Sind wir auf dem Weg in eine bargeldlose Gesellschaft?

In der VWL-Vorlesung wurde bereits mal die Frage gestellt, ob es in Zukunft überhaupt noch Bargeld geben wird. Ein spannendes und wie man sehen wird höchst umstrittenes Thema.

Fangen wir mit Ihnen selbst an. Wie zahlen Sie denn im Alltag? Benutzen Sie (noch) Bargeld oder eine Kreditkarte oder Ihr Smartphone? Schauen wir auf die Statistik:

Zu der Abbildung erfahren wir: »Deutschland ist eigentlich Bargeldland. Doch mittlerweile deuten sich bei der Zahlungsmittelwahl Veränderungen an … Demnach ist der Anteil derjenigen, die bar zahlen in der letzten Auswertungen von 84 Prozent auf 77 Prozent gefallen. Auch Prepaidkarten und Gutscheine haben offenbar an Popularität eingebüßt zu haben. Dagegen hat sich bei Debit- oder Kreditkarten in den letzten drei Jahren wenig getan, wie der Blick auf die Grafik zeigt. Ein klarer Aufwärtstrend zeichnet sich bei Mobile Payments ab. Elf Prozent der Befragten geben an, mit dem Smartphone in Restaurants oder Einzelhandel zu bezahlen. Die am meisten genutzten Anbieter sind hier Paypal, Google Pay und Apple Pay.«

Das müssen wir uns etwas genauer anschauen: »Deutschland ist traditionell ein Bargeld-Land. Doch in der Corona-Pandemie haben Kartenzahlungen und das Bezahlen per App auch hierzulande zugenommen. Das Verhältnis der Deutschen zu bargeldlosem Zahlen bleibt dennoch ambivalent. Experten sehen es aus verschiedenen Gründen kritisch«, so Catalina Schröder in ihrem Beitrag Bargeld, Karte oder App – Langsamer Abschied von Scheinen und Münzen? Dort finden Sie eine gute Zusammenfassung der überaus strittigen Diskussion.

Erwartungsgemäß hat auch die seit März 2020 laufende Corona-Krise einen Effekt: Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben Kartenzahlungen und digitales Bezahlen zugenommen. Mehr als 60 Prozent der Deutschen zahlen laut einer Umfrage des Bankenverbands inzwischen regelmäßig mit ihrer Giro- bzw. Kreditkarte oder mit dem Handy. Das ist rund ein Viertel mehr als vor der Krise.

Hat die Corona-Pandemie das bargeldlose Bezahlen geboostert? Zu dieser Frage hat die Deutsche Bundesbank bereits im Januar 2021 mit Blick auf Daten aus dem ersten Corona-Jahr 2020 diese Mitteilung veröffentlicht: Bezahlen in Deutschland im Corona-Jahr 2020: Karte und kontaktlos im Trend: »In der Corona-Pandemie haben viele Bürgerinnen und Bürger ihr Bezahlverhalten angepasst. „Laut einer repräsentativen Bundesbankerhebung im Jahr 2020 haben bei den alltäglichen Ausgaben bargeldlose Zahlungsmittel und insbesondere Karten wesentlich an Bedeutung gewonnen“, sagte Burkhard Balz, das für den bargeldlosen Zahlungsverkehr zuständige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Von allen erfassten Zahlungen an der Ladenkasse, in der Freizeit, im Onlinehandel und bei weiteren Zahlungsanlässen wurden demnach 30 Prozent mit einer Karte getätigt. In der Zahlungsverhaltensstudie von 2017 lag der Wert noch 9 Prozentpunkte niedriger. Gleichzeitig lag der Anteil der Barzahlungen bei 60 Prozent, nach 74 Prozent vor drei Jahren.«

»Im stationären Handel einschließlich der Tankstellen und Apotheken wurden der Erhebung zufolge 30 Prozent der Zahlungen mit der girocard erledigt. Bezogen auf den Umsatz fällt der Anteil der girocard mit 48 Prozent noch größer aus. Während kleinere Beträge zumeist noch mit Geldscheinen und Münzen gezahlt wurden, setzen die Befragten ab 20 Euro stärker die Karte ein. Entsprechend wurde Bargeld in 61 Prozent der Transaktionen und mit einem Anteil von nunmehr 38 Prozent am Umsatz an der Ladenkasse eingesetzt.«

»Im Gegensatz zu kontaktlosen Kartenzahlungen sind Zahlungen mit dem Smartphone noch nicht in der Breite der Bevölkerung angekommen. Im Durchschnitt gaben nur 13 Prozent der befragten Smartphonebesitzer an, schon mobil an der Kasse bezahlt zu haben. 70 Prozent der Befragten, die nicht mobil zahlten, hatten keinen Bedarf dafür. Viele empfanden das mobile Bezahlen als zu unsicher oder zu kompliziert. Jüngere Menschen unter 45 Jahre hingegen zeigten sich offener und nutzten das Smartphone bereits häufiger zum Bezahlen als die Befragten im Durchschnitt.«

Wie sind die zu den Zahlen gekommen? Dazu die Bundesbank: »Die Bundesbank führt seit 2008 regelmäßig detaillierte Studien zur Verwendung von Zahlungsmitteln durch. Für eine Analyse des Zahlungsverhaltens im Corona-Jahr wurden 5.022 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger im August bis Oktober 2020 einer repräsentativen Stichprobe per Telefon oder Online-Fragebogen befragt. Anschließend führten sie ein ein- oder dreitägiges Tagebuch, in welchem sie ihr Zahlungsverhalten dokumentierten. Anders als in den vergangenen Jahren war diesmal aufgrund der Corona-Pandemie eine Präsenzbefragung nicht möglich. Daher ist die direkte Vergleichbarkeit der Erhebung mit früheren Zahlungsverhaltensstudien möglicherweise eingeschränkt. Die vorliegende Erhebung gibt das aktuelle Bezahlverhalten wieder.«

Wer sich für die gesamt Studie interessiert, kann sich die hier Herunterladen:

➔ Deutsche Bundesbank (2021): Zahlungsverhalten in Deutschland 2020 – Bezahlen im Jahr der Corona-Pandemie. Erhebung über die Verwendung von Zahlungsmitteln, Frankfurt am Main, 2021

Zurück zur Ausgangsfrage: Sind wir auf dem Weg in eine bargeldlose Gesellschaft?

Haben Bargeld-Befürworter Recht, wenn sie fürchten, dass wir uns auf dem Weg zu einer schleichenden Abschaffung von Scheinen und Münzen befinden?

Die Perspektiven der Kritiker

Norbert Häring steht dem bargeldlosen Bezahlen kritisch gegenüber. Der Wirtschaftsredakteur des „Handelsblatts“ und Buchautor beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Bargeld und digitalen Bezahlmethoden. Seine Sorge gilt vor allem der Datensicherheit: „Wenn wir digital bezahlen, also nicht bar, dann hinterlassen wir immer eine Datenspur. Und all diese Datenspuren, die verlieren sich nicht irgendwo im Nichts, sondern die werden alle ausnahmslos gesammelt, und die Bank ist verpflichtet, diese Daten aufzubewahren, und zwar bis zehn Jahre nach Ende der Geschäftsbeziehung, also fast ewig.“

Problematisch findet Häring, dass wir als Verbraucher oft gar nicht wissen, wer unsere Daten hat. Viele Unternehmen tauschen diese mit anderen Firmen aus. In ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen steht auch, mit wem. Zum Beispiel mit Kreditauskunfteien. Aber: Wer liest schon die AGB? Je häufiger wir bargeldlos bezahlen, desto detaillierter wird das Daten-Profil, das über uns entsteht:  „Dann ist unser Bankkonto, und die Daten, die davon da sind, praktisch ein Logbuch unseres ganzen Lebens. Wo auch in 20 Jahren noch, jemand reingucken kann und unser ganzes Leben liegt vor ihm. Er weiß dann, wo wir am 20.8.2005 waren und was wir da getan haben. Fast jede Stunde.“

Konzerne können sich die Daten nutzen, um Kunden maßgeschneiderte Angebote zu machen. Aber theoretisch auch, um verschiedenen Kunden dasselbe Produkt zu unterschiedlichen Preisen zu verkaufen. Je nachdem, wie finanzstark der Käufer ist. Und auch Staaten können sich diese Daten zu Nutze machen.

Und man sollte das nicht als spekulative Science Fiction abtun: In China gibt es das so genannte Sozialkreditsystem, das Daten über das gesamte Leben der rund 1,4 Milliarden Menschen dort bündelt und auswertet: ob jemand Schulden hat, oder regelmäßig Fast Food kauft. Daten aus allen Bereichen des Lebens werden hier zentralisiert und ausgewertet.

➔ Vgl. dazu bereits aus dem Jahr 2018 diesen Beitrag: China auf dem Weg in die IT-Diktatur: »China möchte bis 2020 ein System aufbauen, das das Verhalten seiner Bürger bewertet. Es soll möglichst alles erfassen: Zahlungsmoral, Strafregister, Einkaufsgewohnheiten und soziales Verhalten. Chinas Kommunistische Partei möchte damit den moralisch einwandfreien und ehrlichen Bürger schaffen.«

Ist ein solches Szenario auch hierzulande möglich? In dieser gravierenden und undemokratischen Ausprägung sicher nicht. Doch erste Ansätze gibt es auch in Europa: „In einem Forschungsprojekt haben wir uns mit dem so genannten Scored Consumer mit Scoring im Konsumentenbereich beschäftigt, das heißt Menschen werden in ihrer Zahlungskraft beurteilt, kriegen einen Wert zugeordnet und der hat wieder Auswirkungen auf ihr konkretes Leben“, sagt Walter Peissl, stellvertretender Direktor des Instituts für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. 

„Das Problem ist, dass durch die neuen technologischen Möglichkeiten auch sogenannte Soft Facts vermehrt in die Beurteilung der Konsumenten eingegangen sind, also nicht nur: ‚Zahlen Sie ihre Rechnungen pünktlich‘, sondern auch: ‚Wie heißen Sie? Wo wohnen Sie und welchen Eindruck machen Sie auf Social Media?.‘ Und da wird es dann sozusagen problematisch, weil das natürlich Informationen sind, die die Konsumenten von sich gar nicht wissen, sich auch nicht bewusst sind, dass die in die Beurteilung ihrer Zahlungsfähigkeit oder ihrer Kreditwürdigkeit einfließen.“

Selbst wenn alle datenschutzrechtlichen Bestimmungen eingehalten werden, entsteht auf diese Weise ein immer stärkeres Ungleichgewicht zwischen Konsumenten, Banken und Konzernen. Denn für den einzelnen Verbraucher wird es zunehmend schwieriger, nachzuvollziehen, wer welche seiner Daten zu welchem Zweck einsehen und nutzen kann.

Übrigens: Walter Peissl zieht daraus aber nicht den Schluss, dass man Zahlen mit Karte oder Handy grundsätzlich meiden sollte. „Wenn ich aber sage: Für bestimmte Dinge ist es für mich wichtig, dass nicht nachvollziehbar ist, dass ich jeden Freitag mir drei Flaschen Whisky im Supermarkt ums Eck kaufe, dann muss ich das mit Bargeld machen, denn Bargeld ist die anonyme Zahlungsvariante.“

Zwischenfazit: Freiheit und Anonymität sind unter Gegnern und Skeptikern des unbaren Bezahlens die wichtigsten Argumente.

Dorothea Mohn, die beim Bundesverband der Verbraucherzentralen das Finanzmarkt-Team leitet, sieht im Bargeld auch ein Korrektiv, einen gewissen Schutz davor, dass Banken umfassende Negativzinsen einführen können. Denn Scheine, die zu Hause unter dem Kopfkissen liegen, können zwar durch Inflation, nicht aber durch negative Zinsen auf dem Konto entwertet werden.

➔ Bereits 2018 wurde ein Artikel unter dieser pathetischen Überschrift veröffentlicht: Wer das Bargeld abschafft, schafft die Menschlichkeit ab: »Kartenzahlung und Apps ersetzen überall auf der Welt Geldscheine und Münzen. Doch die bargeldlose Gesellschaft wird letztlich zur totalen Konsum- und Kontrollgesellschaft«, so Adrian Lobe in der Süddeutschen Zeitung. Er beginnt seine Ausführungen mit einem Blick in andere Länder:

➞ »In China findet gerade eine stille Revolution statt: die Abschaffung des Bargelds. An immer mehr Geschäften prangen Schilder mit der Aufschrift „Wir akzeptieren kein Bargeld“. Supermarkteinkäufe, Hotelzimmer oder Tankrechnungen bezahlt man per Smartphone-App über mobile Bezahldienste. Wer tanken will, scannt mit seinem Handy den QR-Code an der Zapfsäule und wählt den maximalen Preis bzw. die Tankfüllung aus. In einer Filiale der Fast-Food-Kette KFC können Kunden per Gesichts-Scan bezahlen. „Smile to pay“, lächele, um zu bezahlen, nennt der Bezahldienst Alipay das System. Selbst die Geldbuße auf dem Polizeirevier begleicht man via App.«

Indien: »Auch in anderen Ländern wird die bargeldlose Gesellschaft vorangetrieben. Der indische Premierminister Narendra Modi hat die Losung ausgegeben, das Land in eine „bargeldlose Gesellschaft“ zu führen. Und dieser Plan wird mit aller Vehemenz verfolgt. Im November 2016 hatte die Regierung Rupien-Scheine mit dem größten Nennwert, den 500- und den 1000-Rupien-Schein, aus dem Verkehr gezogen und rund 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargelds für ungültig erklärt. Die Bargeldreform löste ein Chaos in dem Land aus: Vor den Geldautomaten bildeten sich lange Schlangen, Ärzte weigerten sich, große Scheine anzunehmen, kleineren Geschäfte und Straßenhändlern blieb die Laufkundschaft aus. Kriminelle, die aus Angst, erwischt zu werden, Bargeld gebunkert hatten, warfen säckeweise Geldnoten in Flüsse oder verbrannten die Scheine. Bargeld wurde zum Abfallprodukt.«

➞ »In Schweden, wo 1661 die „Stockholms Banco“ die ersten gedruckten Banknoten in Europa ausgab, werden inzwischen 80 Prozent aller Zahlungen mit Kreditkarte oder kontaktlos mit Bezahl-Apps abgewickelt, etwa mit dem in Schweden entwickelten Transfer-Dienst „Swish“, sogar bei Straßenhändlern und auf Bauernmärkten. Das Abba-Museum, der Erinnerungsort jener Popband, die mit dem Song „Money, Money, Money“ weltberühmt wurde, akzeptiert kein Bargeld mehr.«

Adrian Lobe benennt die immer wieder vorgetragenen Argumente der Befürworter einer Abschaffung des Bargeldes: »Illegale Transaktionen könnten aufgedeckt, Steuerbetrug, Geldwäsche sowie die Finanzströme der organisierten Kriminalität und globaler Terrororganisationen ausgetrocknet werden. Mit der Abschaffung des Bargelds könnte man zudem einen Bank Run vermeiden oder Negativzinsen einführen.«

Offensichtlich überzeugen ihn diese Argumente nicht: »Der Weg in eine aseptisch reine Welt des kontaktlosen Bezahlens birgt allerdings erhebliche Risiken. Denn es droht eine totale Überwachung der Warenströme: Jeder Kauf, jede Überweisung würde gespeichert und könnte zurückverfolgt werden.«

Aber ist es denn wirklich so einfach, die Bezahlvorgänge personenbezogen nachzuvollziehen?

»Zwar werden bei der Kreditkartennutzung bloß Metadaten wie Datum, Ort und Uhrzeit erfasst, doch lassen sich daraus relativ leicht Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen. Ein Forscherteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Universität Aarhus, das drei Monate lang die Kreditkartenkäufe von insgesamt 1,1 Millionen Kunden analysierte, fand heraus, dass bereits Angaben zu vier Bezahlvorgängen ausreichen, um 90 Prozent der Personen in einer anonymisierten Liste zu identifizieren. Weiß man zum Beispiel, dass jemand am Montag seinen Kaffee gekauft hat, am Dienstag im Restaurant essen war und am Mittwoch im Kino, kann man diese Finanzdaten eindeutig einer Person zuordnen.«

»In der bargeldlosen Gesellschaft zeigt sich die Kontrollgesellschaft im Großen: Jeder Konsument führt mit seinen digitalen Bezahlapparaturen Marktforschung im Auftrag von Unternehmen durch, welche die Daten- und Finanzströme überwachen. Chatten, Daten, Bezahlen – alles wird einer numerischen Rationalität unterzogen. Man ist nur noch eine Nummer im System. Dass die Bezahldienste Google Pay und Apple Pay mit Banken kooperieren und bankähnliche Dienste anbieten und Facebook offenbar Bankdaten seiner Nutzer abfragen will, macht deutlich, dass der Begriff der „Daten-Bank“ ein hybrider ist. Im Informationskapitalismus sind Daten Einlagen, und die Zentralbanken, die sie speichern, Konzerne wie Google oder Facebook. Sie wachen über Konten, determinieren die soziale Bonität und führen in Echtzeit Modulationen an digitalen Doppelgängern durch.«

Und wieder der „Vorreiter“ China:

➔ »Die Perversion dieses Kontrollwahns zeigt sich in China: Dort haben Bettler auf der Straße QR-Codes um den Hals hängen, damit Passanten ihnen per mobiler Bezahlung Almosen überweisen können. Als wären Bettler nicht schon marginalisiert genug, werden sie zum Strichcode, den man wie Supermarktware abscannt. Selbst im erniedrigenden Moment des Bettelns muss man sich mit seinen Daten prostituieren. Was wie eine Dystopie aus einem Science-Fiction-Roman anmutet, wird Realität: eine informationelle Kaste der Unberührbaren, die man nicht anfasst, sondern nur noch abscannt.«

Es sei, so Adrian Lobe, ein entwürdigender Umstand, »dass Bettler nur dann eine Identität besitzen, wenn sie mit einem Code per Mobiltelefon auslesbar sind. So scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen: Wer das Bargeld abschafft, schafft letztlich auch die Menschlichkeit ab.«

Aber wieder zurück zu Argumenten, die von den Befürwortern einer Abschaffung des Bargeldes immer wieder genannt werden:

Aber die Schwarzarbeit könnte man doch eindämmen …

Nehmen wir einmal an, Bargeld würde in Deutschland vollständig abgeschafft. Hätte das nicht auch Vorteile? Könnte es nicht den Schwarzmarkt eindämmen, auf dem Putzkräfte und Handwerker ohne Versicherung beschäftigt und am Fiskus vorbei bezahlt werden?

Der emeritierte Wirtschaftswissenschaftler der Universität Linz, Friedrich Schneider, beschäftigt sich seit langem mit der Schwarzarbeit: „Also eine Abschaffung des Bargeldes hätte für den Schwarzmarkt in Deutschland zu Beginn einen negativen Effekt, weil ein wichtiges, einfaches Transaktionsmittel, das Bargeld, entfällt. Ich muss dann mit Prepaid-Kreditkarten oder anderen arbeiten, das macht Schattenwirtschaftsaktivitäten etwas mühsamer. Da würde die Schattenwirtschaft vielleicht um fünf bis zehn Prozent zurückgehen.“

Mit relativ einfachen Mitteln, weiß Schneider, lasse sich ein Schwarzmarkt auch in einer bargeldlosen Welt aufrechterhalten. Als ein Beispiel nennt er die Nutzung von Prepaid-Kreditkarten, auf die man einen gewissen Betrag lade. Wer in Besitz dieser Karte komme, könne das darauf geladene Geld ganz unkompliziert ausgeben.

➔ Beispiel Schweden: Kein positiver Effekt auf den Schwarzmarkt: Schweden beispielsweise gehört zu den Ländern in Europa, in denen das Bargeld zwar nicht abgeschafft wurde. Trotzdem wird hier fast ausschließlich digital oder mit Karte bezahlt. Im Handel laut dem britischen Marktforschungsunternehmen Lafferty Group in 95 Prozent aller Fälle. Das liegt unter anderem daran, dass es für die Banken aufwändig und teuer ist, das verhältnismäßig große, aber dünn besiedelte Land mit Bargeld zu versorgen. Einen positiven Effekt für den Schwarzmarkt hatte die Zurückdrängung des Bargeldes bislang nicht. Auch in Schweden ist die Schattenwirtschaft ungefähr so hoch wie die in Deutschland, also zehn Prozent des BIP.

Aber dann wenigstens die organisierte Kriminalität? Auch die arbeitet längst weitgehend bargeldlos

Die Abschaffung des 500-Euro-Scheins, von der Europäische Zentralbank 2019 beschlossen, wurde häufig damit begründet, dass er zur Terrorfinanzierung und Geldwäsche genutzt wurde. Dazu kritisch Friedrich Schneider: „Ich habe das in Deutschland sehr genau untersucht und auch für die EU. Das Auslaufen des 500 Euro Scheins, zumal es den 200 und den 100 Euro-Schein ja noch gibt, hat keinerlei Effekte sowohl auf den Schwarzmarkt als auch auf die Kriminalität gehabt. Weil es noch a) große Banknoten weiterhin gibt und b) hier der Zusammenhang gerade in Deutschland und Österreich, auch in der Schweiz, aber auch Frankreich und den Benelux-Staaten sehr gering ist, dass die Höhe des Bargeldes einen Einfluss auf den Schwarzmarkt beziehungsweise auf die Kriminalität hat. Die Kriminellen sind heutzutage viel schlauer. Größere Summen transportieren die bargeldlos über Scheinfirmen und würden sich das auch nicht mehr antun mit einem Koffer von Geld über die Grenze zu gehen. In der organisierten Kriminalität spielt Bargeld höchstens im Endverbraucher Stadium beim Drogenverkauf noch eine Rolle, aber sonst überhaupt nicht mehr.“

Wer wären denn die Gewinner einer Abschaffung des Bargelds?

Die Gewinner einer zunehmend bargeldlosen Welt wären zunächst die Banken. Denn Bargeld und Geldautomaten auch in den hintersten Winkeln des Landes zur Verfügung zu stellen, kostet sie viel Geld. „Tatsächlich ist das ein Kostenblock, das ist gar keine Frage“, sagt Tanja Beller vom Bundesverband Deutscher Banken. „Digitale Produkte kosten aber natürlich auch. Und letztendlich müssen die Banken so ein bisschen ihren eigenen Weg finden, auf welche Filialstruktur sie setzen, welche Kunden sie haben, welche Angebote sie dort noch machen also da gibt’s durchaus ganz unterschiedliche Wege.“

Von einer zunehmend bargeldlosen Welt profitieren besonders Kreditkartenanbieter und die Anbieter mobiler Bezahlmöglichkeiten: Zwischen 0,2 und 0,3 Prozent des Umsatzes erhalten Kreditkartenanbieter bei jedem Bezahlvorgang vom Händler. Apple verlangt vom Verkäufer für seinen Bezahldienst Apple Pay 0,15 Prozent des Umsatzes. 

Dass andere Länder in der digitalen Entwicklung weiter sind, liegt auch an der jeweiligen Vorgeschichte. Während in Deutschland eine sehr gute Bargeld-Infrastruktur mit vielen Geldautomaten Tradition hat, hat es diese in Ländern wie Schweden, aber auch in Lettland, Estland, Litauen oder den USA nie in dem Ausmaß gegeben. Kartenzahlung und digitales Bezahlen sind dort deshalb heute noch viel stärker verbreitet als in Deutschland.