Der deutsche Außenhandel mit der Ukraine und Russland – bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022. Und ein Blick auf die Abhängigkeiten von Importen aus Russland jenseits von Erdgas

Ich hatte Ihnen für die Übungsveranstaltung Daten zum deutschen Außenhandel mit der Ukraine und Russland zur Verfügung gestellt. Beginnen wir mit einem Blick auf die Ukraine.

Im vergangenen Jahr, also 2021 wurden Güter im Wert von 5,4 Mrd. Euro in die Ukraine exportiert, der Wert der Importe aus der Ukraine belief sich auf 3,12 Mrd. Euro, so dass Deutschland mit der Ukraine wie mit vielen anderen Ländern auch einen Exportüberschuss erwirtschaftet hat.

Interessant ist ein differenzierter Blick auf die Exporte und Importe nach Gütergruppen. Zuerst die Exporte im vergangenen Jahr:

Wenn man sich die vier Gütergruppen anschaut, die ganz oben stehen, dann erkennen Sie wie in einem Lehrbuch die drei großen Säulen der deutschen Industrie und damit auch der Schwergewichte des deutschen Außenhandels: Maschinenbau, Automobilindustrie sowie Chemie/Pharmazie.

Und wie sieht es bei den Importen aus?

Für die Bewertung der Auswirkungen des Krieges gegen die Ukraine aus deutscher Sicht besonders relevant ist die zweite Position im Ranking der Importgüter: Kraftwagen und Kraftwagenteile. Fast eine halbe Milliarde Euro wird hier verbucht – und das verweist auf die Zulieferer der deutschen Automobilindustrie, die ihre Produktionsstätten in der Ukraine haben (bzw. hatten). Und die seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 zu beobachtenden erheblichen Störungen bzw. dem Zusammenbruch wichtiger Lieferketten.

Beispiel „Kabelbäume“ aus der Ukraine für die Automobilindustrie: Bereits im März 2022 wurde berichtet: »Längst ist die automobile Lieferkette infolge des Ukraine-Krieges an vielen Stellen unterbrochen. Es mangelt vor allem an Kabelbäumen. In der EU stammt etwa jeder siebte verbaute Kabelbaum aus dem osteuropäischen Land.« Dem Beitrag Ukraine-Krieg sorgt für Kabelbaum-Engpass in Deutschland kann man entnehmen: »In den europäischen Fahrzeugwerken fehlen derzeit Kabelbäume beziehungsweise Bordnetze aus der Ukraine. Wie viele andere Unternehmen auch, hat der Nürnberger Bordnetzspezialist Leoni nach Kriegsbeginn seine Werke in der Ukraine geschlossen … In der Ukraine werden rund 7 % der Bordnetze für die Automobilwerke in der Europäischen Union (EU) gefertigt, wie eine Studie der Strategieberatung AlixPartner auf Basis der Comtrade-Daten von 2020 angibt. So bestehe, wie Analyst Frank Biller von der LBBW erklärt, in einem Worst-Case-Szenario das Risiko eines Produktionsausfalls von bis zu 650.000 Fahrzeugen in Europa beziehungsweise rund 4 %.«
Rückblickend: »Zahlreiche Zulieferer haben sich in den letzten Jahren in der Ukraine angesiedelt. Seit 1998 haben insgesamt 22 ausländische Automobilzulieferer etwa 600 Millionen Dollar in den Aufbau von 38 Produktionsstandorten in der Ukraine investiert, wie Alix Partners die Angaben der ukrainischen UkraineInvest zitiert. An diesen Standorten würden rund 60.000 Menschen arbeiten. Den mit Abstand bedeutendsten Teil der Zulieferer bilden dabei die Hersteller von Kabelbäumen sowie damit einhergehend konfektionierte Kabel, Stecker und Elektronikkomponenten. „Fast jeder der globalen Top 10 Hersteller von Fahrzeugkabelbäumen hat zumindest einen Montagestandort in der Ukraine“, gibt Alix Partners an. Die Ukraine biete ein vergleichsweise niedriges Lohnniveau bei gleichzeitiger Nähe zu Zuliefer- und Fahrzeugproduktionsstandorten in Polen, Rumänien, der Slowakei und auch Deutschland. Daher hätten sich die meisten Zulieferer im Westen der Ukraine niedergelassen.«
Die Folgen sind erheblich: »Für die Automobilindustrie ist die Situation kritisch. Zu den ersten Montageumfängen gehört der Kabelsatz beziehungsweise Kabelbaum. Der Kabelbaum ist einer der aufwendigsten und teuersten Komponenten. „In den Kabelsätzen (KS) moderner PKWs werden einige Kilometer an Kabeln und Leitungen verbaut, einige tausend Kontaktstellen sind verbunden, gewichtsmäßig liegt man im Bereich von 50 kg“ … Ohne dieses Bordnetz lässt sich kein Fahrzeug fertigen. Fehlen Kabelbäume, stehen die Fabrikbänder – wie aktuell bei BMW, Volkswagen und Porsche – still.«
Im Hintergrund wirkt die jahrelange Verlagerung von Produktionsstätten aus Kostengründen – und die Strategie eines ebenfalls kostensenkungsinduzierten Abbaus von Lagerkapazitäten: »Die Herstellung von Kabelbäumen erfolge, so Alix Partners, nach wie vor stark in Handarbeit, insbesondere bei individuell konfigurierten Kabelbäumen. „Eine automatisierte Fertigung von Kabelbäumen ist bislang noch nicht von Vorteil, u.a. auch aufgrund mangelnder Standards“, so die Analysten. Aus diesem Grund hätten Kabelbaumhersteller ein weites Netzwerk von Montagestandorten in den Niedriglohnregionen Osteuropa (circa 150 Standorte) sowie Nordafrika (rund 50 Standorte) aufgebaut. Diese Standorte belieferten die Fahrzeughersteller in Zentraleuropa (Italien, Deutschland, Frankreich) und in Vereinigten Königreich (UK). Bei Kabelbäumen gebe es keine großen Lagerbestände, da diese häufig kundenspezifisch gefertigt werden. Dem Exportumsatz zufolge liege die Ukraine mit 3,4 % des globalen Umsatzes an zehnter Stelle aller Kabelbaum-exportierenden Länder.«
Deutschland ist besonders betroffen: »Besonders Deutschland ist von Kabelbäumen und deren Komponenten aus ukrainischer Herstellung abhängig. „Fast die Hälfte des Kabelbaum-Exportvolumens der Ukraine geht direkt nach Deutschland. Indirekt ist der Wert noch weit höher, zumal Kabelbäume und deren Komponenten aus der Ukraine auch zur Montage kompletter Kabelbäume z.B. nach Rumänien exportiert werden. Und diese gehen zum großen Teil ebenfalls an deutsche Fahrzeugfertigungsstandorte“, erklärt Alix Partners. Auch Automobilzulieferer sowie Komponentenwerke der OEMs etwa in Polen würden Kabelkomponenten aus der Ukraine beziehen und könnten aufgrund des Mangels weitere Fahrzeugsysteme (zum Beispiel Motoren) nicht mehr herstellen. Italien, Frankreich und England werden hingegen fast nicht direkt aus der Ukraine beliefert. Aus Gründen der Logistik würden diese ihre Kabelbäume häufig aus Nordafrika beziehen … „Mit 11,6 % der von Deutschland importierten Kabelbäume und deren Komponenten liegt die Ukraine an dritter Stelle“, heißt es. Weitere indirekte Abhängigkeiten würden sich aus Kabelbaum-Bezug aus Rumänien, Tschechien, Polen oder Ungarn ergeben, für welche die Ukraine zum Teil als Unterlieferant dient.«
Was kann man tun?
»Die einzige Möglichkeit, der Krise zu begegnen, sei eine schnelle Verlagerung der Produktion beziehungsweise Montage, rät Alix Partners. Einige Zulieferer hätten bereits vor Monaten den nahenden Konflikt vorhergesehen und ihre hochvolumigen Kabelbäume und Komponenten aus der Ukraine heraus schrittweise verlagert, so etwa Aptiv laut Aussage ihres CEOs Kevin Clark in „Automotive News Europe“. Dabei gestalte sich die Verfügbarkeit und das Einlernen von Personal, die Verlagerung der Montageboards sowie des Testequipments als die größte Herausforderung … Eine Verlagerung der Produktion an andere Standorte sei nur eingeschränkt möglich – das Bordnetz ist ein „Just-in-Sequence“-Zulieferteil – teuer und könnte zwischen drei bis sechs Monaten dauern. In dieser Phase käme es zu geringeren Produktionszahlen bei den Automobilherstellern und geringeren Abrufzahlen bei den Zulieferunternehmen.«

Mit Russland sieht das nun aber ganz anders aus

Schauen wir zuerst einmal auf die langfristige Entwicklung des Außenhandels mit Russland:

Im vergangenen Jahr 2021 hat Deutschland Güter im Wert von 26,6 Mrd. Euro in die Russische Föderation exportiert – zugleich verzeichnet die Außenhandelsstatistik Importe in einer Größenordnung von mehr als 33 Mrd. Euro. Hier die grafische Aufarbeitung der nach Gütergruppen differenzierten Exporte und Importe im deutschen Außenhandel mit Russland:

Mit Blick auf die Exportseite zeigt sich ein mit der normalen Struktur des deutschen Außenhandels vergleichbare Situation, also die drei großen Schwergewichte der deutschen Industrie stehen auch hier auf den obersten Plätzen im Export-Ranking.

Anders als mit den meisten anderen Ländern der Welt verzeichnet Deutschland allerdings einen Importüberschuss mit der Russischen Föderation, im vergangenen Jahr lag dieser Importüberschuss bei über 6,4 Mrd. Euro.

Man kann der Abbildung mit den Importen nach Gütergruppen entnehmen, dass der Importüberschuss vor allem durch Energielieferungen hervorgerufen wird, 2021 waren das fast 20 Mrd. Euro für Erdöl und Erdgas.

Aber auf Platz 2 des Import-Ranking stehen mit 4,47 Mrd. Euro die „Metalle“. Das liest sich unscheinbarer als es vor dem Hintergrund der vor allem mit Blick auf die Energieimporte diskutierten problematischen Abhängigkeitsstrukturen in Wirklichkeit ist. Sie werden interessante Parallelen zu der Behandlung der außenwirtschaftlichen Beziehungen mit China erkennen können, die wir in der vergangenen Woche behandelt haben:

Die deutsche Volkswirtschaft ist nicht nur schwer abhängig von Energielieferungen aus Russland. Auch bei „Metallen“ tut sich ein Abgrund auf

»Russland ist nicht nur ein wesentlicher Gas-Exporteur für Deutschland, sondern liefert auch wichtige Rohstoffe für die deutsche Industrie. Deutschland und der Weltmarkt sind vor allem bei Nickel, Palladium und Chrom abhängig von russischen Exporten. Dies sind Rohstoffe, die zum Teil schwierig zu substituieren sind. Daher sind neue Handelsbeziehungen zu alternativen Exportnationen für diese Rohstoffe essenziell.« So eine kurze Zusammenfassung dieser neuen Kurzstudie aus dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW):

➔ Cornelius Bähr et al. (2022): Rohstoffabhängigkeiten der deutschen Industrie von Russland. IW-Kurzbericht Nr. 31/2022, Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), 2022

In der Diskussion um ein mögliches Gas-Embargo und die Auswirkungen anderer Sanktionen stellt sich die Frage, wie sehr Deutschland nicht nur vom russischen Gas, sondern auch von anderen russischen Rohstoffen abhängig ist. Es zeigt sich, dass Russland besonders bei Nickel, Palladium und Chrom eine wichtige Rolle als Exporteur für Deutschland und den Weltmarkt spielt.

Schauen wir einmal genauer in die Kurzstudie aus dem IW:

»Auf den ersten Blick erscheint ein Aussetzen der Handelsbeziehungen mit Russland für Deutschland verkraftbar. Schließlich bezog Deutschland im Jahr 2019 nur 2 Prozent seiner Importe aus Russland. Dabei entfielen insgesamt 7 Prozent auf Rohstoffe. Der Anteil von russischen Importen bei einzelnen Rohstoffen ist jedoch sehr heterogen.«

Die Ergebnisse zeigen, dass Deutschland vor allem bei Nickel von russischen Importen abhängig ist:

»40 Prozent aller Nickelimporte stammten 2019 aus Russland. Dabei ist Russland nicht nur für Deutschland, sondern auch für den Weltmarkt ein wichtiger Nickel-Lieferant. Über 10 Prozent der weltweiten Nickel-Exporte kommen aus Russland. Somit nimmt Russland Platz drei im Ranking weltweiter Nickel-Exporteure ein. Dies heißt aber auch, es gibt alternative Export-Länder, an die sich Deutschland bei einem Lieferungsstopp aus Russland wenden könnte: Indonesien und Kanada belegen Platz eins (17,5 Prozent) und Platz zwei (11,8 Prozent) im weltweiten Ranking von Nickel-Exportnationen. Dass Exporte nur die Handelsbilanz, nicht aber zwangsläufig die Produktionswirklichkeit abbilden, zeigt auch ein Blick auf die Produktionsstätten: Indonesien produziert mit 31,3 Prozent der Weltproduktion am meisten Nickel, gefolgt von den Philippinen mit 13,8 Prozent. Allerdings führte der indonesische Exportstopp von Nickel im Jahr 2020 zu einem Handelsstreit zwischen der Europäischen Union (EU) und Indonesien. Die EU legte bei der World Trade Organisation Beschwerde ein. Mit einer Entscheidung der WTO ist jedoch erst Ende dieses Jahres zu rechnen … Nickel wird derzeit noch überwiegend in der Herstellung korrosionsfreier Stahllegierungen verwendet. In Zukunft gewinnt die Verwendung in Batterien für die Elektromobilität eine zunehmende Bedeutung.«

Aber es geht noch weiter:

»25,3 Prozent seiner Palladium-Importe bezieht Deutschland aus Russland. Russland ist bei Palladium in unverarbeiteter Pulverform somit Deutschlands wichtigster Handelspartner (mit einem Importwert von über 760 Millionen Euro in 2019). Die Palladium-Produktion in Russland beläuft sich auf 42 Prozent der weltweiten Produktion von Palladium. Daher ist es nicht erstaunlich, dass russische Exporte insgesamt fast 20 Prozent der Gesamtexporte von Palladium weltweit ausmachen und das Land somit als Exportweltmeister bei Palladium gilt. Knapp dahinter liegen das Vereinigte Königreich, die USA und Südafrika mit jeweils 18 Prozent, 14 Prozent und 13 Prozent. Zu den größten Produzenten gehören Südafrika, Kanada und Simbabwe. Die große Abhängigkeit Deutschlands und des Weltmarktes von russischem Palladium könnte auf eine weitere Problemsituation neben der viel diskutierten Abhängigkeit von Gas-Importen aus Russland hinweisen. Palladium wird vor allem beim Bau von Autokatalysatoren, in der chemischen Industrie und in der Elektrotechnik verwendet und ist somit ein essenzieller Inputfaktor bei führenden deutschen Industrien. Eine Substitution von Palladium mit Platin ist möglich, jedoch auch kostspielig.«

»Bei Chrom kommen die russischen Importe auf über 20 Prozent aller deutschen Importe. Zwar machen russische Exporte nur etwa 6 Prozent der weltweiten Chrom-Exporte aus, jedoch liegt Russland damit immerhin auf Platz vier der Chrom-Exportnationen. Hier ist Südafrika ein potenzieller Ersatz-Kandidat für russisches Chrom. Das Land ist etwa für die Hälfte der weltweiten Chrom-Exporte verantwortlich. Auch Kasachstan (19 Prozent) und Indien (8 Prozent) sind weltweit wichtige Exporteure von Chrom. Das Metall kommt in der Produktion von Edelstählen zum Einsatz und wird in der Herstellung von Chemikalien und Pigmenten verwendet.«

Fazit: »Der Blick auf die Handelsstatistiken macht deutlich, dass nicht nur Deutschland, sondern auch der Weltmarkt im Hinblick auf Rohstoffe von Russland abhängig ist. Russland ist ein Rohstoffgigant.«

Interessant sind dann die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen aus dem Institut der deutschen Wirtschaft:

»Daher ist es wichtig, dass Freihandelsabkommen wie TTIP und CETA mit anderen rohstoffreichen und möglichst stabilen Demokratien wie USA, Kanada und Südafrika weiter vorangetrieben und ausdefiniert werden. Es zeigt sich analog zu der Lieferkettenproblematik, dass eine weitere Diversifizierung essenziell für eine stabile Versorgungssicherheit ist. Zu prüfen ist auch, welche nationalen und europaweiten Kapazitäten für einen Abbau und die Weiterverarbeitung essenzieller Rohstoffe möglich sind. Die dritte Möglichkeit umfasst das Recycling als Quelle von Sekundärrohstoffen und unterstreicht die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft in Deutschland und Europa.«

Da tauchen höchst relevante Begrifflichkeiten aus der volkswirtschaftlichen Diskussion auf, wie beispielsweise „Kreislaufwirtschaft“, die Ihnen dann an anderer Stelle, so bei der Diskussion über die Bekämpfung der Folgen des Klimawandels, wieder auf die Füße fallen werden.