Von der Königin der Kryptowährungen zur profanen Tulpenzwiebel oder: Bitcoin, am Ende doch nur eine spekulative Erscheinung statt einer echten Alternative zu den „Fiat“-Währungen? Und dann auch noch ein „digitaler Euro“?

Ich habe Ihnen in der letzten Veranstaltung einen ersten Einstieg in die gar nicht mehr so geheime Welt der Kryptowährungen gegeben – allen voran die erste dieser eigenartigen Kreationen, also dem Bitcoin.

Eine tagesaktuelle Übersicht über die mittlerweile 10.000 Kryptowährungen, deren Kursverläufe und der Marktkapitalisierung finden Sie beispielsweise auf solchen Seiten: https://coinmarketcap.com. So wird beispielsweise am 5. Juli 2022 für den globalen Markt an Kryptowährungen eine Marktkapitalisierung in Höhe von 906,65 Mrd. US-Dollar ausgewiesen. Damit hat der Bitcoin immer noch einen Anteil von über 40 Prozent, mit einigem Abstand gefolgt von Ethereum und Tether.

Man muss an dieser Stelle daran erinnern, mit welchem Anspruch die Bitcoins ins Leben gerufen wurden. Das Bitcoin-Zahlungssystem wurde erstmals 2008 in einem unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto veröffentlichten Dokument beschrieben. Diesen Grundlagentext gibt es hier:

➔ Satoshi Nakamoto: Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System, October 2008

Im darauffolgenden Jahr wurde von Satoshi Nakamoto der Anspruch einer Alternative zum bestehenden Geldsystem formuliert. Man sollte das wieder aufrufen:

»The root problem with conventional currency is all the trust that’s required to make it work. The central bank must be trusted not to debase the currency, but the history of fiat currencies is full of breaches of that trust. Banks must be trusted to hold our money and transfer it electronically, but they lend it out in waves of credit bubbles with barely a fraction in reserve. We have to trust them with our privacy, trust them not to let identity thieves drain our accounts. Their massive overhead costs make micropayments impossible … With e-currency based on cryptographic proof, without the need to trust a third party middleman, money can be secure and transactions effortless.« (Satoshi Nakamoto: Bitcoin open source implementation of P2P currency, 11.02.2009)

Das war der konzeptionelle starting point des Bitcoin-Ansatzes. Der Bitcoin-Ansatz ist entstanden in den Untiefen der weltweiten und absolut desaströsen Finanzkrise, in der Billionen an Dollar und anderen „Fiat-Währungen“ einfach vernichtet worden sind. In diesem Kontext wollte man eine Alternative erschaffen – und der Kern der Bitcoin-Idee ist die „peer-to-peer“-Komponente, also ein direkter Zahlungsverkehr ohne die Notwendigkeit, beispielsweise Banken einschalten und/oder sich einem Kontroll- und Steuerungsregime der Zentralbanken unterwerfen zu müssen.Doch die Diskussion über Bitcoin wird gerade nicht (mehr) von diesen grundsätzlichen Zielen bestimmt, sondern sie ist (zumindest in der öffentlichen Berichterstattung) fast ausschließlich getrieben von der Kursexplosion der vergangenen Monate – übrigens wieder einmal, denn extreme Auf- und Abwärtsbewegungen beim Bitcoin-Kurs in Dollar oder anderen Währungen wie dem Euro hat es auch schon in den vergangenen Jahren gegeben.

➔ „Fiat-Währungen“ oder Fiatgeld ist die Bezeichnung für eine nationale Währung und damit für das physische Geld, Banknoten und Münzen, das wir alle aus unserem Alltag kennen. Zum Beispiel also der US-Dollar, der Euro, der Schweizer Franken und andere Fiat-Währungen. Fiatgeld ist nicht an den Preis eines Rohstoffes gebunden, der Wert basiert vor allem auf dem Vertrauen, das die Nutzer dem Herausgeber der Währung entgegenbringen. Dieser Herausgeber ist in der Regel die Regierung oder die Zentralbank (Notenbank) eines Landes. Fiatgeld hat im Gegensatz zu Warengeld (Gold, Silber etc.) selbst keinen inneren Wert. Die Regierung oder Zentralbank gibt das Fiatgeld mit dem Versprechen aus, dass die Währung gegen Güter im jeweiligen Wert eingetauscht werden kann.

Mittlerweile lassen sich alle Ingredienzen eines gewaltigen Spekulationsgebildes beobachten. Beflügelt wird der Bitcoin zusätzlich dadurch, dass sich immer mehr professionelle Anleger wie Vermögensverwalter oder Fondsanbieter für Kryptowährungen interessieren und in den Markt einsteigen. Noch gesteigert wird das Interesse an digitalen Währungen durch die Corona-Pandemie und die mit ihr einhergehende stark steigende Staatsverschuldung. Einige Anleger fürchten deswegen eine mittel- bis längerfristig steigende Inflation, wogegen sie sich mit alternativen Anlagen absichern wollen. Die Meinungen zum Bitcoin gehen allerdings nach wie vor stark auseinander. Anhänger sehen in Digitalwährungen nicht nur zukunftsweisende Technologien, sondern nutzen die Internetwährungen auch als Spekulationsobjekt und vermehrt als Absicherung gegen Kursschwankungen anderer Finanzanlagen. Kritiker sehen hingegen eine Spekulationsblase und monieren unter anderem die teils extremen Kursschwankungen des Bitcoins.

Dabei ist der Bitcoin nur eine der zahlreichen „Krypto-Währungen“, die es gibt, wobei die meisten keine Bedeutung haben – bis auf einige wenige, allen voran: Bitcoin.

Bereits 2017 wurde angemerkt: Die gegenwärtige alles andere überlagernde spekulative Entwicklung beim Bitcoin hat eine offensichtliche Folge: die ursprünglich so zentrale Idee eines alternativen Zahlungsverkehrs wird ad absurdum geführt: Wer mit Bitcoin zahlt, ist dumm, so die Überschrift eines Artikels von Stephan Kaufmann. Er erinnert an den ursprünglichen Anspruch: »Auf die Welt gebracht wurden Bitcoins als Alternative zu Dollar, Euro und Yen. In den Hochzeiten der vergangenen Finanzkrise schien das globale System zu kollabieren, Staaten häuften Schulden an, Banken wackelten, Zentralbanken pumpten Milliarden ins System, man fürchtete eine Hyperinflation. Das Misstrauen in die gängigen Papierwährungen lenkte den Blick auf das digitale Geld, das durch ausgefeilte Technik für geschäftliche Transaktionen genutzt werden kann – ein Zahlungssystem ohne spekulierende Banken, kontrollierende Staaten und Geld druckende Zentralbanken. Bitcoin versprach Stabilität und Anonymität.« Aber genau das wird durch die aktuelle Entwicklung verunmöglicht: »Denn je höher der Bitcoin steigt, umso weniger kann er die Funktion erfüllen, für die er ursprünglich erfunden wurde: Geld zu sein … Das Problem des Bitcoin ist nun, dass seine Funktion als Spekulationsvehikel seiner Eignung als Zahlungsmittel diametral zuwiderläuft. Wollte Bitcoin tatsächlich als Geld dienen, so müsste es stabil sein.« Interessant auch die damals bereits geführte Diskussion über Alternative: Gibt es mit Blick auf die Zahlungsfunktionalität Alternativen zu Bitcoin? Dazu Stephan Kaufmann: »Andere Digitalgelder versuchen, das Schicksal des Bitcoin als Spekulationsobjekt zu vermeiden. Tether zum Beispiel ist fest an den Dollar gekoppelt. Basecoin will seine Stabilität dadurch sicherstellen, dass im Falle von Aufwertungen stets neue Basecoins ausgegeben werden, im Abwärtstrend werden Basecoins verknappt. Derartige Konzepte machen allerdings deutlich: Stabilität gewinnen die Kryptogelder nur, indem sie sich an Dollar, Euro oder Yen anlehnen – eben an echtes Geld.«

Was hat es mit diesem Bitcoin auf sich?

Was genau sind eigentlich Bitcoin & Co.? Hier stehen sich zwei Lager gegenüber:

➔ Auf der einen, zugleich mächtigen Seite, befinden sich die Kritiker: Für sie sind die digitalen Münzen schlicht Werkzeuge des Verbrechens aus den dunklen Ecken des Internets, oder, im besten Fall, eine neue Zockeranlage am Spieltisch der Finanzmärkte.

➔ Und auf der Seite der Anhänger kommt es wieder zum Vorschein, das Entstehungsmotiv: Für sie eröffnet der Bitcoin jedem Bürger den Zugang zu den Zahlungsströmen der Welt, ebnen die Kryptowährungen den Weg zu einem demokratischeren Geldsystem ohne gierige Banker und gestrige Aufseher.

Die Befürworter des Bitcoin denken im Kern anarcho-libertär: Der Bitcoin löst demnach das heutige Geldsystem ab, bricht die Macht der Banken. Jeder Bürger nimmt an den globalen Finanzströmen teil; ohne Vermittler jagen Transaktionen blitzschnell und fast kostenlos um den Erdball. Ob dabei Bitcoins Verwendung findet, Ethereum oder eine andere Digitalwährung, ist zweitrangig. Klar ist nur: Die klassischen Notenbanken sind verhasst, ihr Geld wird als „Weichwährungen“ geschmäht. Und sie haben angeblich einen Bezugspunkt, der jedem Ökonom geläufig ist:

➔ Bereits 1976 plädierte Friedrich August von Hayek für eine „Entnationalisierung des Geldes“, für eine Geldschöpfung außerhalb der Notenbanken. Hayek misstraut den Regierungen, sieht die Versuchung, das Geldausgabe-Monopol durch Währungsentwertung zu missbrauchen, etwa, um staatliche Ausgabenprogramme zu finanzieren. Hayek sieht in den westlichen Marktwirtschaften eine chronische Niedrigzinspolitik am Werk, die immer gewaltigere Kredit- und Geldmengen auftürmt. Hayeks Rezept gegen die Krise: In Zukunft sollen Banken eigene, private Währungen herausgeben. Im freien Spiel des Marktes setzen sich dann die „guten Währungen“ gegen die „schlechten“ durch, kehrt die Deckung durch Edelmetalle zurück, so die Hoffnung.

Da die Kryptowährungen nicht an ein Edelmetall gekoppelt sind, wie die „guten Währungen“ in Hayeks Theorie (und natürlich auch keine Zentralbank über die Geldmenge wacht), müssen sie mit einem anderen Mechanismus Inflation verhindern.

Mittel der Wahl ist eine absolute, im Algorithmus verankerte Obergrenze. Beim Bitcoin liegt sie bei 21 Millionen Stück, die früher oder später erreicht werden. Die digitale Geldmenge kann durch diese Angebotsgrenze auf Dauer nicht mit dem Wirtschaftswachstum schritthalten. Der Bitcoin wird seltener und damit tendenziell wertvoller.

Die wichtigste Folge der Zwangsverknappung: Das Wesen des Bitcoins verändert sich über die Zeit. Die Kryptowährung wird von Jahr zu Jahr immer mehr zu einem Rohstoff, statt zu echtem Geld.

Bitcoin’s transformation from putative currency to speculative asset

➔ Dazu auch James Surowiecki in seinem Artikel The Bitcoin Dream Is Dead. Er beginnt mit einer Geschichte, die aus heutiger Sicht wirklich sehr teuer daherkommt: On May 22, 2010, a Bitcoin developer named Laszlo Hanyecz bought what may have been the most expensive meal in human history when he paid someone 10,000 Bitcoins to pick up and deliver him two pizzas from Papa John’s. Given that one Bitcoin is now worth more than $30,000, those pizzas cost, in retrospect, somewhere north of $300 million.« Zwei Pizzen für heute 300 Mio. Dollar – hätte er das damals gewusst, wären ihm die Bissen sicher im Hals stecken geblieben. Heute würde keiner mehr Pizzen bestellen und mit Bitcoin bezahlen – weil alle an den möglichen Wert des Bitcoin in der Zukunft denken (würden). »In the years since Hanyecz’s splurge, Bitcoin has gone from being an interesting experiment in decentralized finance to being the best-performing asset of the decade, rising more than 10,000,000% since 2010 and jumping 220% last year alone.« Surowiecki stellt Bitcoin auf eine Ebene mit Gold: »Despite being extraordinarily risky and volatile … Bitcoin has, in some sense, been admitted to the club and is now seen by many as a plausible competitor to assets like gold.« Und das hat Folgen, die in diesem Beitrag schon angesprochen wurden: »Bitcoin completely lost its original reason for being.«

Denn: »Bitcoin was, after all, not designed to be a speculative asset. It was designed to be a currency, a new medium of exchange that people could, and would, use to transact daily business with each other. (That’s why we call it a cryptocurrency.)« Der am Anfang beschriebene, as heutiger Sicht bedauernswerte Laszlo Hanyecz hat 2010 das gemacht, wofür Bitcoin eigentlich gedacht war: er hat Bitcoin wie Geld verwendet: »He may have unknowingly made a terrible investment decision, but he was using Bitcoin exactly as it had been designed to be used.«

Auch Surowiecki legt den Finger nochmals auf die mittlerweile ziemlich große Wunde der Differenz von dem, was man ursprünglich wollte, und dem, was man bekommen hat: »Bitcoin’s promise in those early days was that it would be a new currency, one that could challenge the hegemony of so-called fiat currencies like the dollar (which are issued by governments) by being untraceable money that would allow people to conduct business cheaply and anonymously. And because Bitcoin was designed to have a fixed number of coins — it will have 21 million coins by 2140, and then no more — people could use it without worrying about inflation debasing its value.«

Deutlich wird eine „Lebenslüge“ der Bitcoin-„Währung“: »Almost from the beginning, only a small percentage of Bitcoin transactions have been for actual goods and services — and of those, many have been for illicit goods and services, like drugs and online gambling. Most Bitcoin transactions have been trades: people simply buying and selling it.«

Das Versagen der Währungsfunktion von Bitcoin hat auch ganz praktische Gründe – »most obviously the fact that Bitcoin’s design makes it very slow at processing transactions.« Was bedeutet hier „langsam“? Dazu ein Vergleich: »For instance, Visa processes approximately 6,000 transactions a second and has the capacity to do many times that. Bitcoin can do seven.« Hinzu kommt: Die Transaktionsgebühren sind „shockingly high“. Das geht genauer: »During the last Bitcoin boom, in 2017, fees reached as high as $55 per transaction, and while they’ve come down sharply since then, as recently as last May it cost more than $6 to buy something with Bitcoin. That’s not a problem if you’re making an investment, but it’s a big obstacle if you want to buy a pizza.«

Und auch hier wird das ökonomische Fundamentalproblem von Bitcoin als Währung auf den Punkt gebracht – die Mengenbegrenzung auf der Angebotsseite, »namely that the supply of Bitcoin is controlled and limited. Because the supply is limited, when demand for Bitcoin rises (because, say, people are convinced they can get rich quick by buying it), then the value of Bitcoin is going to rise as well.« Das alles muss zu dem führen: »The more people hoard Bitcoin, treating it as a speculative asset, the less appealing it seems as a currency.«

Fazit: »Bitcoin’s real appeal was, inevitably, going to be as what economists call a “store of value,” a kind of digital analogue to gold. Like gold, Bitcoin is valuable to the extent that people think it’s valuable: You buy it because you think someone else will pay more for it in the future. And like gold, its value can’t be inflated away by a central bank.«

»What was supposed to be a way to revolutionize people’s everyday financial lives is now mostly a way for people to get rich quick (or lose their shirts) or, in an ideal scenario, for people to protect their wealth against inflation. Bitcoin began as a cryptocurrency. It has ended as a cryptoasset.«

Und was macht die offizielle Geldpolitik? Die EZB denkt über einen „digitalen Euro“ nach und will diesen (möglicherweise) ins Leben rufen

Die Diskussion und der Hype um Kryptowährungen ist nicht spurlos an den Mächtigen der Geldwelt, also den Notenbanken vobeigegangen. Von daher muss hier – auch mit Blick auf die Zukuft – eine neue Entwicklung angesprochen werden, von manchen als Versuch einer Antwort der Zentralbanken auf die Expansion des Bitcoin (und der „Krypto-Währungen“ insgesamt) interpretiert: Von den „klassischen“ Währungen wie Dollar, Euro oder Yen eine digitale Variante herauszugeben. Man kann das am Beispiel der Diskussion über die mögliche Einführung eines digitalen Euro aufzeigen. Dabei ist vielen sicher unklar, was es damit wirklich auf sich hat bzw. was der Sinn dieses Unterfangens sein soll.

Ganz offensichtlich ist das nicht nur ein grundsätzliches, sondern auch ein höchst aktuelles Thema: »Kurz vor der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich die deutsche Kreditwirtschaft geschlossen für die Einführung des digitalen Euro ausgesprochen – als Ergänzung zum Bargeld«, so dieser Bericht: Banken befürworten digitalen Euro. »Der Vorschlag der Banken sieht vor, dass der digitale Euro drei Elemente enthalten sollte: ein digitaler Euro für den Alltagsgebrauch der Bürger als Ergänzung zum Bargeld, eine spezielle Form für die Kapitalmärkte und den Interbankenverkehr sowie sogenannte „Giralgeldtoken“ für den Einsatz in der Industrie.«

»Dazu könnten die Banken den Verbrauchern elektronische Geldbörsen, sogenannte „Wallets“, zur Verfügung stellen, die es Smartphone-Nutzern heute schon ermögliche, dort ihre EC- oder Kreditkarten abzulegen. Jedem Bürger in der Eurozone sollte zudem ein Rechtsanspruch auf eine elektronische Geldbörse bei einem Geldhaus seiner Wahl eingeräumt werden, um die Akzeptanz eines digitalen Euro in der Bevölkerung zu stärken. Wie Bargeld sollte der digitale Euro unverzinst bleiben.«

Und dann kommt ein wichtiger Satz, der Sie aufhorchen lassen sollte: 

»Ob das auch bedeutet, dass mit dem digitalen Euro keine Negativzinsen erhoben werden, lässt der Branchenverband offen.«

Warum macht die EZB das, was hier von den Geschäftsbanken unterstützt wird? »Die EZB will eine Entscheidung um die Jahresmitte herum verkünden. Den Währungshütern sind Kryptowährungen wie der Bitcoin ein Dorn im Auge, denn die entziehen sich ihrem Einfluss und ihrer Kontrolle. Die chinesische Notenbank hat bereits Zahlungen mit solchen Währungen verboten. Allerdings wollen auch die Chinesen eine digitale Währung einführen.«

»Während Kryptowährungen wie Bitcoins boomen, arbeitet die Europäische Zentralbank am digitalen Euro. Wie könnte der in der Praxis funktionieren – und was wären die Vorteile beim Bezahlen?« Diese Frage stellt auch Klaus-Rainer Jackisch in seinem Artikel Was der digitale Euro können soll. Er beginnt seinen Beitrag mit einem Blick nach Schweden: »Wer in Stockholms Gamla Stan, der malerischen Altstadt mit gepflasterten Straßen und bunten Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, beim Sightseeing ein Blaubeer-Eis oder die beliebten Zimtschnecken kaufen will, hat es beim Bezahlen schon immer leicht gehabt. Die bargeldlose Transaktion ist hier schon seit vielen Jahren gang und gäbe. Auch Kleinstbeträge zahlt man gerne per Kreditkarte, Apple Pay oder Maestro-Card. Bargeld spielt in Stockholm wie in ganz Schweden schon lange kaum noch eine Rolle. Selbst beim Bäcker schüttelt man mitunter den Kopf, wenn Kunden mühselig Papiergeld aus dem Portemonnaie kramen. Jetzt will Schwedens Regierung den bargeldlosen Zahlungsverkehr noch weiter vorantreiben. Das Ziel: Münzen und Papiergeld sollen langfristig ganz verschwinden.«

Auch »das Euro-Zahlungssystem steht vor großen Veränderungen. Die EZB ist jedenfalls fest entschlossen, einen digitalen Euro einzuführen, den sogenannten E-Euro. Der soll parallel zum Bargeld ausgegeben werden, das ausdrücklich nicht abgeschafft werden soll.«

„Wir werden einen digitalen Euro haben“, so die Präsidentin der EZB, Christine Lagarde, auf einer virtuellen Diskussions-Veranstaltung. Und bremst dann gleich mögliche Erwartungen: „Das ist nicht für morgen, das wird einige Zeit benötigen, um sicherzustellen, dass es etwas gibt, das sicher ist.“

Für alle, die eine etwas genauere Zeitvorstellung brauchen: Lagarde geht davon aus, dass der E-Euro schon in fünf Jahren in den virtuellen Geldbörsen der Verbraucherinnen und Verbraucher der Eurozone liegen wird.

Was ist der Hintergrund für diese Aktivitäten? »Damit reagiert die Notenbank auf zahlreiche neue Formen des Bezahlens, von denen „Krypto-Assets“ wie etwa der Bitcoin oder die von Facebook entwickelte Bezahlmethode namens Libra die spektakulärsten sind. Aber auch andere Notenbanken setzen die Europäer unter Zugzwang. China ist bei der Entwicklung eines digitalen Yuan meilenweit voraus, auch die Zentralbank in Schweden bastelt an der digitalen Krone.«

Und wie soll das aussehen, was muss man sich darunter vorstellen?

»Wie der E-Euro am Ende ganz genau aussieht, wissen auch die Währungshüter noch nicht abschließend. Aber so viel ist bereits klar: der digitale Euro wird wie das Bargeld von der EZB ausgegeben und kontrolliert. Er entsteht durch die Geldschöpfung der EZB und der Geschäftsbanken, also ganz normal wie Münzen, Scheine und Buchgeld, das etwa auf dem Girokonto oder Sparbuch liegt. Im Unterschied zum Bitcoin und anderen „Krypto-Assets“ behält also die Notenbank die Kontrolle über die Währung und will damit Stabilität und Sicherheit garantieren.«

Eine virtuelle Geldbörse

»Der digitale Euro soll in einer Art virtueller Geldbörse aufbewahrt werden. Das Geld wird etwa beim Kauf eines Brötchens beim Bäcker mittels eines einfachen Verfahrens, zum Beispiel durch eine App oder einen QR-Code, in die Schatulle des Verkäufers wandern. Dies soll sowohl online als auch offline möglich sein, ohne Internet etwa durch Bluetooth oder andere technische Lösungen. Das Verfahren ist also sehr einfach und auch viel schneller als etwa eine SEPA-Überweisung, die den europäischen Zahlungsverkehr ja auch schon rasant beschleunigt hat.
E-Euros werden auf einem separaten Konto verbucht, also getrennt von den Einlagen auf einem normalen Girokonto. Faktisch liegt dieses Konto bei der EZB, doch verwaltet werden soll es durch die Geschäftsbanken. Der normale Verbraucher wird also wie beim Bar- und Buchgeld keinen direkten Zugang zur EZB erhalten.«

Aber haben wir nicht schon vielfältige Möglichkeiten, elektronisch zu zahlen, via Karten, Smartphone usw.?

Ja, diese Möglichkeiten haben wir heute schon und sie werden immer intensiver genutzt. Also muss es darüber hinausreichende (mögliche) Vorteile geben (können), einen E-Euro zu nutzen.

➔ »Aus Sicht der Währungshüter verknüpfen sich mit dem E-Euro zahlreiche Vorteile gegenüber anderen elektronischen Zahlungsmitteln. Zentral ist dabei vor allem die Sicherheit. Denn dem E-Euro kann nichts passieren, selbst dann nicht, wenn die Geschäftsbank durch eine Krise in Schieflage gerät, weil am Ende eben die EZB dahinter steht. Davon erhofft man sich auch deutlich mehr Vertrauen als in Zahlungsmethoden wie ApplePay oder GooglePay, hinter denen nicht Zentralbanken, sondern große Konzerne stecken, deren Solidität in Krisenzeiten nicht immer gesichert ist.«

➔ »Ein weiterer Vorteil ist der Schutz der Privatsphäre. Denn im Unterschied zu Apple & Co., aber auch zu den großen amerikanischen Kreditkartenunternehmen, werden bei der Transaktion keine persönlichen Daten übermittelt. Anonymität und Schutz der Privatsphäre hätten gerade für Europäer einen großen Stellenwert, so die EZB. Dies bestätigen auch die ersten Ergebnisse einer Umfrage der Notenbank: Für über 40 Prozent der Teilnehmer stand der Schutz der Privatsphäre ganz oben auf der Agenda. Danach folgten mit weitem Abstand die Sorge um die Sicherheit (17 Prozent) und das Interesse an einer europaweiten Lösung (10 Prozent).«

Und was ist eigentlich mit den Geschäftsbanken? Wie sehen die das? Offensichtlich skeptisch bis ablehnend, wenn man den Ausführungen von Jackisch in seinem Artikel folgt:

»Bei den Geschäftsbanken treffen die Pläne bisher eher auf Zurückhaltung und Kritik. Einige fürchten, dass ihnen die Felle davon schwimmen, sollte der digitale Euro bei der Bevölkerung wegen der vielen Vorteile und Sicherheiten zum Renner werden und sie ihr Erspartes in die virtuelle Gemeinschaftswährung umschichten. „Für die Banken fällt eine wichtige Finanzierungsquelle weg, wenn die Bürger ihre Bankguthaben in digitale Euro umtauschen“, meint etwa Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Er rechnet vor: Privatleute und Unternehmen hielten im Euro-Raum auf den Girokonten ihrer Geschäftsbanken knapp 7300 Milliarden Euro. „Wenn sie dieses Geld vollständig auf EZB-Konten überwiesen, verlören die Banken fast ein Viertel ihres Fremdkapitals.“«

Dass das Geld vollständig auf EZB-Konten abfließt, was der Volkswirt der Commerzbank hier an die Wand malt – dazu wird es nicht kommen:

»Denn auch die EZB hat kein Interesse, die ohnehin angeschlagene Kreditwirtschaft weiter zu schwächen – zumal sie auch für die Bankenaufsicht und damit für Stabilität verantwortlich ist. So sollen denn auch die Guthaben auf dem E-Euro-Konto beschränkt werden – vermutlich auf maximal 3000 Euro. Denn das E-Euro-Konto soll nicht zum Sparen oder Investieren, sondern zum Shoppen genutzt werden, sagt die EZB.« 

Und dann kommt ein Aspekt, den wir in der VWL-Vorlesung angesprochen haben, als es um die Geldpolitik der EZB (und anderer Notenbanken) ging. Ich hatte darauf hingewiesen, dass wir derzeit nicht nur Nullzinsen haben beim Leitzins, sondern sogar Negativzinsen – für die Geschäftsbanken, wenn die Geld zwischenlagern bei der EZB. Und dass das die Zentralbank macht, um Druck auszuüben, das Geld zu investieren, als Kredit in die Wirtschaft und an die Verbraucher weiterzureichen, damit endlich mehr ausgegeben und investiert wird, die Konjunktur nach oben geht – und die Inflationsrate endlich in die Zielregion kommt („knapp unter 2 Prozent“). Und dass das Inflationsziel der EZB seit Jahren verfehlt wird, ist Ihnen bekannt. Im Zusammenhang mit dem möglichen E-Euro kommt nun ein möglicher Wirkmechanismus, den ich bereits aufgerufen hatte, als es um die Interessen ging, die für eine „bargeldlose Gesellschaft“ Werbung machen. Man kann dann geldpolitisch besser durchgreifen bis auf unsere Ebene, also die der Verbraucher. 

»Weil die E-Euros auf einem separaten Konto liegen, ist dies leicht zu kontrollieren und auch zu steuern. Dies wiederum bietet den Währungshütern ganz neue Möglichkeiten, ihre Geldpolitik anzupassen. Sie können für die E-Euros andere Leitzins-Sätze festlegen als für Bar- und Buchgeld. Dann könnten etwa höhere Strafzinsen für E-Euros zu mehr Konsum antreiben und die Wirtschaft ankurbeln.«

Wir werden sehen, denn sicher ist noch gar nichts:

Eine »Entscheidung, ob das Projekt umgesetzt wird, soll aber erst Mitte des Jahres fallen. Eine Rolle dabei dürfte auch spielen, ob sich das Ganze überhaupt rechnet. In der Schweiz etwa, wo man neuen Zahlungsmethoden offen gegenüber steht und sogar mit Bitcoins an Automaten der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) zahlen kann, kam man zu dem Schluss, dass die Kosten einer Digital-Währung die Vorteile überwiegen würden. Ebenso in Dänemark.«