteilung: Auslandsbeschäftigung durch Industrieunternehmen der Bundesrepublik Deutschland; Teil III: Weltmarktorientierte Industrialisierung unterentwickelter Länder: Freie Produktionszonen und Weltmarktfabriken.

Im Jahr 1978 ist diese Kurzfassung erschienen, die man als PDF-Datei abrufen kann. Damit können Sie sich einen guten Eindruck von der damaligen Diskussion verschaffen:

➔ Folker Fröbel, Jürgen Heinrichs und Otto Kreye (1978): Die neue internationale Arbeitsteilung: Ursachen, Erscheinungsformen, Auswirkungen, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Heft 1/1978, S. 41-54

Vieles kann man besser verstehen und einordnen, wenn man die Wirtschaftsgeschichte kennt.

Aber die Zeit bleibt nichts stehen. Sie wissen mittlerweile, welchen rasanten Wachstumsprozess die chinesische Volkswirtschaft absolviert hat – und nunmehr streben die Chinesen eine Transformation ihrer Wirtschaft an, die wegführen soll von dem Modell einer verlängerten Werkbank der Weltwirtschaft aufgrund niedriger Arbeits- und Produktionskosten hin zu einem hochtechnologiegetriebenen Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig sind die Löhne der chinesischen Arbeitnehmer von einem niedrigen Niveau deutlich gestiegen, was in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass auf Billiglöhne setzende Unternehmen ihre Produktion in andere Länder aus China verlagert haben, beispielsweise nach Vietnam. Das gilt auch und gerade für die Unternehmen der Textilindustrie, die auf Billigklamotten (für die reichen westlichen Länder) setzen. Aber die Verlagerung der Textilindustrie weg aus China und anderen asiatischen Ländern an die zwar vergleichsweise teureren neuen Standorte in den nordafrikanischen Staaten, der Türkei oder den Balkan-Staaten, die (noch) nicht Mitglied der EU sind bzw. in die Armenhäuser der EU wie Bulgarien ist eine eingeschränkte „Rückverlagerung“ (eingeschränkt deshalb, weil die Produktion nicht einfach wieder in die Hochlohnländer wie Deutschland zurückverlagert werden, wo sie vor allem in den 1970er Jahren verschwunden sind), die aber nur dann vollständig zu verstehen ist, wenn man berücksichtigt, dass eines der treibenden Motive dabei die Nähe zu den Absatzmärkten in den reichen europäischen Ländern ist, denn angesichts der immer kürzeren Modezyklen kann man sich schlichtweg Monate von der Produktion in China bis zur Auslieferung in Europa zunehmend weniger erlauben, das muss beschleunigt werden. Dennoch bleibt die Orientierung an möglichst kostengünstigen Standorten in den Randzonen der EU.

Ein Teil der Billigproduzenten verlässt China – und China kommt dann direkt nach Europa und bringt auch noch seine Arbeiter mit

Über eine ganz eigene Form der „Rückverlagerung“ wird seit Jahren immer wieder in der Wirtschaftspresse berichtet. Ich habe Ihnen hier drei Beispiele herausgesucht, die alle nachdenklich stimmen sollten:

Beispiel 1: Wenn chinesische Bauarbeiter eine Autobahn im EU-Mitgliedstaat Polen bauen

»In Polen ist eine Staatsfirma aus China beauftragt worden, ein Stück Autobahn zu bauen. Es ist das erste öffentliche Bauprojekt für die Chinesen in der Europäischen Union«, kann man diesem Bericht der Deutschen Welle aus dem Jahr 2010 entnehmen: Chinesen bauen polnische Autobahn: »Auf halber Strecke zwischen Warschau und Lodz sind bereits die Bagger im Einsatz. Hier wird das letzte Stück einer Autobahn gebaut. Schon 2012 soll sie fertig sein, verspricht Gou Ling, stellvertretender Leiter des staatlichen chinesischen Baukonzerns Covec … Die Auftragsvergabe an Covec hat für einige Unruhe in der polnischen Bauwirtschaft gesorgt, weil der Preis so niedrig ist … Es geht um ein Teilstück der Autobahn von rund 50 Kilometern. Die Chinesen haben dafür 340 Millionen Euro verlangt, ein sensationell niedriger Preis. Mit dem Angebot lagen sie glatt um die Hälfte unter den Kosten, die das polnische Generaldirektorat für Straßenbau errechnet hatte … Rund zwei Dutzend Ingenieure hat die Pekinger Konzernzentrale zur Arbeit nach Warschau geschickt.« Und ein Jahr später, 2011, konnte man dem Artikel Polen: Chinesen bauen Autobahn zum Dumpingpreis entnehmen: »Die Arbeiter schuften sieben Tage die Woche – auch bei Minusgraden. Erstmals erhielt eine Baufirma aus China einen öffentlichen Auftrag in der EU.« Und weiter: »Noch vor wenigen Jahren waren polnische Arbeiter in Österreich das, was chinesische Arbeiter heute in Polen sind: konkurrenzlos billig. 500 Arbeiter aus China bauen derzeit in Polen an der Autobahn A2, die einmal Berlin mit Warschau verbinden wird … Neben den 500 Arbeitern, die seit Jänner (=Januar) hier sind, kommen bald 300 weitere als Verstärkung aus China. Als Erklärung für die niedrigen Preise teilt die Unternehmensführung lediglich mit, die Firma habe „ihren eigenen Management-Stil“. So sind die Arbeiter in einer ehemaligen Schule untergebracht, in Gemeinschaftsschlafräumen mit Etagenbetten. Zur Mittagszeit werden die Mahlzeiten direkt auf die Baustelle gebracht. „Die Chinesen arbeiten Tag und Nacht, zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, sogar an Feiertagen“, erzählt Krzysztof Lenarczyk, Infrastruktur-Beauftragter im Rathaus von Wiskitki. Sie haben im Jänner begonnen, wenn das polnische Baugewerbe Winterpause macht – „und sogar in der größten Kälte gearbeitet.“ Einer der Arbeiter ist der 38-jährige Xu Chengbing aus der Provinz Anhui. Nach zwölf Stunden Nachtschicht kommt er in der Früh von der Baustelle. Wieviel er verdienen wird, weiß er noch nicht. Sein Lohn wird direkt nach China überwiesen. „In Polen erhalten wir kein Geld. Wir brauchen es nicht, hier haben wir Kost und Logis“, sagt er. Chinesische Köche bereiten die Mahlzeiten für die Arbeiter in einer umgebauten Garage zu.«

Beispiel 2: Erst wird die einst blühende Textilindustrie zerstört, dann kommen die Chinesen zurück und produzieren Klamotten „Made in Italy“

Prato, 180.000 Einwohner, ist eine Stadt mit­ten in der Tos­kana mit ei­nem gut er­hal­te­nen, na­he­zu intakten his­to­ri­schen Zen­trum, das von mit­tel­al­ter­li­chen Mau­ern um­geben ist. Seit der Mitte des 19. Jahr­hun­derts steht die Stadt für Textil­produktion. Prato war das Textilzentrum Europas, Weltmonopolist gar bei einigen Stoffen. Bis die Krise kam. Prato hat in den vergangenen 20 Jahren den Export halbiert; gut die Hälfte der einst 8.100 Firmen existiert nicht mehr; verloren gegangen ist innerhalb von zehn Jahren mehr als ein Drittel der Arbeitsplätze, 10.000 in der Stadt selbst, 20.000 in der Region.

Aber der Niedergang der italienischen Textilindustrie ist nur die eine Seite der Medaille: »Im selben Zeitraum sind etwa 4500 chinesische Firmen entstanden, bevorzugt in der Bekleidungsindustrie, genauer gesagt in dem, was man in Italien „pronto moda“ nennt: schnell gefertigte, schnell wechselnde Artikel, verkauft an Händler aus ganz Europa, Hauptsache billig. Mit geschätzten zwei Milliarden Euro erzielen Pratos Chinesen heute fast genau den Jahresumsatz, den die Pratesi selbst verloren haben. Und eine Krise kennen die Zuwanderer nicht, im Gegenteil. 20 000 von ihnen leben legal in der Stadt, weitere 25 000 oder gar 30 000 sind illegal da, Schwarzarbeiter, die ausgebeutet werden. Das Prato ist damit zu einem Viertel chinesisch.« Das berichtete Paul Kreiner Ende 2010 in diesem Artikel: „Made in Italy“ – Der Etikettenschwindel: »In den Kleidern, Jacken, Mänteln steht „Made in Italy“. Und das stimmt sogar. Sonst aber nichts: In der Textilstadt Prato hat sich eine chinesische Parallelwelt gebildet. Sie beschäftigt illegale Arbeiter und macht ihre eigenen Gesetze.«

„Die Chinesen sind so nette Leute“, sagt eine Frau auf dem Domplatz der Stadt. Fleißig seien sie und fröhlich. „Sie stehlen nicht, verkaufen unseren Kindern keine Drogen, überfallen sich höchstens gegenseitig.“

Tauchen wir einen Moment lang ein in diese ganz eigene chinesische Welt im Herzen Italiens – die zugleich ein ganz eigenes Wirtschaftssystem im Schatten in Umrissen erkennbar macht, das Sie in keinem der trockenen VWL-Lehrbücher finden werden: 

»Die Journalistin Silvia Pieraccini hat sich in diese Welt weiter vorgewühlt als jeder andere – und ein Buch geschrieben über die Mechanismen, mit denen die Chinesen zu Reichtum kommen. Mindestens die Hälfte der zwei Milliarden Jahresumsatz, dessen sind sich Pieraccini und die Polizei gewiss, kommt illegal zustande. Stoffe werden am Zoll vorbei ins Land geschmuggelt, ganze Schiffsladungen innerhalb eines Wochenendes verarbeitet und verkauft, ohne Rechnung, ohne Beleg. Steuerforderungen durchzusetzen ist den Behörden praktisch unmöglich: Ein chinesischer Betrieb, der sich im Visier der Fahnder weiß, schließt sofort – und der Bruder, der Schwager, der Onkel, der am Tag darauf eine neue Firma ins Handelsregister einschreibt, ist für die Versäumnisse eines früheren Unternehmers nicht zu belangen. Auf den Firmenschildern im Industriegebiet stehen nur Handynummern, genauso wie auf den Stellenanzeigen, die in Chinatowns Supermärkten hängen, vor denen sich abends nervös rauchende Chinesen drängen.

Laut der Italienischen Nationalbank werden aus Prato jeden Tag 1,2 Millionen Euro nach China überwiesen. Dabei erfasst die Nationalbank nur jene Geldtransfer-Büros, die amtlich registriert sind, nicht etwa jene verschwiegene Buchhaltung, über die laut Polizei in einem einzigen Monat 2009 mehr als sieben Millionen Euro geflossen sind. Dass Geldwäsche im Spiel ist, erscheint den Ermittlern offenkundig; mancher vermutet, Prato sei ein chinesisches Finanzzentrum in Italien …

Regelmäßig hebt die Polizei versteckte Nähereien aus, in denen junge Chinesen und Chinesinnen auf engstem Raum zusammengepfercht leben, essen, schlafen und arbeiten: unter prekären hygienischen Bedingungen, mit improvisierten Gasheizungen, bis zu 18 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zwei, drei Jahre lang – bis eben die zehntausend Euro oder mehr abbezahlt sind, die der illegale Einwanderer seinen Schleusern schuldet.
Das unsichtbare Heer der Schwarzarbeiter sei so groß, sagt Silvia Pieraccini, „dass die Chinesen in Prato jeden Tag eine Million Kleidungsstücke nähen können, also mehr als 360 Millionen pro Jahr“. Das „Made in Italy“ hat in diesen Fällen formal seine Berechtigung, „aber bei den Regeln, unter denen da produziert wird – mitten in Europa und in einer Zone mit den am härtesten erkämpften, stärksten Arbeiterrechten –, da stellen sich mir die Haare zu Berge.“

„Die Chinesen arbeiten viel, damit sie ihre Reisekosten zahlen und ihren Familien zu Hause umso mehr Geld überweisen können“, sagt dagegen ein chinesischer Arzt, der beim Ausländeramt der Stadt Prato als Behördenhelfer für seine Landsleute arbeitet. Die Leute seien jung, und sie seien nicht gezwungen worden, nach Italien zu gehen. Auch bei der chinesisch-italienischen Organisation Associna wehrt man sich gegen den Vorwurf einer verdeckten Sklaverei. Ausbeutung ja, aber Selbstausbeutung. Schließlich seien die Chinesen nicht an die Nähmaschinen gekettet. Und sie hätten ein Ziel: Sie wollen selber Unternehmer werden und ihrerseits andere Chinesen beschäftigen. Das erzeugt unter den Arbeitern ein Klima ohne Solidarität. Wer krank wird, fliegt raus. Faktisch ist die Belegschaft ihrem Arbeitsvermittler ausgeliefert. Er stellt den Nähern Wohnraum, Arbeit, Essen. „Bricht ein Element raus, bricht alles auseinander“, sagt Idalia Venco, die Caritas-Direktorin in Prato, und hofft darauf, „an die zweite Generation heranzukommen, an die Chinesen, die auf italienische Schulen gegangen sind“. Dann sagt sie den Satz, den in Prato viele sagen: „Wenn die Chinesen nicht nach Prato gekommen wären, hätte uns die Krise viel härter erwischt.“

Denn auch wenn viele Pratesi wegen der Krise ihre Firmen schließen mussten, gelang es ihnen doch zur selben Zeit, ihre Fabrikgebäude, ganze Industriegebiete und Wohnhäuser an die aufstrebenden Prato-Chinesen zu vermieten. Die zahlen jede Summe, und sie zahlen in bar. Umgekehrt haben einige Pratesi den Weltmarkt genutzt, um Bekleidung in China herstellen zu lassen.«

Nun wird der eine oder andere von Ihnen möglicherweise anfragen, ob das heute auch noch ist, denn der zitierte Artikel stammt ja aus dem Dezember 2010. Dann werfen wir einen Blick auf diesen Beitrag vom 27. Februar 2020, als das Corona-Virus in Europa in unser Leben getreten ist: Corona und die italienische Modeindustrie. Wie die Ausbeutung chinesischer Arbeiter zur Ausbreitung des Virus beiträgt, so ist der überschrieben: »Dass Italien hunderte Corona-Fälle hat, ist kein Zufall. Zehntausende Chinesen arbeiten illegal in Sweatshops – ohne Papiere, ohne Versicherung, ohne Gesundheitsversorgung. Die Profitgier der Modeindustrie ist an der Ausbreitung des Virus in Europa mit schuld«, wurde dort behauptet.

»„Pronto Moda“, so nennen die Italiener die chinesische Nähindustrie. Viele verbinden mit dem Begriff Armut, Ausbeutung, aber auch eine Billigkonkurrenz, die autochtone Arbeiter vom Markt verdrängt. Die Branche floriert: Italienische Modefirmen erwarten im Jahr 2020 einen Gesamtumsatz von 42 Milliarden Dollar. Die meisten italienischen Bekleidungsunternehmen sind Nähereien, viele davon Sweatshops, die keinen Vorschriften entsprechen. Arbeitsplatzsicherheit, Hygiene, Brandschutz, geregelte Arbeitszeiten? Fehlanzeige. Die meisten italienischen Bekleidungsunternehmen sind Nähereien, viele davon Sweatshops, die keinen Vorschriften entsprechen. Arbeitsplatzsicherheit, Hygiene, Brandschutz, geregelte Arbeitszeiten? Fehlanzeige.

Viele der chinesischen Arbeiter sind „U-Boote“, haben also keine Papiere und sind nirgends offiziell gemeldet. Die rund 1000 Euro, die sie im Monat verdienen können – für bis zu 16, manchmal auch 18 Stunden harter Akkordarbeit täglich – müssen sie sparen. Denn um eine offizielle Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, müssen die Zuwanderer Sozialversicherungsabgaben in der Höhe von etwa 25.000 Euro bezahlen. Dazu kommen die Schulden, die sie gemacht haben, um die Schlangenköpfe – so heißen die Schlepper, die sie nach Italien gebracht haben – bezahlen zu können. Mehr als 10.000 Euro kostet die gefährliche Reise üblicherweise.

Jahrelang haben die Arbeiter von ihrem hart verdienten Einkommen nichts. Deshalb schlafen sie in der Fabrik. Ärztliche Versorgung haben die zehntausenden Näherinnen und Näher nicht. Hustet in den engen Workshops und Matratzenlager einer, sind schnell alle krank …

Genau diese Arbeitsbedingungen bringen die chinesischen Arbeiter in Konflikt mit den italienischen. Weil die chinesischen Ausbeuterbetriebe so billig produzieren, drängen sie die italienischen Fabriken aus dem Geschäft. Rassismus und der Aufstieg rechter Parteien in den betroffenden Regionen sind die Folge. „Chinesen raus“, das steht an vielen Häuserwänden in Italiens Nähzentrum Prato.

Die Gewerkschaften fühlen sich für chinesische Illegale nicht zuständig. Als Reaktion gründeten chinesischstämmige Italiener 2006 eine eigene Gewerkschaft, die „Sindacato Cinese Nazionale“ (Si.Ci.Na). Sie nimmt auch Arbeiter auf, die keine Papiere haben. Die Begeisterung der italienischen Gewerkschaften hält sich in Grenzen …

Die Modeindustrie profitierte. Zu chinesischen Bedingungen und Preisen konnte sie Mode „Made in Italy“ herstellen lassen. Das individuelle Leid der Arbeiter auf der Suche nach einem besseren Leben spielte dabei keine Rolle.«

Das ist schon eine „krasse“ Geschichte – oder? Dann schauen wir zur Abrundung noch auf ein drittes Fallbeispiel, über das ganz aktuell am Anfang des Jahres 2022 berichtet wird:

Beispiel 3: Wenn Chinesen eine Kupfermine in Serbien, (noch) nicht in der EU, kaufen

Es geht um die Stadt Bor im Osten Serbiens, über die Adelheid Wölfl in ihrem Artikel Serbien: China kauft Kupfermine in Europa – und spielt nach eigenen Regeln berichtet: »Bor ist die Mine, die Mine ist Bor. Zwischen billigen Bekleidungsgeschäften mit glitzernden Trainingshosen sieht man Wettbüros, ein untrügliches Zeichen für Armut und Verzweiflung in Südosteuropa. Vor 120 Jahren wurde hier die Kupfermine eröffnet. 2018 investierte die Firma Zijin Mining Group aus China und deren Tochter, die Zijin Bor Copper, in das Unternehmen. Die Mine gehört nun zu 63 Prozent Zijin … Seit Zijin hier das Sagen hat, sind überall chinesische Schriftzeichen zu sehen, selbst der Tourismusprospekt der Stadt Bor ist auf Chinesisch und Serbisch zu lesen. Seitdem Zijin übernommen hat, ist aber auch das Kratzen im Hals sofort zu verspüren, wenn man aus dem Auto steigt. Die Luftverschmutzung ist extrem. Auf der Webseite der Stadtgemeinde kann man sich die Messungen ansehen: Die Feinstaubwerte lagen an acht Tagen im November 2021 über dem Grenzwert. Auch Schwefeldioxid und Blei verpesten die Luft …

Serbien hat sich in den vergangenen Jahren wie kein anderes Land in Europa wirtschaftlich an China gebunden, mit Krediten und mit Investoren. Die Konsequenzen sind ähnlich, wie man das bereits vor Jahren in Afrika beobachten konnte. Das strategische Investment des chinesischen Bergbauunternehmens brachte dem serbischen Staat eine Kapitalinvestition von etwa eineinhalb Milliarden Dollar ein. Doch es wächst der Zweifel daran, dass diese Investition wirklich gut war … 

Medien berichteten über die harschen Umgangsformen bei Zijin, auch von körperlichen Misshandlungen ist die Rede … Zijin hat seine eigenen Arbeiter aus China mitgebracht, 5.000 Menschen, die in einer Stadt wie Bor mit 35.000 Einwohner:innen eigentlich auffallen müssten, wären sie nicht in Containern untergebracht, abgeschottet hinter einer Mauer … Anfang 2021 gingen die chinesischen Arbeiter auf die Straße, klagten über mangelnde Versorgung und forderten eine Änderung der Unternehmenspolitik. In Bor bekommt man eine Ahnung davon, wie in China Arbeitnehmerrechte gehandhabt werden. Bei Zijin sollen die chinesischen Arbeiter praktisch ohne Pause von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends arbeiten. Niemand kennt die Höhe ihrer Gehälter, aber sie dürften sicher niedriger sein als jene für die serbischen Arbeiter … 

Bor ist nicht der einzige Ort in Serbien, wo Arbeiter in chinesischen Unternehmen unter sklavenartigen Bedingungen schuften müssen: Auch die Reifenfirma Linglong in Zrenjanin landete unlängst in den Schlagzeilen, weil zivilgesellschaftliche Organisationen publik gemacht hatten, dass 500 Arbeiter aus Vietnam, die für den Bau der Fabrik angeheuert worden waren, unter lebensgefährlichen Bedingungen beschäftigt sind.«

Und was macht der serbische Staat? »Der serbische Präsident konterte … auf Forderungen, dass Arbeitsrechte eingehalten werden müssten, mit dem Satz: „Wollen Sie, dass wir ausländische Investitionen aufgeben?“ Dies sei eine Kampagne gegen chinesische Investoren in Serbien, so Vucic.«

»Immerhin hat das EU-Parlament kürzlich eine Resolution angenommen. Darin wird kritisiert, dass chinesische Arbeiter in Serbien chinesischem Arbeitsrecht unterworfen werden dürfen. Die Parlamentarier zeigten sich zudem „zutiefst besorgt über die mutmaßliche Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzung und den Menschenhandel von rund 500 Vietnamesen“ in der Fabrik Linglong. Auch mutmaßliche Misshandlungen von chinesischen Arbeitern bei der Firma Zijin in Bor werden in der Resolution erwähnt. Das EU-Parlament forderte Serbien auf, die Angleichung an das EU-Arbeitsrecht zu verbessern und Inspektionen in den Unternehmen zu ermöglichen.« Man muss wissen, um das einzuordnen, dass Serbien gerne der EU beitreten möchte.

Was lernen wir daraus?

Zum einen, dass ein Teil der wirklichen Wirklichkeit der Wirtschaft ganz anders aussieht, als man das als Ökonom aus Lehrbüchern lernt. 

Und zum anderen: Die Chinesen sind nicht (nur) irgendwo im fernen Osten, sie sind bereits inmitten von Europa.