Neben der Nachfrage- gibt es auch die Angebotsseite der Volkswirtschaft. Und die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik. Die schaut gerade auf den Mittelstand

In der Ihnen vorliegenden Foliensammlung zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) mit dem BIP im Zentrum habe ich Ihnen auch diese Übersichtsdarstellung zur gesamtwirtschaftlichen Angebots- und Nachfrageseite eingebaut:

Schon in der bisherigen Vorlesung und zuletzt im letzten Blog-Beitrag sind Sie konfrontiert worden mit John Maynard Keynes und der mit ihm verbundenen „nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik“, die – wie der Name schon sagt – das Augenmerk schwerpunktmäßig auf die Komponenten richtet, die in der Abbildung oben als Bestimmungsfaktoren der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage skizziert sind. Besonders bei einer rezessiven, krisenhaften Entwicklung der Wirtschaft sollen dann – Stichwort „deficit spending“ – Maßnahmen ergriffen werden, die über die Nachfrageseite einen entsprechenden Stimulus in die Wirtschaft geben, um dort die Wachstumskräfte der Wirtschaft zu befördern.

Nun gibt es aber auch eine „angebotsorientierte Wirtschaftspolitik“ und die setzt an den Bestimmungsfaktoren an, die Sie im unteren Teil der Abbildung finden. Nicht überraschend vor diesem Hintergrund ist dann die Ausrichtung der von dieser Richtung vorgeschlagenen Maßnahmen dergestalt, dass die Unternehmen (also die Anbieter) vor allem bei den Kosten entlastet werden sollen. Dass die Unternehmen immer einen kritischen Blick auf die Kostenentwicklung haben müssen, gehört zum betriebswirtschaftlichen Standardwissen und muss nicht separat begründet werden. Aber viele Kostenentwicklungen, denen sich Unternehmen ausgesetzt sehen, entspringen nicht der unmittelbar betrieblichen Welt, sondern müssen volkswirtschaftlich eingeordnet werden. Denken Sie hier beispielsweise an Entwicklungen bei den Personalkosten der Unternehmen, die bestimmt werden durch politische Entscheidung wie der im vergangenen Jahr vorgenommenen Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 Euro pro Stunde oder wenn die sogenannten Lohnnebenkosten ansteigen, weil die Beitragssätze zur Sozialversicherung angehoben werden. Neben Kostensenkungsvorschlägen wird aus dem Lager der angebotsorientierten Ökonomen immer wieder auch auf solche Dinge hingewiesen wie Bürokratieabbau (z.B. durch Deregulierung oder Abbau rechtlicher Regelungen) oder auch die bedeutsamen Voraussetzung für die Produktion, die man im Infrastrukturbereich verorten muss (denken Sie hier z.B. an den Zustand der Verkehrsinfrastruktur).

In diesem Kontext läuft derzeit gleichsam ein Lehrbuchbeispiel vor unseren Augen ab.

Wenn dem Mittelstand (angeblich) die Puste auszugehen droht

»Überbordende Bürokratie, teure Energie – und kaum Fachkräfte: Der Standort Deutschland bereitet vielen Unternehmen Sorgen. Immer mehr mittelständische Firmen investieren daher anderswo«, so Lisa Wurscher in ihrem Beitrag Wenn es Mittelständler ins Ausland zieht vom 9. Mai 2023. Da werden wir mit einer sehr beunruhigenden Nachricht konfrontiert, in der gleich zentrale Rahmenbedingungen wie auch Kernelemente der Angebotsseite aufgerufen werden:

»Jeder vierte mittelständische Unternehmer denkt nach Informationen des Verbandes „Der Mittelstand BVMW“ über eine Produktionsverlagerung ins Ausland nach. Die wachsende Unzufriedenheit mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland liegt vor allem an den hohen Energiekosten, am Fachkräftemangel und einer stetig wachsenden Bürokratie.«

Und dann wird noch – das ungute Gefühl bestärkend – eine Schippe nachgelegt:

»Nach den Großkonzernen hat der alarmierende Trend nun auch kleine und mittlere Unternehmen erfasst. Die Folgen werden sich in Deutschland erst in einigen Jahren bemerkbar machen. Verbandssprecher Hans-Jürgen Völz spricht von einem schleichenden Prozess, der mittelfristig zum Verlust von Arbeitsplätzen, Wachstum und Wohlstand führen werde.«

Das ist alles noch sehr allgemein – Beispiele bitte. In dem Artikel finden wir zwei konkrete Unternehmensbeispiele:

➔ „Wir wachsen, wir investieren – aber nicht mehr in Deutschland“, sagt Thomas Töpfer, Inhaber der Hellma Materials GmbH in Jena. Sein Betrieb züchtet synthetische Kristalle, ein optisches Material, durch das Licht ungehindert dringen kann. In der Boom-Branche Halbleiter ist es unverzichtbar. Ohne dieses Produkt können die Maschinen in den Chip-Fabriken weltweit nicht produzieren. Die Thüringer sind in dieser Branche Weltmarktführer. Konkurrenz gibt es kaum – nur zwei Mitbewerber in Japan, aber die können dem deutschen Unternehmen nicht das Wasser reichen. Trotz Wachstums will Töpfer keinen einzigen Euro mehr in Deutschland investieren. Mit den hohen Strompreisen kann er nicht mehr rentabel wirtschaften. Außerdem hat er das Vertrauen in eine stabile Energieversorgung verloren. Schon zweimal ist in seiner Fabrik der Strom ausgefallen. Die Stromunterbrechung verursachte einen Schaden in Millionenhöhe. Ein staatlich subventionierter Industriestrom – der gerade in der Diskussion ist – kann Töpfer nicht überzeugen. Er ist der Meinung, dass sich die Rahmenbedingungen für energieintensive Unternehmen am Standort Deutschland substantiell verschlechtert hätten und möchte mit seinem Betrieb nicht von Subventionen abhängig sein. Der Mittelständler baut derzeit eine neue Produktion in Schweden auf. In der Stadt Trollhättan nahe Göteborg hat er sich auf dem Gelände des insolventen Automobilherstellers Saab eingekauft und investiert dort 20 Millionen Euro. Hauptanreiz: Der schwedische Strom – ein Mix aus Wasser- und Atomkraft – fließt zuverlässig und gehört zu den günstigsten in ganz Europa. In Schweden kann der deutsche Unternehmer rentabel wirtschaften. Seinen Betrieb in Jena mit 100 Mitarbeitern will Töpfer weiterlaufen lassen – vorerst zumindest. Eine Verlagerung der kompletten Produktion nach Schweden schließt er jedoch nicht aus.

➔ Joachim Maier leitet aus Singen am Bodensee leitet zusammen mit seinem Bruder in der zweiten Generation das Familienunternehmen Wefa Inotec GmbH, das sogenannte Strangpress-Werkzeuge zur Herstellung von Aluminium-Profilen produziert. Diese Werkzeuge kommen in vielen Branchen zum Einsatz, am Bau beispielsweise und in der Automobilindustrie. Durch die Elektromobilität ist ein ganz neuer Absatzmarkt entstanden, denn auch für die Fertigung von Batteriekühlungsprofilen in Elektrofahrzeugen werden die Produkte von Wefa Inotec dringend gebraucht. Die Wefa Inotec GmbH ist Weltmarktführer in ihrem Bereich und wurde zudem als „Future Champion“ ausgezeichnet. Ein Unternehmen mit besonders großem Wachstumspotential und ein Musterbeispiel für „made in Germany“, aber unzufrieden mit dem Heimatstandort „aufgrund der steigenden Energiekosten, dem Fachkräftemangel und natürlich der Bürokratie“, so Joachim Maier. Die zusätzlichen Aufträge aus der Elektromobilität kommen vor allem aus dem asiatischen Raum. Der Familienbetrieb braucht dringend neue Produktionskapazitäten und wird sie nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz aufbauen. Die günstigere Energie und die niedrige Inflation gleichen die hohen Löhne der Schweizer mittlerweile aus. Vor allem für seine chinesischen Kunden ist dieser Standort attraktiv. Durch ein Freihandelsabkommen sparen sie Aus- und Einfuhrzölle, die sie innerhalb der EU bezahlen müssten – ein zusätzliches Standort-Plus.

„Die Zahlen zeigen, dass der Schritt weg aus Deutschland, der von vielen Mittelständlern gegangen wird, keine Einzelfälle sind“, warnt Verbandssprecher Völz von „Der Mittelstand BVMW“. Eine Umfrage des Verbandes „Die Familienunternehmer“ hat sogar ans Licht gebracht, dass aktuell 69 Prozent der Inhaber von Familienbetrieben mit dem Gedanken spielen, ihre Firma zu verkaufen.

Wenn man solche Worte hört oder liest, muss man natürlich berücksichtigen, dass wir immer auch Portion bewusste Panikmache berücksichtigen müsssen, in dem Sinne, dass man gerne Bedrohungsszenarien aufbaut, wenn man von der Politik was bekommen oder diese zu bestimmten Entscheidungen treiben will. Auf der anderen Seite kann man sich den Beispielen nicht wirklich entziehen.

Nachtrag:

Hier die beiden Videos, von denen ich Ihnen das erste heute in der Vorlesung gezeigt habe. Bitte den zweiten Beitrag zur Abrundung auch noch anschauen:

➔ Plusminus: Standort Deutschland: Warum der Mittelstand ins Ausland geht (03.05.2023)
„Wir wachsen, wir investieren – aber nicht mehr in Deutschland“, sagt Thomas Töpfer, Geschäftsführer der Hellma Materials GmbH in Jena. Die Firma ist Weltmarktführer bei der Herstellung von Kristallen, die für die Herstellung von Micro-Chips dringend gebraucht werden. Seine Auftragsbücher quellen über. 20 Millionen Euro steckt der Mittelständler gerade in den Bau einer neuen Produktionshalle mit doppelter Fertigungskapazität – die wird aber nicht in Deutschland, sondern in Schweden stehen und soll noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Ausschlaggebend für die Entscheidung des energieintensiven Betriebes war eine günstige und vor allem gesicherte Energieversorgung, bei der Schweden auf einen Mix aus Wasser- und Atomkraft setzt. Der Mittelstand betrachtet den Industriestandort Deutschland zunehmend kritisch, wie verschiedene Umfragen zeigen. Die ersten Unternehmen orientieren sich um und investieren nur noch in Staaten, in denen sie günstigere Standort-Faktoren vorfinden. Ein Trend, der mittelfristig zum Verlust wertvoller Zukunftstechnologien und somit auch von Arbeitsplätzen führen kann.

➔ Plusminus: Mittelstand: Standortnachteile deutscher Unternehmen wachsen (26.04.2023)
Enorme Strompreise, gestörte Lieferketten, Fachkräftemangel und immer höhere bürokratische Auflagen – für die Industrie verliert der Standort Deutschland zunehmend an Attraktivität. Vor allem für den Mittelstand werden die unklaren Perspektiven zur Herausforderung, zum Beispiel fehlen wichtige Rohstoffe. Experten warnen, die Industrieproduktion werde an Bedeutung verlieren.