Inflation sowie die gar nicht so einfache Frage nach der Inflationsmessung

„Die“ Inflation ist Ihnen beispielsweise im Themenfeld der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) begegnet, mit dem BIP im Zentrum. Beim BIP unterscheidet man das nominale und das reale BIP – und der Unterschied ist die „Preisbereinigung“, also man rechnet beim realen BIP die Preissteigerungsrate heraus, damit das an der Veränderung des BIP gemessene Wirtschaftswachstum nicht monetär verzerrt ist, denn wir wollen ja wissen, ob die Wertschöpfung in unserer Wirtschaft wirklich gewachsen ist. Und die Folgen der Inflation, vor allem einer hohen oder sehr hohen Inflation, haben wir auch schon angesprochen: Kaufkraftverluste. Also was können wir und mit dem vorhandenen nominalen Geldbetrag kaufen bzw. wie viel weniger, wenn wir Inflation haben.

Bei der Behandlung des „magischen Vierecks“ der wirtschaftspolitischen Ziele haben wir für das Ziel der „Preisniveaustabilität“ gesehen, dass man die Zielerreichung an der Inflationsrate misst.

Nun ist die amtlich ausgewiesene Inflationsrate ein Durchschnittswert und da sollte bei Ihnen immer die Warnlampe angehen. Auf die Streuung kommt es an. Gerade für Menschen mit niedrigen Einkommen, z.B. Hartz IV-Empfänger oder alte Menschen mit sehr kleinen Renten, sind die Ausgaben beispielsweise für Lebensmittel von weitaus größerer Bedeutung als für Haushalte, die ein verfügbares Haushaltseinkommen von 4.000 Euro und mehr haben. Und den Menschen mit niedrigen Einkommen (die dann auch noch überwiegend zu Miete wohnen müssen), nützt eine niedrige Inflationsrate wenig bis nichts, wenn sich für sie besonders relevante Ausgabenposten überdurchschnittlich verteuern. 

Exkurs: „Die“ Inflation und ihre Streuung zwischen unten und oben

Am 13. Oktober 2022 meldet das Statistische Bundesamt unter der Überschrift Inflationsrate im September 2022 bei +10,0 %. Vor allem Energie- und Nahrungsmittelpreise sorgen für neuen Höchststand: »Die Inflationsrate in Deutschland − gemessen als Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI) zum Vorjahresmonat – lag im September 2022 bei +10,0 %. Die Inflationsrate hat sich damit nach +7,9 % im August 2022 sprunghaft erhöht und verweilt seit sieben Monaten oberhalb von 7 %.« Die Inflationsrate hat damit einen neuen Höchststand im vereinigten Deutschland erreicht. Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes, wird mit diesen Worten zitiert: „Hauptursachen für die hohe Inflation sind nach wie vor enorme Preiserhöhungen bei den Energieprodukten. Aber wir beobachten zunehmend auch Preisanstiege bei vielen anderen Gütern, besonders bei den Nahrungsmitteln. Zudem haben das Auslaufen von 9-Euro-Ticket und Tankrabatt den Preisauftrieb im September 2022 verstärkt. Diese zeitlich begrenzten Maßnahmen des zweiten Entlastungspakets hatten sich von Juni bis August 2022 dämpfend auf die Gesamtteuerung ausgewirkt.“ Nach Inkrafttreten der Entlastungsmaßnahmen im Juni 2022 hatte das Statistische Bundesamt den dämpfenden Effekt der Entlastungsmaßnahmen auf den Verbraucherpreisindex auf etwa einen Prozentpunkt geschätzt.

»Die Preise für Energieprodukte lagen im September 2022 um 43,9 % über dem Niveau des Vorjahresmonats … Haushaltsenergie verteuerte sich mit +51,8 % besonders stark: So haben sich die Preise für leichtes Heizöl binnen Jahresfrist mit +108,4 % mehr als verdoppelt, die Teuerung für Erdgas betrug +95,1 %. Die Preise für Strom erhöhten sich um 21,0 %, die Abschaffung der EEG-Umlage seit Juli 2022 federte die Strompreiserhöhung nur leicht ab. Die Teuerung für Kraftstoffe lag im September 2022 bei +30,5 % … Ursachen für die teuren Energieprodukte sind insbesondere die starken Anstiege der internationalen Einkaufspreise.«

»Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich im September 2022 um 18,7 % gegenüber dem Vorjahresmonat und damit stärker als die Gesamtteuerung. Insgesamt hat sich der Preisauftrieb hierfür seit Jahresbeginn sukzessive verstärkt (August: +16,6 %). Erneut wurden im September 2022 bei allen Nahrungsmittelgruppen Preiserhöhungen beobachtet.«

4,6 % statt 10 %? 

Welche besondere preistreibende Bedeutung Energie und Nahrungsmittel haben, wird an diesen Zahlen erkennbar: »Im September 2022 lag die Inflationsrate ohne Energie bei +6,0 %. Wie stark aktuell zudem die Nahrungsmittelpreise Einfluss auf die Gesamtteuerungsrate nehmen, zeigt sich an der Inflationsrate ohne Berücksichtigung von Energie und Nahrungsmitteln: Sie lag deutlich niedriger bei +4,6 % und damit nicht einmal halb so hoch wie die Gesamtinflationsrate.«

Das ist natürlich nur eine rechnerische Operation, um den Stellenwert von besonderen Bereichen für die aktuelle Inflationsentwicklung hervorzuheben – für die betroffenen Menschen gibt es diese Option eines Herausrechnens nicht und „die“ betroffenen Menschen gibt es so wenig wie „die“ Inflationsrate, die ein hoch aggregierter Durchschnittswert darstellt. In der Lebenswirklichkeit kann es erhebliche Streuungen um diesen Durchschnittswert geben. Und es gibt sie.

8 % die einen, 11,4 % die anderen?

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gibt in diesen Zeiten besonders hilfreich und wertvoll einen monatlichen „Inflationsmonitor“ heraus, in dem ein differenzierter Blick auf die Preisentwicklung geworfen wird.

In der Oktober-Ausgabe wird zum einen über die offizielle 10 % („für alle“) berichtet, zum anderen aber wird die Spannweite „der“ Inflationsrate aufgezeigt – und der Finger auf eine offene Wunde gelegt:

»Weit überdurchschnittlich belastet sind einkommensschwache Familien und, in etwas abgeschwächter Form, Alleinlebende mit niedrigem Einkommen. Gemessen an den für diese Haushaltstypen repräsentativen Warenkörben trugen Familien mit niedrigem Einkommen im September eine Inflationsbelastung von 11,4 Prozent, bei ärmeren Singles waren es 10,8 Prozent. Dagegen weisen Alleinlebende mit hohem Einkommen wie in den Vormonaten die im Vergleich geringste haushaltsspezifische Teuerungsrate auf: 8,0 Prozent. Damit hat sich die soziale Schere bei den Inflationsraten gegenüber August noch einmal deutlich geöffnet, von 2,1 auf 3,4 Prozentpunkte.
Das ist der höchste in diesem Jahr gemessene Wert und liegt daran, dass die größten Preistreiber – Haushaltsenergie und Lebensmittel – bei den Einkäufen von Haushalten mit niedrigen bis mittleren Einkommen einen größeren Anteil ausmachen als bei wohlhabenden. Auch Alleinerziehende und Familien mit jeweils mittleren Einkommen hatten mit 10,4 Prozent bzw. 10,2 Prozent etwas überdurchschnittliche Teuerungsraten zu tragen, während kinderlose Paare und Alleinlebende mit jeweils mittleren Einkommen mit 9,9 Prozent sehr nahe am allgemeinen Durchschnitt lagen. Familien und Alleinlebende mit jeweils höheren Einkommen wiesen unterdurchschnittliche Raten von 9,3 bzw. 9,5 Prozent auf.«

„Die spezifischen Inflationsraten zeigen, dass Haushalte mit geringeren Einkommen durch den Preisanstieg bei Haushaltsenergie überproportional belastet sind und sich hier auch die Verteuerung der Nahrungsmittel stärker niederschlägt“, so Silke Tober und Sebastian Dullien, die den Monitor erstellen.

»So schlugen bei Familien mit zwei Kindern und niedrigem Einkommen diese beiden Gütergruppen des täglichen Grundbedarfs mit 7,2 Prozentpunkten auf die haushaltsspezifische Inflationsrate von 11,4 Prozent durch, bei einkommensschwachen Alleinlebenden machten sie sogar 7,9 Prozentpunkte der 10,8 Prozent spezifische Teuerung aus. Bei einkommensstarken Alleinlebenden entfielen darauf hingegen lediglich 3,3 Prozentpunkte von insgesamt 8,0 Prozent.«

Warum die einkommensstarken Alleinlebenden dennoch eine Inflation von immerhin noch 8 % erfahren? »Bei diesen Haushalten sorgten dagegen die im Vorjahresvergleich ebenfalls erheblichen Preisanstiege bei Pauschalreisen, Gaststättendienstleistungen oder Wohnungsinstandhaltung für höhere Ausgaben.« Diese Differenzierung der Preissteigerungsquellen ist wichtig:

»Das Problem, dass Haushalte mit niedrigem bis mittlerem Einkommen aktuell auch noch besonders hohe Inflationsbelastungen tragen, wird dadurch verschärft, dass vor allem Ärmere grundsätzlich besonders unter starker Teuerung leiden … Die Alltagsgüter, die sie vor allem kaufen, sind kaum zu ersetzen. Zudem besitzen diese Haushalte kaum Spielräume, ihr Konsumniveau durch Rückgriff auf Erspartes aufrecht zu erhalten.«

Wie kommt man eigentlich zu diesen Inflationszahlen? Vor welchen methodischen Herausforderungen stehen die Wirtschaftsstatistiker?

Eine Übersichtsseite des Statistischen Bundesamte, was sich hinter dem Verbraucherpreisindex verbirgt, finden Sie hier:

➔ Verbraucherpreisindex

Jeden Monat veröffentlicht das Statistische Bundesamt den aktuellen Verbraucherpreisindex.
Wie er entsteht, wie er mit der Inflationsrate zusammen hängt und was es mit dem angesprochenen Warenkorb und dem Wägungsschema auf sich hat, erläutert ein kurzes  Video (2:35 min).

Und eine methodische Übersicht finden Sie auf der folgenden Seite. Die sollten Sie sich bitte durchlesen, denn dort wird kurz und prägnant erläutert, was es mit dem Verbraucherpreisindex auf sich hat und auch, was man sich unter dem Warenkorb und dem Wägungsschema vorstellen muss und wie die Preiserfassung abläuft sowie der Umgang mit Preis- und Mengenänderungen:

➔ Was beschreibt der Verbraucherpreisindex?

Früher war zwar nicht alles besser, aber manches einfacher. Beispielsweise die Messung der Preise. Man ging einmal im Monat in unterschiedliche Geschäfte und hat dort die jeweils aktuellen Preise erhoben und mit denen vor einem Monat und vor einem Jahr verglichen. Allerdings sind die Statistiker heute mit der Tatsache konfrontiert, dass die Preise immer volatiler werden und sich teilweise mehrfach am Tag erheblich verändern können. Dazu bitte diesen interessanten Artikel aus der Zeit vor der Corona-Krise lesen:

➔ Alexander Jung (2017): Die Preis-Frage, in: DER SPIEGEL, Heft 9/2017: »Die Statistikämter treiben enormen Aufwand, um die Teuerungsrate korrekt zu ermitteln. Im digitalen Handel wird das schwierig: Die Preise fahren Achterbahn, die Verwirrung hat System.« 

Das ist natürlich für die Statistiker ein richtig großes methodisches Problem – und mit dem setzen sie sich seit Jahren intensiv auseinander. Wie und zu welchen neuen methodischen Ansätzen das geführt hat, das kann man bei Interesse hier nachlesen:

➔ Christian Blaudow und Florian Burg (2018): Dynamische Preissetzung als Herausforderung für die Verbraucherpreisstatistik, in: Wirtschaft und Statistik, Heft 2/2018 
»Mithilfe von automatisierten Algorithmen können Internetgeschäfte die Preise von Gütern – abhängig von verschiedenen Parametern – in kurzen Zeitabständen ändern. Diese Form der Preisgestaltung wird als dynamische Preissetzung bezeichnet. Für den deutschen Verbraucherpreisindex (VPI) und den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) werden derzeit monatlich etwa 10 000 Preise im Internet erhoben, im Regelfall zu einem festgelegten
Zeitpunkt. Dynamische Preissetzung im Internet stellt die Verbraucherpreisstatistik vor die Herausforderung, die Preisentwicklung weiterhin repräsentativ zu erfassen und dabei auch volatile Preise zu verarbeiten. Daher untersuchte im Jahr 2017 eine Studie zur dynamischen Preissetzung das Preissetzungsverhalten von Internetgeschäften. Es wurden ausschließlich Produkte aus der Stichprobe des VPI/HVPI beobachtet; als Technik für die Erfassung der Preise wurde Web Scraping eingesetzt.«

Und was sich mittlerweile getan hat, kann man den beiden folgenden Beiträgen entnehmen:

➔ Christian Blaudow und Daniel Seeger (2019): Fortschritte beim Einsatz von Web Scraping in der amtlichen Verbraucherpreisstatistik – ein Werkstattbericht, in: Wirtschaft und Statistik,
Heft 4/2019
»Für den deutschen Verbraucherpreisindex und den Harmonisierten Verbraucherpreisindex werden derzeit monatlich für etwa 10.000 Produkte Preise im Internet erhoben. Im Regelfall erfolgt dies manuell durch Preiserheberinnen und Preiserheber, und zwar zu einem festgelegten Zeitpunkt. Im Statistischen Bundesamt wird intensiv daran gearbeitet, diese manuellen Preiserhebungen bis Ende 2020 mit der Hilfe von Web Scraping zu
automatisieren. Auch werden neue Methoden entwickelt, um große Datenmengen in die Berechnung von Preisindizes zu integrieren. Der vorliegende Artikel stellt das in der Entwicklung befindliche generische Programm für die Nutzung von Web Scraping vor und gibt darüber hinaus einen Überblick über den Forschungsstand in der Methodenentwicklung.«

➔ Malte Hanse (2020): Dynamische Preissetzung im Onlinehandel: zu den Auswirkungen auf den Verbraucherpreisindex, in: Wirtschaft und Statistik, Heft 5/2020
»Dynamische Preissetzung, also die laufende Anpassung von Preisen für Waren und Dienstleistungen an die Marktsituation durch die Verwendung maschineller Algorithmen, verbreitet sich im Onlinehandel immer stärker. Die derzeitige Praxis der monatlichen Preiserhebung und Berechnung des Verbraucherpreisindex berücksichtigt diese Entwicklung nur ansatzweise. Die dynamische Preissetzung könnte damit Verzerrungen im derzeitigen Verbraucherpreisindex verursachen. Aus diesem Grund hat das Statistische Bundesamt Preisdaten von Konsumartikeln des Kalenderjahres 2019 analysiert, die automatisiert in deutlich höherer Frequenz erhoben wurden als bei der traditionellen Preiserhebung üblich. Dieser Aufsatz beschreibt dynamische Preissetzungsverfahren ebenso wie Saison­ und Kalendereffekte in der Preissetzung und analysiert diese in Bezug auf ihr Verzerrungspotenzial für den Verbraucherpreisindex.«