Die Fußball-WM 2022 im Wüstensand von Katar und darüber hinaus – aus volkswirtschaftlicher Sicht

Am Sonntag hat sie begonnen, die Fußball-WM im Golfstaaten-Emirat Katar. Und wir sind alle konfrontiert mit einr hyperventilierenden Berichterstattung über „One Love“-Armbinden, die nach einer Entscheidung des Welt- Fußballverbands FIFA nicht von den Mannschaftskapitänen wie eigentlich geplant getragen werden dürfen. Oder der Entscheidung des Gastgeberlandes kurz vor Beginn des Turniers, dass man nun sich nicht als Fan vor Ort seinen Gerstensaft bekommt, wie eigentlich zugesagt. Oder über die in Deutschland vieldiskutierte Frage, ob man das ganze Spektakel nicht sowieso boykottieren sollte. Public Viewing bei den Temperaturen macht auch nicht wirklich Spaß. Jeder wird sich dazu seine oder ihre Meinung bilden.

In meiner VWL-Veranstaltung soll und muss das Thema auch aufgegriffen werden, aber natürlich aus einer explizit volkswirtschaftlichen Perspektive. Denn bei dem Gastgeber handelt es sich nicht um irgendein Land, obgleich es mit 11.610 km² nur halb so groß ist wie unser Bundesland Hessen. Es geht hier um eine in der Golfregion relevante regionale Wirtschaftsmacht, die vor allem wegen des Erdgases auch eine (zunehmende) weltwirtschaftliche Bedeutung hat. Manche werden sich erinnern, dass der Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor kurzem zu Besuch war in diesem Emirat, auf der Suche nach einem Ersatz für die ausbleibenden russischen Erdgaslieferungen im Gefolge des russischen Überfalls auf die Ukraine und die damit einhergehenden weltwirtschaftlichen Verwerfungen.1

Am 14. November 2022 gab es einen Themenabend Katar im ARD-Fernsehen. Dabei wurde dieser Beitrag ausgestrahlt:

➔ ARD: WM der Lügen (14.11.2022): „Eine Weltmeisterschaft zum Wohle des Fußballs?“ „Ein Motor für gesellschaftlichen Wandel in einer ganzen Region.“ „Die beste, die nachhaltigste WM aller Zeiten.“ Die Versprechen der FIFA klingen vor der umstrittensten Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten vollmundig. Was ist Wahrheit, was ist Wunschdenken, was Augenwischerei? Eine Woche vor Beginn der ersten Fußball-Weltmeisterschaft im arabischen Raum zeigt der Film, was wirklich hinter diesem Turnier steckt. Die Lobeshymnen von FIFA-Boss Gianni Infantino über seinen WM-Gastgeber hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack, sind doch bei der Vorbereitung dieser WM tausende Gastarbeiter gestorben. Und wenn für ein Event hundert saftig grüne Fußballplätze in eines der wasserärmsten Länder der Erde gebaut werden, kann man sich kritischer Fragen der Weltöffentlichkeit zu ökologischer Nachhaltigkeit sicher sein. Hat diese WM wirklich die Gesellschaft Katars nach vorne gebracht oder hat sie sie weiter gespalten? Man darf Zweifel haben, ob die FIFA mit diesem Turnier tatsächlich den Fußball in der Region unterstützt hat oder ob sich der Weltverband im reichsten Land der Welt vor allem fürs Finanzielle interessiert. „WM der Lügen“ schaut hinter die Hochglanzbilder, hinterfragt die flauschigen Werbebotschaften und prüft die gut aussehenden Zahlen. Ein Faktencheck für den Fußball.

Und eine überaus gewinnbringende Doku über Katar mit einem besonderen Schwerpunkt auf die ökonomischen Hintergründe hat das Wirtschaftsmagazin „Makro“ des Fernsehsenders 3sat ausgestrahlt:

➔ Makro: Geheimes Katar – Geschäftssinn, Gas und Größenwahn (15.11.2022)
Katar: Der Wüstenstaat am Golf hat es mit Öl und Gas zu einem der wohlhabendsten und einflussreichsten Länder der Welt geschafft. Die Fäden hält die Emir-Familie Al Thani fest in der Hand.

Weitere Informationen können Sie diesem Radio-Beitrag entnehmen:

➔ Deutschlandfunk: Mit Gas und Visionen zum Global Player – Die Katar-Story (15.11.2022)
Katar ist in den letzten 30 Jahren zur Regionalmacht aufgestiegen. Das Emirat perfektioniert die Autokratie und fördert einen höchst konservativen bis radikalen Islam – mit fatalen Folgen für die betroffenen Krisengebiete.

Sehr viel dreht sich bei dieser WM um das Geld, das ganz große Geld – gerade auch bei den kritischen Berichten. Aber das lässt sich wahrlich nicht begrenzen auf das, was gerade in Katar passiert.

Auch bei uns dreht sich vieles im Fußball – und nicht nur begrenzt auf den Profi-Fußball an der Spitze – um das Geld. Dazu nur diese kleine Auswahl an aktuellen Berichten:

➔ ZDF: Die Macht der Spielerberater (12.10.2022)
Jedes Jahr findet im Profi-Fußball ein bizarres Millionenspiel statt: Mit neuen Akteuren rüsten sich die Vereine im Kampf um Titel, Träume und Trophäen. Mittendrin: die Spielerberater. Sie sind die Strippenzieher, vermitteln Stars, lotsen Talente zu Klubs und kümmern sich um Verträge. Doch das Image der Berater ist schlecht. Der Vorwurf: sie arbeiten mit schmutzigen Tricks, behandeln die Spieler wie „Ware“ und kassieren hohe Honorare. Wechselt ein Spieler den Fußballverein, dann geht es meist um gigantische Ablösesummen, astronomische Spielergehälter und entsprechend hohe Honorare, auch für die Spielerberater, die diese Deals einfädeln.

Aber selbst auf die Amateurebene werden wir mit der Ökonomisierung und Monetarisierung konfrontiert:

➔ Frontal 21: Kohle statt Teamgeist. Warum Geld den Amateurfußball kaputt macht (15.11.2022)
Was Big Money im Profifußball anrichtet, das passiert ein paar Nummern kleiner auch beim Dorfverein um die Ecke. Gigantische Ablösesummen, zweifelhafte Trainingslager, Investoren-Millionen. Big Money hat aus der Bundesliga ein millionenschweres Hochglanzprodukt gemacht. Wie gut, dass es da noch den Amateurfußball gibt. Doch von wegen – denn genau der ist in Gefahr: Geldscheine in Briefumschlägen, größenwahnsinnige Investoren und Vereinsmitglieder, die sich frustriert abwenden.

Und dann noch das hier:

➔ Deutschlandfunk Kultur: Kicken für Kost und Logis – Das Geschäft mit brasilianischen Nachwuchsfußballern(20.11.2022) 
In Deutschlands Amateurligen träumen viele Brasilianer von einer Karriere als Fußballprofi in Europa. Sie wohnen in alten Bürogebäuden, bekommen kein Geld und sind trotzdem lieber hier als zu Hause. Zu Besuch bei einem Verein in der hessischen Provinz.

Geld regiert die (Fußball-)Welt.

1 Der Bundeswirtschaftsminister Habeck hatte nach seiner Katar-Reise zwar verkündet, dass es ein Abkommen über langfristige Flüssiggaslieferungen aus dem Emirat geben soll, aber unterzeichnet ist noch nichts. Ganz anders sieht das bei einem anderen Land aus, wenn man diese Meldung vom 21.11.2022 liest: Katar und China schließen Gasliefervertrag über 27 Jahre ab: »Das Golfemirat Katar hat mit China einen langjährigen Vertrag zur Energieversorgung geschlossen. Das staatliche Unternehmen Qatar Energy werde jährlich vier Millionen Tonnen Flüssiggas in die Volksrepublik liefern, teilte der Konzern mit. Der Vertrag laufe über 27 Jahre, hieß es. Katar will die Produktion von LNG bis 2027 um 60 Prozent steigern, um dann jährlich knapp 130 Millionen Tonnen herzustellen. Hauptabnehmer sind neben China Japan und Südkorea; seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine fragen auch Deutschland und andere europäische Länder verstärkt LNG nach.«