Der deutsche Außenhandel: Komparative Vor- und Nachteile

Die deutsche Wirtschaft ist in hohem Maße exportorientiert und damit auch exportabhängig. Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hängt vom Export ab. Gleichzeitig ist Deutschland als rohstoffarmes Land ebenso auf Importe angewiesen, insbesondere im Energiebereich.

Wer sind die wichtigsten Handelspartner Deutschlands? Und bei welchen Gütergruppen sind wir (aus deutscher Sicht) besonders gut, bei welchen hingegen sind wir von Importen aus anderen Ländern abhängig? Da hilft ein Blick in die Außenhandelsstatistik des Statistischen Bundesamtes.

»Im Jahr 2021 wurden nach vorläufigen Ergebnissen Waren im Wert von 245,7 Milliarden Euro zwischen Deutschland und der Volksrepublik China gehandelt (Exporte und Importe). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, war damit die Volksrepublik China im Jahr 2021 zum sechsten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner«, so das Statistische Bundesamt unter der Überschrift Die Volksrepublik China ist erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner. Schaut man sich die 20 wichtigsten Handelspartner Deutschlands an (gemessen am Außenhandelsumsatz) dann ergibt sich hinsichtlich der komparativen Vor- und Nachteile (bei der die Differenz von Exporten und Importen in Relation gesetzt wird zum jeweiligen Außenhandelsumsatz mit dem Land) das folgende Bild:

Mit China und Japan hatten wir 2021 erhebliche komparative Nachteile im Außenhandel (ebenso mit Russland), da Deutschland aus diesen beiden ostasiatischen Ländern in Relation zum gesamten Außenhandelsumsatz mehr importiert als exportiert. Die Nachteile im Außenhandel mit unseren Nachbarstaaten Slowakei, Tschechien und auch Ungarn resultieren vor allem aus den Produktionsstandorten deutscher Automobilhersteller in diesen Ländern.

➔ Aus der Berichterstattung der Medien vgl. beispielsweise diesen Bericht aus dem Jahr 2016: Osteuropa zieht Autobauer an: »Was für Nordamerika Mexiko ist, ist für Europa der Osten. Dort können Autobauer günstiger fertigen lassen als in Westeuropa und sie hoffen auf neue Märkte. Heute eröffnet Volkswagen ein Werk in Polen«, so Annika Grah und Heiko Lossie am 24. Oktober 2016, also Jahre vor der Corona- und der aktuellen Russland-Krise. »Fast zwei Drittel ihrer Fahrzeuge bauen die deutschen Autohersteller inzwischen im Ausland. In diesem Jahr liefen bis August 6,5 Millionen Pkw mit deutschem Label im Ausland vom Band, in Deutschland lediglich 4,4 Millionen. Und Osteuropa wächst: Nach einer Aufstellung der Unternehmensberatung EY haben die deutschen Anbieter seit 2010 gut neun Milliarden Euro in ihre Werke in der Region investiert und gut 14.000 Jobs geschaffen.« Und es wird darauf hingewiesen, dass die deutsche Automobilindustrie noch nicht einmal an der Spitze der Produktion in den osteuropäischen Ländern war: »Neben der VW-Tochter Skoda, die die größten Produktionsvolumina aufweist, finden sich unter den fünf Größten Hyundai, Renault, Fiat und Kia. VW selbst folgt als größter deutscher Produzent in Osteuropa erst auf Platz sieben.« Allerdings wurde schon damals erkennbar, dass sich das ändert: »Volkswagen plant auch Daimler künftig mehr Werke im Osten Europas. Im polnischen Jawor westlich von Breslau bauen die Stuttgarter bis 2019 ein neues Motorenwerk. Der 2012 eröffnete Standort Kecskemet 100 Kilometer südlich von Budapest bekommt für eine Milliarde Euro eine zweite Produktion. Darüber hinaus fertigt eine Daimler-Tochter in Rumänien Getriebe und Motorenteile. Auch Audi hat schon gut acht Milliarden Euro in sein Werk in Ungarn gesteckt. In Györ arbeiten inzwischen mehr als 11.000 Menschen. 2015 baute Audi dort zwei Millionen Motoren und 160.000 Autos. In einer Auftragsfertigung in Volkswagens Werk in Bratislava rollt außerdem der Audi Q7 vom Band. Dort, in der slowakischen Hauptstadt, baut VW auch eines seiner margenstärksten Modelle: den Touareg. Polen kennt nicht nur VWN schon gut aus Posen (Poznan), wo der Caddy und der Transporter entstehen. Auch die Konzerntöchter für die schweren Nutzfahrzeuge – MAN und Scania – sind in Polen daheim, genauso wie die 100-prozentige Konzerntochter Sitech, die Sitze baut. Gut ein Dutzend produzierende Standorte hat Volkswagen in Osteuropa.«
Und warum gerade in diesen osteuropäischen Ländern? Zum einen gibt es dort gut ausgebildete Arbeitskräfte und zum anderen – natürlich, die Löhne: »Schlagendes Argument für die Standorte im Osten sind die Arbeitskosten. Sie liegen laut einer Aufstellung des Verbands der Automobilindustrie (VDA) weit unter denen Deutschlands. Dort belaufen sich die Kosten pro Arbeiter und Stunde auf knapp 52 Euro, während in Polen und Ungarn nicht einmal zehn Euro fällig werden. Nur in Rumänien kostet Arbeit mit 5,90 Euro noch weniger.«
Übrigens kann man diesem Artikel auch ein Beispiel dafür entnehmen, dass man bei Prognosen immer vorsichtig sein sollte. Mit Blick auf die weitere Entwicklung der Produktionsstandorte wird der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen zitiert: „Das ist der Weg in den weiteren Osten – also nach Russland.“ 2022 würde so eine Vorhersage sicher anders ausfallen.

Und schon sind wir bei den wichtigsten Exportgütern angekommen, wenn man die an den komparativen Vorteilen des deutschen Außenhandels bemisst. Auch das kann man der Außenhandelsstatistik entnehmen (und mit deren Daten auch gleich die komparativen Nachteile berechnen). Dann kommt dieses Bild heraus:

Dazu schreibt das Statistische Bundesamt unter der Überschrift Wichtigstes deutsches Exportgut 2021: Kraftfahrzeuge: »Kraftwagen und Kraftwagenteile waren im Jahr 2021 mit 210,1 Milliarden Euro und einem Anteil von 15,3 % an den deutschen Gesamtexporten wie schon in den vergangenen Jahren Deutschlands wichtigste Exportgüter.«

»Auf Rang zwei folgten im Jahr 2021 Maschinen mit einem Anteil von 14,2 % (195,5 Milliarden Euro) an den Gesamtexporten Deutschlands. Chemische Erzeugnisse lagen mit einem Anteil von 10,0 % (137,0 Milliarden Euro) auf Rang drei.«

Da haben wir die drei Großen der deutschen Industrie: Automobilindustrie, Maschinenbau sowie die Chemie. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Industrie in Deutschland einen im Vergleich zu vielen anderen Ländern überdurchschnittlichen Anteil an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung hat und auch deutlich mehr Beschäftigte immer noch in der Industrie unterwegs sind als beispielsweise in Ländern wie Großbritannien oder den USA. Und es handelt sich dabei in der Regel um sehr gut bezahlte Jobs.

Hier zum Thema Industrie und ihre generelle Bedeutung sowie mit Blick auf die Chemie der Hinweis auf drei neue Veröffentlichungen für die Interessierten:

➔ Oliver Emons, Hendrik Steinhaus und Stefan Kraft (2022): Volkswirtschaftliche Bedeutung des industriellen Sektors in Deutschland. Eine vergleichende Analyse auf nationaler und internationaler Ebene. Mitbestimmungsreport Nr. 73, Düsseldorf: Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.), April 2022
»Die Analyse der deutschen Wirtschaftsstruktur anhand von volkswirtschaftlich relevanten Merkmalen bestätigt, dass sich die deutsche Volkswirtschaft, bestehend aus dem primären, sekundären und tertiären Wirtschaftssektor, in Übereinstimmung mit der Drei-Sektoren Hypothese der Volkswirtschaftslehre im strukturellen Umbruch befindet. In hoch entwickelten Volkswirtschaften wie der deutschen Volkswirtschaft zeigt sich dies darin, dass der Dienstleistungssektor im Vergleich zum Industriesektor und dem Land- und Forstwirtschafts- sowie Fischereisektor überproportionales Wachstum aufweist und folglich an Gewicht gewinnt.
Diese Sichtweise ignoriert jedoch absolute Wachstumseffekte des Industriesektors und vernachlässigt den Beitrag des Industriesektors zum volkswirtschaftlichen Wohlstand. Ein aussagekräftigeres Bild von der Bedeutung des Industriesektors bietet die Analyse der relativen und absoluten Produktionseffekte, Vorleistungsverflechtungen und Wertschöpfungsbeiträge, Beschäftigungs-, Entlohnungs- und Produktivitätseffekte, Abgaben- und Subventionseffekte, Konsum- und Investitionseffekte sowie Export- und Importeffekte.«

➔ Jan Büchel et al. (2022): Branchenportrait der Chemischen Industrie in Deutschland. IW-Report, Nr. 31/2022, Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), 2022
»Die chemische Industrie ist eine der wichtigsten Branchen der deutschen Volkswirtschaft. Sie zeichnet sich durch eine hohe Kapitalintensität aus und steht als Grundstoffproduzent für viele andere Branchen am Anfang der Wertschöpfungskette.
Jeder Euro direkte Wertschöpfung, der von Unternehmen der chemischen Industrie in Deutschland erwirtschaftet wird, stößt mehr als einen weiteren Euro zusätzlicher Wertschöpfung in der deutschen Wirtschaft an. Der überdurchschnittliche Anteil an Auslandsinvestitionen und Exporten zeigt den hohen Internationalisierungsgrad der deutschen Chemie.
In der längerfristigen Perspektive erweisen sich die Unternehmen der Chemieindustrie im Vergleich zu vielen anderen Branchen als verlässliche Arbeitgeber, die auch in Krisenphasen einen Arbeitsplatzabbau so gut es geht zu vermeiden suchen. Das zeigt ein vergleichender Blick auf die Entwicklung von Wertschöpfung und Arbeitsvolumen seit der Jahrtausendwende. Zudem gehört die Chemieindustrie zu den exportstarken Branchen in Deutschland und weist einen anhaltenden Handelsbilanzüberschuss auf. Bedenklich stimmt dagegen, dass sich die Standortbedingungen (insbesondere Strompreise) in Deutschland offenbar im Zeitverlauf verschlechtert haben, sodass sich die Investitionen der Chemieindustrie weniger dynamisch entwickelt haben als im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt. Trotz zuletzt wieder leicht anziehender Investitionstätigkeit im Zuge der anstehenden Transformationsprozesse in Richtung Digitalisierung und zirkulärer Wirtschaft kam es seit Mitte der 2000er Jahre zu einem langsamen, aber anhaltenden Schrumpfen des Kapitalstocks in der Chemiebranche. Das ist ein Warnsignal für die Politik gerade mit Blick auf die umwelt- und klimapolitischen Rahmenbedingungen für diese energieintensive Branche. Hier mangelt es an Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit.
Von hoher Bedeutung sind in dieser Hinsicht Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Zu diesen Politikbereichen leistet die chemische Industrie durch die Vermeidung von Emissionen und durch Kreislaufführung bereits große Beiträge. Damit die Unternehmen der Chemieindustrie perspektivisch klimaneutral werden können, müssen Rahmenbedingungen und Anreize stimmen. Denn hohe Kosten für die Nutzung klimafreundlicher Energie und mangelnde Wirtschaftlichkeit klimafreundlicher Geschäftsmodelle stehen einer erfolgreichen Transformation genauso entgegen wie energie- und klimapolitische Unsicherheit.
Wichtige Voraussetzungen für den zukünftigen Erfolg der chemischen Industrie sind die Verfügbarkeit von Fachkräften und eine funktionierende Digitalisierung. Die Branche ist beim Messen, Steuern und Regeln bereits gut aufgestellt. Prozesse, Qualifizierung sowie Forschungsaktivitäten sind bereits überdurchschnittlich digitalisiert, wohingegen Produkte und Geschäftsmodelle weniger digitalisiert sind als im Durchschnitt der Branchen. Durch Digitalisierung kann die chemische Industrie zudem Potenziale zur Steigerung der Ressourceneffizienz heben.«

Und eine etwas andere Perspektive auf die Chemieindustrie als in der Studie aus dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft finden Sie hier, wo eher die gewerkschaftliche Perspektive im Vordergrund steht:

➔ Alexander Bendel und Thomas Haipeter (2022): Die chemische Industrie zwischen Globalisierung und Industriepolitik. Der gegenwärtige Forschungsstand zur Transformation der deutschen Chemieindustrie, Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung, April 2022
»Die vorliegende Studie bündelt den gegenwärtigen Forschungsstand zur sozial-ökologischen Transformation in der deutschen Chemieindustrie. Sie beschreibt allgemeine Charakteristika der Branche (Struktur, Beschäftigtenzahl und -qualifikation), gibt einen Überblick über die Treiber und Rahmenbedingungen der sozial-ökologischen Transformation in der chemischen Industrie und arbeitet dabei heraus, dass die sozial-ökologische Transformation von weiteren Veränderungsprozessen innerhalb der Branche gerahmt und beeinflusst wird (Globalisierung, Digitalisierung sowie sich verändernde Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle). Zugleich analysiert sie die Instrumente, mit deren Hilfe die sozial-ökologische Transformation in der Chemieindustrie möglicherweise erfolgreich gestaltet werden kann bzw. soll. Ein Fokus liegt dabei auf der Beschreibung technologischer Veränderungen, infrastruktureller Voraussetzungen und damit in Verbindung stehender staatlicher Programme. Ein weiterer Fokus richtet sich auf absehbare Konsequenzen der sozial-ökologischen Transformation für quantitative und qualitative Beschäftigungseffekte und die Entwicklung von Arbeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsbedingungen. Schließlich wird der Blick auf die Strategien und Ziele der Verbände im Feld der Chemieindustrie vor dem Hintergrund der Transformation gerichtet. Neben den Unternehmensverbänden und Gewerkschaften wird dabei auch auf Positionen von NGOs eingegangen.
Im Ergebnis zeigt sich, dass die Dekarbonisierung von den Unternehmen der chemischen Industrie einen Umbruch sowohl der Produktionstechnologien als auch der Produkte erfordert. Der Verzicht auf Kohlenstoff als Treiber des Klimawandels setzt die Ersetzung fossiler Energieträger durch regenerativ erzeugten Strom und eine Umstellung der Rohstoffbasis auf Wasserstoff und andere regenerative Rohstoffe wie Biomasse voraus. Um die aktuellen Klimaziele zu erreichen, müssen neue Produktionstechnologien eingeführt werden, bevor sie gegenüber den konventionellen Technologien wirtschaftlich sind (plus dem Preisaufschlag des europäischen Zertifikatehandels). Zugleich zieht die damit verbundene Umrüstung der Produktion auf regenative Energien einen stark ansteigenden Strombedarf nach sich. Unverzichtbare Voraussetzungen der Transformation sind deshalb der rasche Ausbau der Produktion grünen Stroms aus klimaneutralen Quellen (wie Wind- und Sonnenkraft) und die Weiterentwicklung der Energieinfrastruktur zur Sicherstellung der Versorgung mit grünem Strom.
Fragen der Technologie und Wirtschaftlichkeit sind in der Forschung zur Dekarbonisierung der chemischen Industrie deutlich besser ausgeleuchtet als Einschätzungen zur Entwicklung von Beschäftigung und Arbeitsbedingungen. Während die Beschäftigungsprognosen einigermaßen einheitlich eine leichte Absenkung des Beschäftigungsvolumens in der Branche vorhersagen, ist der Wandel von Arbeit bislang kaum scharf bestimmt. Klar scheint nur, dass für die Beschäftigten die Kompetenz für die Entwicklung und Nutzung der neuen Technologien an Bedeutung gewinnen dürfte.«