Der Big-Mac-Index: Was ein (angeblich) homogener Fleischklumpen mit der Kaufkraft und den Wechselkursen von Währungen zu tun haben soll

Sie erinnern sich (hoffentlich): Bei der Behandlung des so bedeutsamen Themas Bruttoinlandsprodukt (BIP) wurde hinsichtlich der in der VWL überaus wichtigen internationalen Vergleiche darauf hingewiesen, dass man aufpassen muss, wenn die BIP-Werte unterschiedlicher Werte in einer Währung ausgewiesen werden, üblicherweise ist das der US-Dollar. Auf der einen Seite ist das notwendig, um die in ganz unterschiedlichen Währungen ausgewiesenen BIP-Werte vergleichen zu können, auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, dass dabei normalerweise die jeweiligen Währungen zum aktuellen oder in dem betrachteten Jahr durchschnittlich gegebenen Wechselkurs zum US-Dollar umgerechnet werden. Das aber kann problematische Folgen haben.

➔ Wertet die Währung eines Landes ab, sinkt unter sonst gleichen Bedingungen sein in US-Dollar gemessenes BIP, wertet die inländische Währung auf, steigt sein in US-Dollar gemessenes BIP. Somit ist bei Änderungen des BIP nach Wechselkursen nicht ersichtlich, ob die Änderung des BIP primär realwirtschaftliche oder monetäre Ursachen hat.

Hinzu kommt erschwerend, dass die Wechselkurse in der Regel nicht die tatsächliche Kaufkraft in den unterschiedlichen Ländern zum Ausdruck bringen (können).

Das ist aber schon höchst relevant – ohne weitere Vorkenntnisse können Sie sich alle vorstellen, dass man für einen US-Dollar einen anderen Gegenwert bekommt, wenn man ihn in einem armen Land wie Bangladesh ausgibt oder in einem reichen Land wie der Schweiz. Deshalb verwenden die Volkswirte bei solchen Vergleichen wenn möglich das BIP nach Kaufkraftparitäten (KKP bzw. PPP für „Purchasing Power Parity“).

Das finden Sie alles erklärt in der Ihnen vorliegenden Foliensammlung „Das BIP im internationalen Vergleich“. Als ich darüber gesprochen habe in der Vorlesung, habe ich auch auf den „Big-Mac-Index“ hingewiesen und diesen anhand seiner aktuellen Werte (Stand: Juni 2022).

Was ist der „Big-Mac-Index“?

Der Big-Mac-Index soll ein leicht verständlicher Indikator sein, der für den Kaufkraftvergleich von Ländern entwickelt wurde. Dieser Indikator wurde 1986 von der britischen Wochenzeitung „The Economist“ erfunden und wird halbjährlich im Januar und Juli jeden Jahres aktualisiert.

➔ Vgl. dazu die Seite The Big Mac index. Our interactive currency comparison tool. Dort finden Sie neben den aktuellen Werten auch ergänzende Erläuterungen.

Die Idee bei der Entwicklung dieses Indikators war, dass es überall auf der Welt McDonald’s gibt und der Big Mac in jeder Filiale des Schnellrestaurants weltweit in standardisierter Größe, Zusammensetzung und Qualität verkauft wird. Der Erfolg des Indikators beruht auf seiner Einfachheit und darauf, dass der Big Mac wie auch McDonald’s einen sehr hohen Bekanntheitsgrad haben – jeder hat schon von McDonald’s und Big Mac gehört. Es handelt sich also um ein standardisiertes Produkt, das weltweit bekannt ist und konsumiert wird.

Für den Preisvergleich wird der Preis für einen Big Mac in der jeweiligen Landeswährung zum aktuellen US-Dollar-Kurs umgerechnet. Je höher der umgerechnete Preis ist, desto höher wird auch die Kaufkraft im jeweiligen Land eingeschätzt. Je niedriger der umgerechnete Big Mac Preis ist, desto geringer wird die jeweilige Kaufkraft im Land eingeschätzt.

Mit Blick auf die teuersten und billigsten Länder (insgesamt wird der Index für 57 Länder ausgewiesen) ergibt sich der folgende aktuelle Befund:

Was sagt der Big-Mac-Index (nicht) aus?

»Ökonomiestudenten lieben den Big-Mac-Index, weil er das Zusammenspiel von Wechselkurs und Preisniveau so anschaulich macht. Seine Aussagekraft ist allerdings eingeschränkt«, kann man diesem Artikel entnehmen, der 2021 vom Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft veröffentlicht wurde: Big-Mac-Index: Der etwas andere Wechselkurs. Darin wird nochmals die Grundidee aufgerufen: Es geht darum, auf einfache Art und Weise zu messen, ob eine Währung über- oder unterbewertet ist. Dahinter steckt eine Vorstellung aus dem ökonomischen Lehrbuch: In der perfekten Wirtschaftswelt würden sich Wechselkurse bei freiem Handel so einpendeln, dass vergleichbare Waren in allen Ländern gleich viel kosten.

Dass der Big Mac ein global vergleichbares Produkt ist, lässt sich kaum bestreiten: Der Fast-Food-Konzern McDonald‘s ist weltweit präsent und schreibt seinen Franchisenehmern die einzelnen Bestandteile des Burgers genau vor.

Und nun kommen wir zu den Relativierungen der Aussagekraft des „Big-Mac-Index“ hinsichtlich der Behauptung, man könne damit eine Über- oder Unterbewertung von Währungen messen:

Dass das Brötchen mit der Boulette aber keineswegs überall gleich viel kostet, sondern im Gegenteil die Preisunterschiede weltweit ausgesprochen groß sind, ist jedoch nicht nur durch Wechselkurse im Ungleichgewicht zu erklären, sondern hat mehrere Ursachen:

Ein Burger ist kein handelbares Produkt. Dies liegt schlicht und einfach daran, dass er verderblich ist.Ein Züricher kann seinen Big Mac eben nicht in Beirut bestellen und dadurch dort die Preise nach oben treiben oder für einen Ausgleich der Wechselkurse sorgen.
Das internationale Wohlstandsgefälle bewirkt Unterschiede im allgemeinen Preisniveau. Diese Differenzen schlagen sich auch im Burgerpreis nieder. Vor allem für die Preise von Lebensmitteln, die nicht für den Export bestimmt sind, ist die heimische Kaufkraft ausschlaggebend.
Steuern und Zölle beeinflussen den Preis für Kunden im In- und Ausland. Wenn etwa unterschiedliche Mehrwertsteuersätze zu Preisdifferenzen führen, werden diese generell nicht durch den Wechselkurs ausgeglichen, weil die nationale Mehrwertsteuer beim grenzüberschreitenden Handel nicht anfällt. Umgekehrtes gilt für Zölle: Sie treffen nur die Kunden im Ausland.
Das Wettbewerbsumfeld und die nationalen Vorlieben spielen ebenfalls eine Rolle. Welche Preise McDonald’s für einen Big Mac verlangen kann, hängt logischerweise auch von Angebot und Nachfrage ab: Wie groß ist die Konkurrenz in der Fast-Food-Sparte? Stehen beispielsweise die Inder genauso auf den Big Mac wie die Bundesbürger und die Amerikaner – oder bevorzugen sie einheimische Speisen?

All diese Einschränkungen bedeuten jedoch nicht, dass es überhaupt nichts mit dem Wechselkurs zu tun hat, welche Länder am unteren Ende des Länder-Rankings stehen.

Fazit: Der „Big-Mac-Index“ ist als Wechselkursmaßstab eher ungeeignet, er taugt allerdings ganz gut dazu, die Kaufkraft des Dollars außerhalb der USA zu messen – ein Punkt, der besonders Touristen interessiert.