Der deutsche (und europäische) Außenhandel unter mehrfachen Druck: China, Russland (sowie die Ukraine). Und warum es in diesen Tagen kein Vergnügen ist, Konjunkturprognosen zu erstellen

Ich hatte Ihnen in der Vorlesung einige Befunde zur Bedeutung des Außenhandels mit China präsentiert – vor dem Hintergrund, dass China schon seit einigen Jahren als der größte Handelspartner Deutschlands ausgewiesen wird. Dabei ging es vor allem um die überaus bedeutsame Frage nach den Abhängigkeiten bei kritischen Gütern und Rohstoffen. Fremerey/Obst (2022) bilanzieren in ihrer Analyse: »In den letzten Jahren haben sich ausgewogene Handelsbeziehungen zwischen Europa und China eingestellt. Deutschland ist von chinesischen Vorleistungen aber stärker abhängig als andersherum. Auch der Absatzmarkt China spielt eine bedeutsame Rolle für unser Land. Beide wirtschaftlichen Verflechtungen sind aber keineswegs dominierend. Durch die hohe Zukunftsrelevanz und die geringen Substitutionsmöglichkeiten ergibt sich bei bestimmten Rohstoffen, wie Seltene Erden, eine kritische Abhängigkeit der Welt und Deutschland von China. Auf dem Weg zur Unabhängigkeit von russischen Energieträgern könnte Deutschland sich also in neue Abhängigkeiten zu China begeben.«

Hier noch ergänzend zu der Fremerey/Obst-Studie der Hinweis auf eine weitere neue Veröffentlichung, die sich mit dem Abhängigkeitsthema beschäftigt:

➔ Andreas Baur und Lisandra Flach (2022): Deutsch-chinesische Handelsbeziehungen: Wie abhängig ist Deutschland vom Reich der Mitte?, in: ifo Schnelldienst, Nr. 4/2022
»Die Volksrepublik China ist in den letzten Jahren zu Deutschlands wichtigstem Handelspartner im internationalen Güterhandel aufgestiegen. Doch welche Abhängigkeiten ergeben sich daraus für die deutsche Wirtschaft? Im Rahmen einer Umfrage des ifo Instituts geben 46% aller Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland an, derzeit auf wichtige Vorleistungen aus China angewiesen zu sein. Von diesen Unternehmen plant allerdings auch fast jedes zweite, die Importe aus China in Zukunft zu reduzieren. Als wichtigste Gründe für diese Reduktion geben die Unternehmen den Wunsch nach einer stärkeren Diversifizierung, den störungsanfälligen und kostspieliger gewordenen Transport sowie politische Unsicherheit an. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene zeigt sich unter Berücksichtigung direkter und indirekter Wertschöpfungsverflechtungen, dass China als Zulieferer und Absatzmarkt eine wichtige, aber keinesfalls dominante Rolle für Deutschland einnimmt. Allerdings lassen sich mehrere kritische Industriegüter und Rohstoffe identifizieren, die Deutschland aus China bezieht und derzeit nur sehr schwer substituieren könnte.«

Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit dem deutsch-chinesischen Außenhandel habe ich Ihnen den Außenhandel mit der Ukraine und Russland präsentiert und dabei die partiell durchaus kritische Abhängigkeit Deutschlands und der EU nicht nur von russischen Energielieferungen, sondern auch bestimmten Rohstoffen herausgestellt (dazu der Blog-Beitrag Der deutsche Außenhandel mit der Ukraine und Russland – bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022. Und ein Blick auf die Abhängigkeiten von Importen aus Russland jenseits von Erdgas vom 13. Juni 2022.

➔ Dazu ein ergänzendes Fallbeispiel über mögliche Folgewirkungen des Konflikts mit Russland aus der Praxis: Das Beispiel betrifft ein Nahrungsmittel, das Sie alle kennen: Fischstäbchen. Selbst die sind bedroht, folgt man diesem Artikel: Bangen um das Fischstäbchen: »Deutsche Produzenten von Tiefkühlfisch haben zunehmend Mühe, geeigneten Importfisch zu bekommen. Grund dafür sind nicht nur Lieferkettenprobleme, auch der Ukraine-Krieg spielt eine Rolle.« Was ist da los? »Als Fischstäbchen, Schlemmerfilets oder Backfisch landet er auf deutschen Tellern: Alaska-Pollack, der auch unter dem Namen Alaska-Seelachs bekannt ist. Doch anders als der Name vermuten lässt, kommt dieser nicht ausschließlich aus Alaska, sondern in erster Linie aus russischen Gewässern. Ein Importverbot für russischen Fisch gibt es bislang nicht. Im April beschloss die EU-Kommission ein Sanktionspaket, das zwar die Einfuhr von Krebstieren und Kaviar aus Russland verbietet, jedoch nicht für Fisch. Sollten die Importsanktionen ausgeweitet werden, würden die deutschen Fischverarbeiter in Schwierigkeiten geraten, sagt Christopher Zimmermann vom Thünen-Institut für Ostseefischerei voraus. Denn rund 70 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Pollacks stammen aus Russland. „Dieser Verlust wäre nicht auszugleichen. Es gibt einfach keine Fischart auf der Welt, durch die man den Alaska-Pollack ohne Weiteres ersetzen könnte“, so der Experte … Auch wenn das Russland-Geschäft weiterhin möglich sein sollte, kann die EU nicht langfristig mit dem russischen Fisch rechnen. Das Thünen-Institut skizziert ein weiteres Problem: Genau wie die amerikanischen Fischereien seien auch die russischen MSC-zertifiziert. Wenn unter den aktuellen Umständen nicht überprüft werden kann, ob die Standards dieses Nachhaltigkeitszertifikats eingehalten werden, verlieren die russischen Fischereien das Label nach einem Jahr. „Es gibt zurzeit keine Fischstäbchenkrise“, sagt Christopher Zimmermann, „auf lange Sicht gesehen ist das aber vermutlich unvermeidbar.“« Aber nicht nur der Konflikt mit Russland macht den Herstellern von Fischstäbchen Probleme.
»Das Unternehmen Frozen Fish International, das in Bremerhaven Tiefkühlfisch für die Marke Iglo verarbeitet, musste bereits 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Abteilungen Produktion und Technik in die Kurzarbeit schicken. Hauptgrund war aber nicht der Ukraine-Krieg, sondern das Problem mit den internationalen Lieferketten. Lockdowns in China sorgen seit Beginn der Pandemie zu großen Verzögerungen. Zuletzt war der weltgrößte Hafen in Shanghai betroffen. Vor wenigen Tagen legte außerdem ein Warnstreik alle großen deutschen Seehäfen für Stunden lahm, was die Situation zusätzlich verschärfte.« Rund 42.000 Menschen in Deutschland arbeiten in der Fischerei und der Fischverarbeitungsindustrie.

Und dem Artikel können Sie auch noch eines dieser unglaublichen Beispiele entnehmen, zu welchen wirklich fragwürdigen Wertschöpfungsketten die Hyperglobalisierung der Vergangenheit geführt hat. Lesen Sie das mal: »Bei dem Iglo-Produzenten stammten die Fischprodukte aus Alaska-Seelachs hauptsächlich von amerikanischen Fischereien, heißt es von Frozen Fish. Ein Teil des Fisches komme aber auch aus russischen Gewässern. Nach dem Fang wird dieser nach China gebracht und dort filetiert, bevor er dann in Deutschland zu Tiefkühlprodukten verarbeitet wird.«

Und der bange Blick auf die Abhängigkeiten der deutschen und europäischen Volkswirtschaft von China und Russland geht weiter. Eine weitere Studie

»Eine Bestandsaufnahme der gegenseitigen Abhängigkeiten im Außenhandel zwischen der EU und Deutschland auf der einen Seite und China und Russland auf der anderen ist nötig, um in der Zeitenwende politische Ableitungen auf gesicherter empirischer Grundlage vornehmen zu können.« Das sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln:

➔ Jürgen Matthes (2022): Gegenseitige Abhängigkeit im Handel zwischen China, der EU und Deutschland. IW-Report Nr. 35/2022, Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), 2022

Zuerst China: »Auf der EU-Importseite kommen 2 Prozent der gesamten Wertschöpfung im EU-Endverbrauch aus China und auf der EU-Exportseite gehen 2 Prozent der gesamten EU-Wertschöpfung in den chinesischen Endverbrauch ein. Die Anteile für China betragen import- und exportseitig jeweils 2,2 Prozent, damit ist Chinas Abhängigkeit bei diesem entscheidenden Maß nur noch geringfügig höher. Exportseitig lässt sich auch die wertschöpfungsbezogene Arbeitsplatzabhängigkeit berechnen. Gemessen an der Gesamtbeschäftigung sind die Anteile auf beiden Seiten ähnlich gering wie bei den gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfungs-Anteilen. Doch in absoluten Zahlen unterscheiden sie sich deutlich im Jahr 2018: In China hängen 15,7 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Endverbrauch der EU und 4,1 Millionen vom Endverbrauch Deutschlands ab, während es in der EU rund 3,5 Millionen und in Deutschland rund 1,1 Millionen Arbeitsplätze sind, die am Endverbrauch in China hängen. Deutschland ist auf der Exportseite anteilsmäßig deutlich stärker von China abhängig als umgekehrt: 2,7 Prozent der deutschen gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung und 2,4 Prozent der Gesamtbeschäftigung sind vom Export nach China abhängig. Bei China sind es dagegen nur 0,5 und 0,6 Prozent.«

»Sorgen bereitet vor allem die Entwicklung der Abhängigkeiten. Die EU und Deutschland bauen ihre Handelsanteile mit China immer weiter aus … Dagegen verringert China seine Abhängigkeit bei den entscheidenden gesamtwirtschaftlichen Handelsanteilen, vor allem weil Chinas Handelsoffenheit seit rund 15 Jahren sinkt. Waren im Jahr 2007 noch 4,4 Prozent der gesamten chinesischen Wertschöpfung vom Endverbrauch der EU abhängig, sind es zuletzt nur noch 2,2 Prozent (2018). Dieser Trend dürfte sich auch auf der Importseite fortsetzen, weil die chinesische Regierung ihre Abhängigkeit vom Ausland durch die Dual Circulation Strategie weiter abbauen will. Bei einer Fortschreibung dieser Entwicklung würde die EU mittelfristig (wie Deutschland jetzt schon) deutlich abhängiger von China als umgekehrt. Daher ist es höchste Zeit, die Abhängigkeit der EU und Deutschlands von China zu reduzieren. Es geht dabei nicht um ein Decoupling, sondern um eine Begrenzung der Abhängigkeiten, vor allem durch mehr Diversifizierung. Dazu werden einige wirtschaftspolitische Empfehlungen gegeben.«

Und wie sieht es mit Russland aus? »Die EU und Deutschland sind sehr viel weniger von Russland abhängig als umgekehrt. In Russland hängen exportseitig beachtliche 9,4 Prozent der gesamten Wertschöpfung am Endverbrauch der EU, importseitig kommen 7,4 Prozent der gesamten Wertschöpfung im russischen Endverbrauch aus der EU (2018). Chinas Abhängigkeit von Westen (USA, EU, Japan, Südkorea, VK, Kanada, Australien) liegt import- und exportseitig mit 7,2 und 8,4 Prozent der gesamten chinesischen Wertschöpfung in einer ähnlichen Größenordnung wie die Russlands von der EU. Das sind zwar beachtliche rund 61 Millionen Arbeitsplätze in China. Aber wenn die starke Abhängigkeit Russlands von der EU den russischen Präsident Putin nicht von der aggressiven militärischen Eskalation abgehalten hat, wird es in China bei ähnlicher Abhängigkeit vom gesamten Westen anders sein? Das wird vermutlich auch von der Wirksamkeit der Sanktionen gegenüber Russland abhängen.«

Die derzeit ziemlich beschlagene Glaskugel der Konjunkturprognostiker

Schon unter „normalen“ Umständen ist die Erstellung einer Konjunkturprognose eine schwierige Angelegenheit angesichts der zahlreichen Variablen, die man berücksichtigen muss bzw. müsste. Aber in Zeiten wie diesen sind so viele Dinge in Bewegung, auch jahrelang gegebene Selbstverständlichkeiten, dass das enorm schwierig bis unmöglich daherkommt.

Insofern ist die Überschrift eines Beitrags von Malte Fischer in der Online-Ausgabe der WirtschaftsWoche mehr als zutreffend: Das große Konjunkturrätsel: »Rezession, Stagflation, Inflation – es sind die Stichwörter einer erneuten Wirtschaftskrise, die in diesen Tagen und Wochen die Schlagzeilen beherrschen. Während die Krisenpropheten in den Medien Hochkonjunktur haben, gibt es in den Unternehmen erste zaghafte Signale, dass sich die Stimmung zum Besseren wendet. Für die professionellen Konjunkturanalysten in Banken und Instituten, die in diesen Tagen ihre Sommerprognosen vorlegen, ist die Herausforderung daher groß. Selten war es so schwierig wie derzeit, das Wirrwarr an Daten, Stimmungsbildern und politischen Entscheidungen zu deuten und daraus ein plausibles Muster für den weiteren Verlauf der Konjunktur abzuleiten.«

Es ist wahrlich ein extremes Auf und Ab für die volkswirtschaftlich geschulten Wahrsager: »Noch zu Beginn des Jahres frohlockten die Vertreter der Profession, Deutschland steuere auf einen Post-Corona-Boom zu. Durch das Lockern der Corona-Beschränkungen, so ihre These, werde sich die über Monate in Form von Extraersparnissen angestaute Nachfrage Bahn brechen. Die Kassen der Händler sollten klingeln, Veranstalter, Reisebüros und Gaststätten sich vor Kunden kaum retten können.«

Und dann verdunkelte sich der Konjunkturhimmel, denn »was die Auguren nicht auf der Rechnung hatten und auch nicht haben konnten, war der Überfall Russlands auf die Ukraine. Der wurde zum konjunkturellen Game-Changer. Der Krieg und die Angst vor dem Überschwappen der Kämpfe auf Europa legte sich wie Mehltau auf die Psyche von Konsumenten und Investoren. Berichte über Kampfhandlungen beherrschten die Schlagzeilen, der Ölpreis schoss in die Höhe, Sanktionen gegen Russland brachten das auf Präzision getrimmte Uhrwerk der internationalen Arbeitsteilung aus dem Takt, Lieferketten brachen.«

»Als sei das nicht genug, scheiterte dann auch noch Chinas Kampf gegen das Coronavirus. Die Regierung in Peking wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als die von der Pandemie heimgesuchten Regionen, darunter einige der wichtigsten industriellen Zentren des Landes, mit harschen Lockdown-Maßnahmen herunterzufahren. Containerschiffe stauten sich vor den Häfen in Shanghai, später auch in Los Angeles und Rotterdam. Die Unternehmen im Westen saßen auf dem Trockenen, konnten ihre Aufträge aufgrund des Mangels an Vorprodukten nicht abarbeiten.«

»Die durch die Billig-Geldschwemme der Notenbanken monetär unterfütterte Nachfrage traf auf ein weltweit eingeschränktes Güterangebot. Die Folge waren rasant steigende Preise. Weil die Löhne bisher nicht im gleichen Tempo zulegen, erodiert die Kaufkraft der Konsumenten.«

Das hat Konsequenzen gehabt: »Die Volkswirte in Banken und Instituten mussten ihre Wachstumsprognosen in den vergangenen Monaten daher ein ums andere Mal nach unten korrigieren. Die Sorge vor einer Rezession und Stagflation verdrängte die frohe Kunde vom bevorstehenden Boom aus den Überschriften der Konjunkturberichte.«

»Mittlerweile rechnet die Mehrheit der Analysten für das Sommerhalbjahr nur noch mit einer Stagnation der Wirtschaftsleistung. Für das Gesamtjahr sind nicht viel mehr als zwei Prozent Wachstum drin, halb so viel wie noch im vergangenen Herbst erwartet. Das Ifo-Institut geht von 2,5 Prozent, das Kieler Institut für Weltwirtschaft von 2,1 Prozent aus. Die Essener RWI-Forscher senkten ihre Prognose für dieses Jahr gegenüber seiner März-Schätzung sogar von 2,5 auf 1,9 Prozent.«

Der letzte Rest an Optimisten unter den Auguren hat die Waffen noch nicht gestreckt. »Ihre Hoffnung ruht jetzt auf dem Winterhalbjahr. Dann könnte sich die Konjunktur wieder fangen und – wenn nichts dazwischenkommt – die Wirtschaft im nächsten Jahr mit Raten bis zu drei Prozent Tritt fassen. Der Boom würde gewissermaßen nachgeholt, etwas abgeschwächt vielleicht, aber immerhin.«

Haben die außer guter Hoffnung sonst noch was im Köcher? Hier werden Sie mit den wichtigsten konjunkturellen Frühindikatoren konfrontiert, die Sie bei mir kennengelernt habe:

»Die Hoffnung scheint nicht ganz unbegründet zu sein. So hat sich der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts zuletzt verbessert. Die Einkaufsmanagerindizes befinden sich nach wie vor deutlich im Expansionsbereich und auch die Stimmung der Teilnehmer an den Finanzmärkten, die das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) per Umfragen ermittelt, hat sich im Juni trotz der rasanten Talfahrt an den Aktien- und Anleihemärkten aufgehellt.«

b die Stimmungsindikatoren, die der Realwirtschaft um rund ein halbes Jahr vorauslaufen, tatsächlich den Aufschwung vorwegnehmen oder nur ein Fehlsignal senden, hängt von Faktoren ab, die weder die Manager in den Unternehmen noch die Konjunkturexperten voraussehen können.

Hohe Ersparnisse und riesige Auftragsbestände, aber …

»Zwar zeigen die Berechnungen der Ökonomen, dass die Konsumenten in Deutschland in der Coronapandemie Überschussersparnisse von rund 200 Milliarden Euro angesammelt haben. Die nominelle Kaufkraft für einen Konsumboom ist also vorhanden. Doch ein erheblicher Teil davon fließt durch die steigenden Preise für Energie ins Ausland ab. Zudem besteht die Gefahr einer erneuten Coronawelle im Herbst, die Hoffnungen auf einen Konsumboom unter sich begräbt.
In der Industrie sind die Bedingungen für einen kräftigen Aufschwung im Grunde ebenfalls vorhanden. Die Unternehmen sitzen auf riesigen Auftragsbeständen, die die Produktion für viele Monate sichert, auch dann, wenn keine neuen Bestellungen mehr eingehen. Jedoch fehlt es den Firmen an Vorprodukten und Materialien aus dem Ausland, um die Produktion wie gewünscht hochzufahren. So geben drei von vier vom Ifo-Institut befragte Unternehmen an, die Lieferengpässe behinderten nach wie vor ihre Produktion.
Da auch in China im Herbst mit neuen Coronawellen gerechnet werden muss, die die Regierung zu weiteren großflächigen Lockdowns veranlassen dürften, besteht die Gefahr, dass sich die Lieferengpässe in den nächsten Monaten eher verschärfen als entspannen.«

Und dann das auch noch:

»Über all dem hängt als Damoklesschwert das Risiko eines russischen Gaslieferstopps. Sollte Russlands Staatspräsident Wladimir Putin Deutschland den Gashahn zudrehen, wären alle Hoffnungen auf einen verspäteten Aufschwung dahin. Stattdessen stürzte die Wirtschaft in eine schwere Rezession.«

➔ Und vor diesem Hintergrund sollten Sie dann solche Meldungen mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis nehmen: Russland dreht weiter am Gashahn: »Gas ist eine Trumpfkarte Russlands. Und wie stark diese ist, scheint Moskau auszutesten: Nach der Drosselung für Deutschland bekommt Frankreich gar kein russisches Gas mehr per Pipeline. Und auch bei Italien und der Slowakei wird weiter gekürzt.« Weitere Informationen in diesem Beitrag: Wer leidet unter den gedrosselten Lieferungen?: »In den vergangenen Tagen hat Russland seine Gaslieferungen nach Europa reduziert. Welche Länder leiden darunter? Was passiert, wenn die Mengen weiter gedrosselt bleiben? Ist Deutschland für den Winter gerüstet?«

Und dann gibt es in dem Artikel aus der WirtschaftsWoche auch noch einen Hinweis auf das, womit wir uns auch noch intensiver beschäftigen müssen: der Geldpolitik:

»Das hätte weitreichende Konsequenzen auch für den Kurs der Geldpolitik. So wies Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), jüngst darauf hin, dass die avisierten Leitzinserhöhungen unter dem Vorbehalt stehen, dass die Euro-Wirtschaft eben nicht in eine Rezession gerät. Bricht die Konjunktur ein, wäre die geldpolitische Straffung vorbei, bevor sie richtig angefangen hat. Denn dann dürfte sich die EZB allein schon wegen der Sorgen um den Zusammenhalt der Währungsunion für die Rettung der Konjunktur und gegen die Stabilisierung der Preise entscheiden. Die Inflationsspirale drehte sich noch schneller.«

Fazit: »Eine konjunkturelle Belebung im späteren Verlauf des Jahres ist zwar nicht ausgeschlossen. Die Triebkräfte dafür sind in Form der angestauten Nachfrage, turmhohen Auftragsbestände und der weiterhin lockeren Geldpolitik vorhanden. Doch die Hürden, die es zu überwinden gilt, damit sich diese Kräfte entfalten können, sind hoch: Die Lieferengpässe müssen verschwinden, der Ukrainekrieg darf nicht eskalieren, das Coronavirus im Herbst keine Renaissance erleben und die Konsumenten dürfen sich nicht von den hohen Teuerungsraten die Konsumlaune verderben lassen.«

Wie soll und kann man unter derart unsicheren Rahmenbedingungen eine halbwegs seriöse Prognose machen? Das ist keine vergnügungssteuerpflichtige Aufgabe.