Wie das Geld aus dem Nichts auf die Welt kommt und was schon Goethe darüber wusste. Außerdem ein materialreicher Blick auf die Geldpolitik

Ich habe in dem Ihnen zur Verfügung gestellten Lehrvideo einen Ausflug gemacht in das so wichtige Themenfeld Geldschöpfung. Wie kommt das Geld in die Welt? Vor allem – kann es wirklich sein, dass man Geld „aus dem Nichts“ schöpfen kann? Ja, offensichtlich geht das. Die besondere Rolle der Geschäftsbanken in diesem Prozess habe ich Ihnen erläutert

Und bereits Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hat den Mechanismus verstanden und im zweiten Teil seiner Faust-Tragödie beschrieben. Das klingt krass und deshalb schauen wir uns das einmal kurz genauer an.

Zuerst ein Blick in „Faust, der Tragödie zweiter Teil“: Die Lage im Staat ist ernst. Hemmungsloser Egoismus, Parteilichkeit ohne jeden Gemeinsinn und allgemeine Korruption herrschen allenthalben. Am Hofe wird das Geld mit vollen Händen ausgegeben und exzessiv geprasst. Der Finanzminister kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen und seine Kredite nicht mehr bedienen. Wie so oft in der Geschichte hat sich ein Staat völlig übernommen und kann seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Unaufhaltsam naht der Staatsbankrott.

➔ Mephistopheles braucht nicht viel Phantasie, um das Problem beim Namen zu nennen: „Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlts am Geld.“ Das lässt sich der Staatschef nicht zwei Mal sagen und nimmt Mephisto in die Pflicht: „Es fehlt an Geld. Nun gut so schaff’ es denn.“

Goethes Tragödie, 1832 postum veröffentlicht, ist (auch) das Drama eines Staatsbankrotts.

➞ Mit Pleitestaaten kannte Goethe sich aus – er war nicht nur Dichter und Denker, sondern auch Wirtschaftspraktiker. Zu den Aufgaben, die ihm als junger Mann und Geheimer Rat des Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach oblagen, gehörte für mehrere Jahre auch die Leitung der Herzoglichen Kammer, sozusagen das Finanzministerium des Hauses. Angesichts derangierter Finanzen schrammte der Kleinstaat ständig knapp am Staatsbankrott vorbei.
Es war vor allem die verschwenderische Finanzwirtschaft von Herzog Ernst August und Herzogin Anna Amalia, Carl Augusts Eltern, die das Land an den Rand des Ruins gebracht hatte. Völlig überdimensioniert waren die Militärausgaben, die längst nichts mehr einbrachten, weil das Heer nicht mehr für Kriege anderer Länder vermietet wurde. Goethes Verdienst als Finanzminister ist es, die Landstände (Vertreter von Adel, Klerus und Bürgertum) als Gläubiger des Herzogtums zu einer Umschuldung, also einem Verzicht auf Forderungen, zu bewegen. Im Gegenzug musste der Landesherr drastische Einsparungen im Militärwesen und bei den Hofausgaben akzeptieren (“Austeritätsprogramm“ nennt man das heute).

In Goethes Tragödie Faust II wird ein anderer Weg eingeschlagen: Nicht etwa durch eine Einschränkung der Staatsausgaben soll das kaiserliche Land gerettet werden, sondern über die Erschließung neuer Geldquellen (“monetäre Staatsfinanzierung“ nennt man das heute). Und was muss man sich darunter vorstellen?

➔ Faust und Mephisto machen dem Kaiser ein verführerisches Angebot: Wir werfen die Notenpresse an. Genial ist die Idee deshalb, weil es bis dahin noch kein Papier-, sondern nur Münzgeld gab, welches knapp und teuer war (freilich durch Verschlechterung der Münzqualität auch gestreckt werden könnte). Papiergeld dagegen ist quasi eine simple Geldschöpfung aus dem Nichts.

Und hier mal ein Originalzitat aus dem Faust, man achte auf die aus unserer Sicht heute putzige Sprache:

“Zu wissen sei es jedem, ders begehrt: Der Zettel hier ist tausend Kronen wert“, lässt der Kanzler den Kaiser triumphierend wissen. Man kann jeden gewünschten Betrag auf ein einfaches Stück Papier schreiben oder drucken. Und schon ist wieder Geld vorhanden, ganz nach Belieben der Regenten, wie viel man will und braucht. Zur Legitimation reicht die Unterschrift des Kaisers und das Versprechen, der Zettel sei mit den „ungehobenen Schätzen des Landes“ gedeckt. Leicht und bequem ist die Papierinnovation obendrein: „Man wird sich nicht mit Börs’ und Beutel plagen/Ein Blättchen ist im Busen leicht zu tragen.“

Der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger (übrigens der Doktorvater des Ex- Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Josef Ackermann) nennt die Erfindung des Papiergeldes „eine Fortsetzung der Alchimie mit anderen Mitteln“. Wenn es um Alchimie geht, dann ist Faust in seinem Element; so kennen wir ihn seit Beginn des ersten Teils der Tragödie. „Die Magie des Papiergeldes liegt in der Wunschvorstellung begründet, wie in den Versuchen der Alchimisten, Wert aus dem Nichts zu schaffen und die Gesetze der Knappheit zu überwinden“, erläutert Otmar Issing, Ex-Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank.

„Fiatgeld“ (“es geschehe!“) werden die Wunderzettel deshalb auch genannt. Kein Wunder, dass schon der Narr am Hofe des Kaisers Bedenken hat, ob ein solches Mephisto geschuldetes Schlaraffenland der unendlichen Geldvermehrung wirklich glücken könne, oder ob die Papier-Scheine nicht nur eine wirtschaftliche „Schein-Blüte“ bringen. Lieber will der kluge Narr sich ein „Schloss mit Wald und Jagd und Fischbach“ kaufen; aus Angst vor Inflation tritt er die Flucht in die Sachwerte an.

Aber immerhin: Kurzfristig ist der Kaiser seine Schulden los, und auch Faust und Mephisto haben Geld für sich zur Verfügung. Denn zum Dank für die Finanzierungsidee erhalten die beiden vom Kaiser ein Privileg zur Ausgabe mehr oder weniger ungedeckter Banknoten. Diese Bank, meint Ökonom Binswanger, dürfte wohl „Faust und Mephistopheles AG“ geheißen haben. Das ist weniger albern, als es klingt, verbirgt sich hinter der Idee doch die wirkliche Geschichte der Bank of England.

➔ 1694 wird die Bank of England als Aktiengesellschaft gegründet mit dem Zweck, dem damals ebenfalls ziemlich klammen englischen König eine Anleihe von 1,2 Millionen Pfund Sterling zu gewähren, damit er seine Kriege ordentlich führen konnte. Im Gegenzug erhielt die Bank of England das Privileg, Banknoten auszugeben, die nicht voll durch Gold gedeckt waren. In Europa wird erst im 17. Jahrhundert das Papiergeld als Zahlungsmittel erfunden; in China gab es das schon seit dem 9. Jahrhundert: Der chinesische Kaiser hatte seine Notenbank treffend „Amt für bequemes Geld“ getauft.

Und im wirklichen Leben von Goethe?
➔ Carl August selbst hat im Frühjahr 1810, als er wieder einmal ziemlich klamm war, auch mit der Einführung von Papiergeld geliebäugelt. Aber man war sich dann doch ziemlich unsicher, ob die Zettel eines so kleinen Herzogtums auch außerhalb des Staates zu gebrauchen wären. Goethe riet ab, weil er in Karlsbad, wo er gerade zur Kur weilte, mit Wechselkursschwankungen schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Da ließ Carl August den Plan fallen.

Zurück zum Faust II:

Weil in Goethes Tragödie Faust und nicht Mephisto die Sache mit dem Papiergeld in die Hand nimmt, kommt es (zunächst) nicht zur Katastrophe. Faust nämlich weiß, dass man Geld auch produktiv einsetzen kann und dass dies dann nicht Inflation, sondern Wohlstand schafft.

Offenbar hat der gelehrte Mann seinen Adam Smith gelesen, einem der Väter der modernen Volkswirtschaftslehre. Denn in dessen Buch „Wohlstand der Nationen“ (1776) heißt es: „Die Ausgabe von Papiergeld schafft so etwas wie einen Luftfrachtweg, wenn mir eine solche gewagte Metapher erlaubt ist, der es einem Lande ermöglicht, seine Landstraßen weitgehend in gute Weiden und Getreidefelder zu verwandeln, wodurch der Jahresertrag an Boden und Arbeit erheblich zunimmt.“

So kommt es zu Fausts Projekt, dem Meer durch Deichbau in großem Stil neues Land abzugewinnen. Mit dem Geld der Notenpresse können die Arbeiter bezahlt und die „Feuermaschinen“ finanziert werden, die man zum Bau von Dämmen braucht. 

„Dank der Kapitalisierung des Geldes führt die Schöpfung von Papiergeld nicht einfach zu Inflation, sondern zur realen Wertschöpfung, zum wirtschaftlichen Wachstum und zu immer größerem Reichtum für alle“, schreibt Hans Christoph Binswanger: Aus Geldschöpfung wird Weltschöpfung. Die Möglichkeit der ungebremsten Geldschöpfung ist die Voraussetzung der industriellen Revolution.

Quelle: Rainer Hank (2012): Die Faust & Mephisto AG, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Online, 08.09.2012

Selbst die ehrwürdige Deutsche Bundesbank hat sich 2012 beispielsweise auf einem Kolloquium mit der Bedeutung von Goethe hinsichtlich des Geldes und der Geldschöpfung beschäftigt.

Bei Interesse kann man die Sichtweise des damaligen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann hier nachlesen – dort finden Sie auch Ausführungen zu unserem Thema Geldschöpfung:

➔ Jens Weidmann: Begrüßungsrede anlässlich des 18. Kolloquiums des Instituts für bankhistorische Forschung (IBF): Papiergeld – Staatsfinanzierung – Inflation. Traf Goethe ein Kernproblem der Geldpolitik? (18.09.2012)

Es sollte deutlich geworden sein nach der Behandlung des Themas im Lehrvideo: Die Geldschöpfung aus dem Nichts ist ein faszinierender Vorgang, wenn man sich damit etwas genauer befasst. Dabei sollte hängen geblieben sein, dass die Geldschöpfung vor allem eine Sache der Geschäftsbanken ist, obgleich die meisten Menschen wenn überhaupt das eher den Zentralbanken zuordnen würden, die daran zwar auch, aber eben nur neben anderen beteiligt sind. Hierzu ergänzend dieser Artikel aus der FAZ:

➔ Christian Siedenbiedel: Wie kommt Geld in die Welt?, in: FAZ Online, 05.02.2012: »Nicht nur die Europäische Zentralbank kann Geld schaffen, sondern auch jede ganz normale Bank. Sie schöpft ihre Kredite aus dem Nichts.«

Auch zu diesem wirklich spannenden Thema hat sich vor einiger Zeit die Deutsche Bundesbank zu Wort gemeldet – hier der Beitrag, der auf große und bei nicht wenigen auch überraschte Resonanz gestoßen ist, als PDF-Datei für alle, die das genauer wissen wollen:

➔ Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess, in: Deutsche Bundesbank Monatsbericht April 2017, S. 15 ff.

Und für alle dieser Artikel, wo eine Zusammenfassung der Argumente der Bundesbank versucht wird:

➔ Anja Ettel und Holger Zschäpitz (2017): Darum rüttelt die Bundesbank jetzt an unserem Geldsystem, in: Welt Online, 29.04.2017: »Bisher haben lediglich Verschwörungstheoretiker und Notenbankkritiker das Geldsystem in Frage gestellt. Jetzt jedoch beschäftigt sich auch die Bundesbank mit radikalen Ideen. Wie kommt das?«

Ergänzend dazu dieser Kommentar von Dirk Ehnts (der ist ein Anhänger der Modern Monetary Theory,1 dieser umstrittene Ansatz wird Ihnen lange nach dieser VWL-Vorlesung immer wieder über den Weg laufen): Das Geld kommt aus dem Nichts: »Die Folgen sind ungeheuer. Die herrschende Lehre in der Ökonomie ist falsch – sagt die Bundesbank. Das ist eine Revolution.«

Und hier nun ein besonderer Service für diejenigen unter Ihnen, die gerne über Videos lernen – drei kurze Lehrvideos der Bundesbank zu unserem Thema:

➔ Wie entsteht Geld? – Bargeld

➔ Wie entsteht Geld? – Buchgeld

➔ Wie entsteht Geld? – Zentralbankgeld

Vom Geld und der Geldpolitik

Wir sind mittendrin in der volkswirtschaftlich so wichtigen Geldpolitik. Hier zwei grundlegende Materialempfehlungen zum Thema Geld und Geldpolitik – denn dieses Thema wird Ihnen an ganz vielen Stellen immer wieder begegnen:

➔ Geld und Geldpolitik. Sonderausgabe der Wochenschau – Politik und Wirtschaft im Unterricht (2018): »Die Bundesbank hat in Kooperation mit dem renommierten Wochenschau-Verlag ein Sonderheft zum Thema „Geld- und Geldpolitik“ erarbeitet. Das Heft vermittelt sowohl Grundlagen als auch weiterführende Informationen zu Geld, zur europäischen Geldpolitik und zu aktuellen Entwicklungen in der Währungsunion.«

Darin finden Sie eine komprimierte Übersicht zu den folgenden spannenden Themen: Bargeld, Buchgeld oder Bitcoin – Was ist Geld?; Ist Bares noch Wahres? Zur Zukunft des Bargelds; Wie kommt das Geld in die Welt?; Die Unabhängigkeit der Geldpolitik von demokratisch gewählten Regierungen; Der Euro als Motor der europäischen Integration?; Das Eurosystem und die Rolle der Bundesbank darin; Wie wird Inflation gemessen?; Vom Wert stabilen Geldes; Die geldpolitische Strategie des Eurosystems; Wie wirkt die „klassische“ Geldpolitik?; Die Währungsunion in Zeiten der Krisen; Niedrige Zinsen – Fluch oder Segen?; Die Politik der „quantitativen Lockerung“.

Und diese Veröffentlichung der Bundesbank kann ich Ihnen sehr empfehlen – die sollte zur Standardausstattung von angehenden Ökonomen gehören. Vor allem sind die Themen rund um das Geld und die Geldpolitik dort auch noch verständlich erklärt, was ja nicht selbstverständlich ist. Dort finden Sie übrigens auch eine komprimierte Darstellung der Zahlungsbilanz, mit der Sie sich ja auch schon herumschlagen mussten:

➔ Deutsche Bundesbank (Hrsg.) (2019): Geld und Geldpolitik. Frankfurt am Main: Deutsche Bundesbank, 2019

Damit sollten Sie gut ausgestattet sein, was das Themenfeld Geld und die so bedeutsame Geldpolitik angeht. 

Ob das auch auf Ihr persönliches Geldkonto zutrifft, kann natürlich nicht Thema der VWL-Vorlesung sein. Aber die Wahrscheinlichkeit wird größer, dass es irgendwann einmal so sein wird, wenn Sie denn alles gelesen (und verstanden) haben, was in dieser VWL-Vorlesung behandelt wurde. Das nur zur Motivation.


1 Für die Interessierten (das ist nicht klausurrelevant) am Thema MMT (Modern Monetary Theory) findet man eine erste Einführung zu diesem in der VWL hochumstrittenen Ansatz beispielsweise in dieser Veröffentlichung: 

➔ Hanno Beck und Aloys Prinz (2019): Wie revolutionär ist die Modern Monetary Theory?, in: Wirtschaftsdienst, Heft 6/2019, S. 415–420:

»Die Modern Monetary Theory (MMT) ist ein neuer postkeynesianischer Ansatz, der von prominenten linken Politikern unterstützt wird. Aktuell gewinnt er vor allem in den USA an Einfluss. Die MMT geht davon aus, dass eine Regierung, die in ihrer eigenen Währung Kredite aufnimmt, nicht zahlungsunfähig werden kann: Sie kann so viele Banknoten drucken lassen, wie sie für die Bezahlung ihrer Verbindlichkeiten benötigt. Einige Befürworter der MMT rechtfertigen auf Basis der MMT exzessive Staatsausgaben, sie ignorieren dabei mögliche Probleme, die typischerweise mit einer hohen Staatsverschuldung verbunden sind. Die Kerngedanken der MMT sind zwar grundsätzlich zu akzeptieren, die Wirkungen dieser Theorie sind aber sehr weitreichend.«

2019 wurde dieser Übersichtsversuch erstellt: Alle reden über MMT. Worüber? Ein Überblick zur Modern Monetary Theory. Und hier eine gut lesbare Zusammenfassung des Themas in einem Radiobeitrag von Vivien Leue, hier in der Schriftfassung: Modern Monetary Theory – Schulden machen, bis es quietscht (10.05.2022).

Und schlussendlich gibt es von denen, die in Deutschland die MMT vorantreiben wollen, eine eigene Website: Modern Monetary Theory.