Das Weihnachtsfest aus volkswirtschaftlicher Sicht: Von (kaukasischen) Weihnachtsbäumen, die für ein paar Tage in Millionen Wohnzimmern zwischengelagert und dann entsorgt werden

Na, haben Sie auch schon einen ergattert? Oder lassen Sie das von anderen erledigen?
Was der Dozent meint? Na, einen Weihnachtsbaum für die vor uns liegenden Feiertage.

Man muss nicht, aber man kann das natürlich auch volkswirtschaftlich betrachten. Deshalb soll diese „Weihnachtsvorlesung“ mit den Bäumen beginnen, die massenhaft ermordet, also gefällt werden, um dann ein paar Tage in unseren Wohnungen herumzustehen. Damit die Abfallbeseitungsunternehmen im Januar neben der Entsorgung der Tonnen an Geschenkpapier sonst noch was zu tun haben. 

Aber was soll an dem Thema Weihnachtsbäume volkswirtschaftlich relevant sein? Nun gut, es sind viele Bäume, die da umgesetzt werden. Eine ganze Branche lebt davon, totes Holz für die Wohnstuben der Leute zur Verfügung zu stellen. Der Ökonom braucht Zahlen, deshalb hier mal der Faktenblock:

➔ Ob Fichte oder Nordmanntanne: Für viele Menschen gehört ein echter Weihnachtsbaum zum Fest dazu. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, wurden in Deutschland im Jahr 2021 außerhalb des Waldes auf einer Fläche von 20.100 Hektar Weihnachtsbäume angebaut. Die Anbaufläche wuchs damit gegenüber dem Vorjahr um 26,4 %. 2020 umfassten die zum Einschlag aus heimischem Anbau angelegten Flächen 15.900 Hektar. Insgesamt unterhielten im vergangenen Jahr 3.350 landwirtschaftliche Betriebe Weihnachtsbaumkulturen. Stückzahlen für die hierzulande aufgezogenen Weihnachtsbäume werden in der amtlichen Statistik nicht erfasst.

Und wo kommen die Bäume her? Nun wird der eine oder andere von Ihnen daran denken, dass es hier ums herum so viele Wälder gibt, da wird man da rein gehen und die Nadelträger einfach dort fällen und ins Haus schleifen. Die abgeklärten Studierenden unter Ihnen werden diese romantisierende Vorstellung als ein Relikt vergangener Tage zurückweisen und davon ausgehen, dass man solche Mengen irgendwie produziert wie Verhütungsmittel oder Lebkuchen aus der vollautomatischen Backmaschine. Weil Weihnachten kommt ja jedes Jahr wieder und man muss für ausreichend Nachschub sorgen.

Da die hiesigen Weihnachtsbaumkulturen den Bedarf an frischem Tannengrün nicht decken können, wurden 2021 rund 2,4 Millionen frische Weihnachtsbäume nach Deutschland importiert – 13,0 % mehr als im Jahr zuvor. Mit 1,9 Millionen Bäumen kamen die meisten wie in den Vorjahren aus Dänemark. Das nördliche Nachbarland lieferte vier Fünftel (79,8 %) der Weihnachtsbäume.

Schauen wir uns – das Thema Außenhandel lässt grüßen – den Import und der Export von Weihnachtsbäumen an:

Die hier lebenden Menschen nehmen nicht jedes angebotene Nadelholz, sondern sie haben klare Präferenzen: Verbraucher in Deutschland haben am liebsten eine Nordmanntanne als Weihnachtsbaum – die hat einen monopolistischen Marktanteil von 75 Prozent. Die Nordmanntanne hat weiche Nadeln und überzeugt mit einer relativ langen Haltbarkeit. Ursprünglich kommt die Tanne aber nicht aus dem Norden Europas, sondern aus dem Kaukasus.

Die meisten eingeführten Bäume werden also aus Dänemark importiert. Was hat dann der ferne Kaukasus mit der Sache zu tun?

»Der Weihnachtsbaum-Handel ist ein knallhartes Geschäft: Etwa 30 Millionen Bäume werden jedes Jahr in Deutschland verkauft, bis zu 25 Euro zahlen die Käufer für jeden Meter Tanne. Dafür haben sie auch hohe Ansprüche: kerzengerade und saftig grün soll er sein, nicht pieksen und kaum nadeln. Fast 80 Prozent der Käufer entscheiden sich für eine Nordmanntanne – die meisten aus Samen gezogen, die im Kaukasus gepflückt werden: in schwindelerregenden Höhen, unter schwierigen Bedingungen. Wie hoch ist der Preis für den perfekten Weihnachtsbaum?« Ich weiß, das muss man nicht nur lesen, sondern sehen. Deshalb hier der Hinweis auf eine sehenswerte Doku der NDR-Fernsehens:

➔ NDR-Fernsehen: Oh Tannenbaum: Das große Geschäft mit Weihnachten (09.12.2019)

»Die Samen für ihre Zucht kaufen die meisten deutschen Tannenbaum-Produzenten in Georgien. Wer die Ökonomie der Weihnachtsbäume verstehen will, muss also weit nach Osten fahren. Für viele Zapfenpflücker ist die Saatgut-Ernte eine der wenigen Einnahmequellen im ganzen Jahr. Dass der Job in 20 bis 40 Metern Höhe riskant ist, nehmen sie in Kauf. Unter welchen Bedingungen arbeiten die Pflücker und wie wird die Ernte in diesem Jahr ausfallen? Christiane Henningsen folgt der Spur unserer Weihnachtsbäume vom Kaukasus bis in unsere Wohnzimmer.«

Also die Samen für die Bäume kommen aus dem Kaukasus und werden dann hier von den bereits erwähnten fast 3.400 Betrieben, die sich mit der Produktion von Weihnachtsbäumen beschäftigen, eingesetzt. Aber diese Produktion muss man sich so vorstellen, wie heutzutage eben produziert wird, also möglichst effizient eben. Und das hat dann nichts mit einer wie auch immer romantischen Weihnachtsbaumaufzucht zu tun, sondern ist eben ein duschökonomisiertes Business, in dem man schnell und viel produzieren will, auch wenn damit Kollateralschaden verbunden sind, beispielsweise Belastungen der Umwelt:

»Einfach wachsen dürfen die meisten Weihnachtsbäume schon lange nicht mehr: Die sogenannte Top-Stop-Zange zwickt die Tannenspitze und verhindert, dass sie lang und kahl wird. Mit der Motorsäge werden Zweige in Form gebracht. Düngemittel und Pestizide sollen für Idealmaße sorgen. Trotzdem enden fast 40 Prozent aller Bäume als Ausschussware und zerkleinertes Grünzeug … Regelmäßig werden bei Untersuchungen auf Weihnachtsbäumen gesundheitsschädliche Pestizide nachgewiesen.«

Natürlich könnte jetzt der eine oder die andere die Frage aufwerfen, ob es da denn nicht Alternativen gibt, denn ansonsten haben wir doch auch die Möglichkeit, Bio- oder Öko-Produkte zu kaufen statt die aus konventioneller Herstellung oder beispielsweise „fair“ gehandelte Schokolade oder Kaffee zu erwerben. Aber bei Weihnachtsbäumen?

»Knapp 30 Millionen Weihnachtsbäume werden in Deutschland jedes Jahr verkauft, die meisten kommen von Plantagen und sind mit Pestiziden besprüht – „Bio-Bäume“ sind die Ausnahme.« Aber offensichtlich gibt es sie. Das zumindest kann man der zweiten Dokumentation entnehmen, die ich Ihnen zu diesem Thema empfehle:

➔ ZDF: Es weihnachtet grün. Nachhaltig ohne Plastik und Gift (22.12.2022)

In dieser Reportage werden wenigstens auch mal positive Beispiele gezeigt – und auch hier stoßen Sie wieder auf den Kaukasus:

»Förster Michael Kraus aus Freiburg reist jedes Jahr nach Georgien in die Heimat unseres liebsten Weihnachtsbaumes: der Nordmanntanne. Die Samen für die Bäume stammen aus einer der ärmsten Regionen des Landes und werden unter lebensgefährlichen Bedingungen geerntet. Michael Kraus arbeitet als Experte für die dänische Firma „Fair Trees“ und will die Arbeitsbedingungen der Zapfenpflücker verbessern. Helme, Klettergeschirr, Sicherheitstraining, faire Löhne – das bringt er den Männern. „Wenn man bedenkt, dass hier Menschen sterben, um uns den Baum in unser Wohnzimmer zu bringen, kann man es kaum fassen.“«

Und tatsächlich gibt es dann auch bei uns in Deutschland Bio-Weihnachtsbaumproduzenten:

»Günther Marx baut im Spessart Bio-Weihnachtsbäume an – mit Samen aus Georgien. Mit Blumenwiesen zwischen den Bäumen und ohne Pestizide zieht er die Bäumchen hoch bis sie nach einigen Jahren vor Weihnachten erntereif sind.«

Und die Doku weitet den Blick über den Weihnachtsbaum hinaus, denn: Wie sieht es eigentlich aus mit dem Baumschmuck oder den vielen Geschenkverpackungen, die unter dem Baum liegen? Kurz nach Heiligabend landen Berge von glitzernden Folien in der Tonne.

»Damit es an Weihnachtbäumen auch kräftig funkeln kann: Darum kümmert sich Ines Zetzmann. Sie ist Chefin der „Farbglashütte Lauscha“ in Thüringen. „Unser Glas ist aus dem Sand der Magdeburger Börde und zu hundert Prozent recycelbar. Wir sind regional verwurzelt und wirtschaften nachhaltig.“ In ihrem Betrieb fertigen Spezialistinnen und Spezialisten nach uralter Handwerkskunst Kugeln, Weihnachtsmänner, Sterne und Engel an. Anschließend werden sie von Hand bemalt. Statt Wegwerf-Schmuck aus Plastik halten die Thüringer Deko-Stücke ewig.«

Sie sehen, es gibt (fast) immer Alternativen im Leben. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne und gute Feiertage und ein besinnliches, das heißt immer auch ein nachdenkliches Weihnachtsfest.