In oder auf dem Weg in eine Rezession? Aus der aktuellen Konjunkturberichterstattung

»Im Vorjahresvergleich war das BIP im 3. Quartal 2023 preisbereinigt um 0,8 % niedriger als im 3. Quartal 2022. Preis- und kalenderbereinigt war der Rückgang geringer (-0,4 %), da ein Arbeitstag weniger zur Verfügung stand als im Vorjahreszeitraum«, berichtete das Statistische Bundesamt am 24.11.2023. Wir sind konjunkturell gesehen und gemessen an den Veränderungsraten des BIP im roten Bereich angekommen. Die erste Abbildung zeigt Ihnen die langfristige Entwicklung des BIP auf Quartalsbasis bis einschließlich dem 3. Quartal des noch laufenden Jahres 2023:

Schauen wir uns die Entwicklung am aktuellen Rand der Zeitreihe einmal genauer an:

Zu den hier dargestellten unterschiedlichen Quartalswerten erläutert das Statistische Bundesamt: »Im Vorjahresvergleich war das BIP im 3. Quartal 2023 preisbereinigt um 0,8 % niedriger als im 3. Quartal 2022. Preis- und kalenderbereinigt war der Rückgang geringer (-0,4 %), da ein Arbeitstag weniger zur Verfügung stand als im Vorjahreszeitraum.«

Welche Ursachen werden für den Rückgang genannt?

➔ Konsumausgaben und Handel mit dem Ausland im Vorjahresvergleich im Minus: »Die privaten Konsumausgaben gingen preisbereinigt um 2,0 % gegenüber dem Vorjahr zurück. Dabei machten sich nach wie vor die hohen Preise bemerkbar. Besonders betroffen davon waren Nahrungsmittel und Getränke, Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen sowie kurzlebige Güter wie beispielsweise Bekleidung, für die preisbereinigt jeweils deutlich weniger ausgegeben wurde als im Vorjahr. Positive Signale kamen hingegen aus dem Bereich Verkehr, unter anderem aufgrund gestiegener Pkw-Käufe. Die staatlichen Konsumausgaben gingen im Vorjahresvergleich ebenfalls zurück, mit preisbereinigt -1,6 % aber etwas schwächer als die privaten Konsumausgaben. Vor allem der Bund gab weniger für Konsum aus als vor einem Jahr. Ursache für den Rückgang waren unter anderem die erheblich niedrigeren Ausgaben für Covid-19-Impfstoffe als im 3. Quartal 2022.« Und zum Außenhandel: »Der Handel mit dem Ausland nahm im Vorjahresvergleich deutlich ab: Im 3. Quartal 2023 wurden preisbereinigt 3,8 % weniger Waren und Dienstleistungen ins Ausland exportiert als im Vorjahresquartal. Die Importe gingen im selben Zeitraum mit ‑5,7 % noch stärker zurück. Das lag vor allem an den stark gesunkenen Warenimporten (‑8,2 %), insbesondere den Importen von mineralischen Brennstoffen.«

Hinsichtlich der Bruttowertschöpfung in der deutschen Volkswirtschaft werden wir darüber informiert, dass die Wirtschaftsleistung im Produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) im Vergleich zum Vorjahresquartal deutlich um 3,8 % abgenommen hat, vor allem die Industrie und die Energieversorgung haben weniger produziert.

Sie erinnern sich: Deutschland hat eine industrielastige Volkswirtschaft und insofern ist die Entwicklung in diesem für unser Land immer noch im Vergleich zu anderen Ländern überdurchschnittlich bedeutsamen Bereich von besonderem Interesse. Schauen wir uns deshalb einmal genauer die Entwicklung des Produktionsindex an (und darunter die Entwicklung in der energieintensiven Industrie):

Exkurs: Bedeutung der energieintensiven Industriezweige in Deutschland

Die Industrie ist in Deutschland neben den privaten Haushalten und dem Verkehrssektor der wichtigste Endverbraucher von Energie. Über ein Viertel der Energiemenge wird in Deutschland in der Industrieproduktion eingesetzt. Betrachtet man die verschiedenen Industriezweige, so zeigt sich, dass die Herstellung von chemischen Erzeugnissen die meiste Energie erfordert. Auch die Metallerzeugung und -bearbeitung benötigt große Mengen an Energie. Außerdem besteht in der Kokerei und Mineralölverarbeitung ein hoher Energiebedarf sowie bei der Herstellung von Glas, Glaswaren, Keramik, Papier und Pappe.

Die fünf Industriebranchen mit dem stärksten Energieverbrauch benötigten 2021 zusammen 77 % des gesamten industriellen Energieverbrauchs, während ihr Anteil an der industriellen Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten nur 17 % betrug. In diesen Branchen waren im Jahr 2021 knapp eine Million Beschäftige (929.599) in 6.986 Industriebetrieben in Deutschland tätig.
Auf den Energieträger Erdgas entfällt fast ein Drittel des industriellen Energieverbrauchs. Erdgas wird in der Industrie vor allem für die Erzeugung von Prozesswärme benötigt, teilweise auch für die eigene Stromerzeugung. Daneben wird Erdgas in der Industrie auch als Rohstoff eingesetzt. Auch Strom, Mineralöle und Kohle spielen in der Industrieproduktion eine wichtige Rolle.
Den höchsten Anteil am gesamten Erdgasverbrauch der Industrie hatte 2021 die Chemische Industrie mit 36,7 %. Erdgas wird hier nicht nur energetisch genutzt, sondern dient zu mehr als einem Drittel als Ausgangsstoff für die Herstellung von chemischen Produkten wie etwa Düngemitteln. Auf Platz zwei der Industriezweige mit dem höchsten Erdgasverbrauch lagen 2021 die Nahrungs- und Futtermittelhersteller mit einem Anteil von 11,0 % am gesamten Erdgasverbrauch der Industrie. Dort wird Erdgas als Energieträger beispielsweise für die Milchverarbeitung benötigt. Weitere 10,5 % des Erdgasverbrauchs entfallen auf Metallerzeugung und -bearbeitung. Darunter fällt beispielsweise die Erzeugung von Roheisen, Stahl und Ferrolegierungen. Den vierten Platz (9,2 %) belegte der Wirtschaftszweig Herstellung von Glas, Glaswaren, Keramik und Verarbeitung von Steinen und Erden, worunter auch die Herstellung von Zement, Kalk und gebranntem Gips fällt.

Seit Anfang 2022 ist die Produktion energieintensiver Industriezweige 2022 fast durchgehend gefallen und hat sich damit deutlich schwächer entwickelt als die Gesamtindustrie. Mit dem Beginn der Sanktionen gegen Russland ab März 2022 ist die energieintensive Produktion deutlich zurückgegangen und hat sich damit von der Produktionsentwicklung in anderen Industriezweigen entkoppelt.

Wie wird die aktuelle Konjunkturentwicklung eingeschätzt?

In der Online-Ausgabe der WirtschaftsWoche wird über die neuen Konjunkturdaten berichtet: »Die deutsche Wirtschaft steht nach dem schwachen Abschneiden im dritten Quartal vor einer neuen Rezession« (vgl. dazu Steht jetzt die Wirtschaft vor einer neuen Rezession?).

»„Für Deutschland kommt es gerade knüppeldick“, sagt der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Von staatlicher Seite seien wegen der Flaute eigentlich dringend Impulse notwendig. „Doch mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts könnten Sparmaßnahmen der Regierung zu einer zusätzlichen Wachstumsdämpfung führen“, sagte Gitzel mit Blick auf das Loch im Staatshaushalt. „Sollte sich die Bundesregierung entscheiden, tatsächlich die durch das Verfassungsgerichtsurteil nun fehlenden Milliarden für das kommende Jahr durch massive Kürzungen oder allgemeine Steuererhöhungen auszugleichen, steigt das Risiko, dass die deutsche Wirtschaft nach dem Minus 2023 auch 2024 erneut schrumpft“, warnte der Wissenschaftliche Direktor des Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien.«

Was ist eine Rezession? Der Begriff Rezession bedeutet Rückgang und stammt aus dem Lateinischen. Es handelt sich um eine Rezession, wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft – sich also in einem Abschwung beziehungsweise Rückgang befindet. Für die Bemessung der Konjunktur dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Offiziell tritt eine sogenannte technische Rezession ein, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahresquartalen nicht wächst, sondern zurückgeht.
Die Rezession ist eine der vier Phasen, die der Konjunkturzyklus einer Volkswirtschaft durchlaufen kann. Sie folgt auf die Phase der Hochkonjunktur und kann im schlimmsten Fall in eine Depression übergehen. Auf eine Depression folgt dann früher oder später ein Aufschwung.
Merkmale einer Rezession: Eine Rezession zeichnet sich durch unterschiedliche Merkmale aus. Dazu gehören unter anderem: Rückgang der Nachfrage, überfüllte Lager, Abbau von Überstunden und beginnende Kurzarbeit, Entlassung von Arbeitskräften, ausbleibende Investitionen, teilweise Stilllegung von Produktionsanlagen, stagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsen fallende Börsenkurse.
Folgen einer Rezession: In einer Rezession halten Unternehmen und private Haushalte ihr Geld in der Regel beisammen. Zu den Folgen einer Rezession zählen steigende Arbeitslosenzahlen, außerdem arbeiten mehr Menschen in Kurzarbeit. Beides führt zu geringerer Nachfrage. Denn wenn die Bürger weniger Geld verdienen, konsumieren sie auch weniger. Dies ist wiederum schlecht für Unternehmen, die dadurch weniger verkaufen und auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Die fehlenden Einnahmen können zu weiteren Entlassungen führen, sodass die Arbeitslosigkeit weiter steigt. Auch Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind, stehen in einer Rezession vor Problemen. Denn wer sich um eine neue Stelle bewirbt, dürfte während einer Rezession Schwierigkeiten haben eine entsprechende Stelle zu finden – denn geht es Unternehmen wirtschaftlich schlechter, stoppen sie Neueinstellungen.

Der Blick über den aktuellen Tellerrand der Konjunktur am Beispiel der Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft

Sie haben gelernt, dass die Volkswirte mit konjunkturellen Frühindikatoren arbeiten, wenn es um einen Blick in die Glaskugel der kommenden Monate geht. Sowohl ifo wie auch das ZEW arbeiten dabei mit Befragungen (von Unternehmen bzw. von Analysten/Anlegern), in denen die aktuelle Lage wie auch die Erwartungen der kommenden Monate abgefragt und verdichtet werden.

Befragungsergebnisse werden auch vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) geliefert: »Die Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft vom Herbst 2023 signalisiert eine Fortsetzung der ökonomischen Schockstarre in Deutschland. Die Geschäftslage hat sich im Jahresverlauf 2023 wieder deutlich verschlechtert.«

➔ Michael Grömling (2023): IW-Konjunkturumfrage Herbst 2023. Rückprall der Konjunkturerwartungen. IW-Report, Nr. 60/2023, Köln: Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Dezember 2023

»Während im Dienstleistungssektor die aktuelle Lagebewertung fast ausgeglichen ist, besteht in der Industrie und vor allem in der Bauwirtschaft ein tiefer Graben zwischen Firmen mit einem Plus und einem Minus im Vorjahresvergleich. Die Geschäftserwartungen haben sich ebenfalls im Jahresverlauf 2023 wieder eingetrübt und sind auf das Niveau vom Herbst 2022 zurückgeprallt. Der Anteil der Betriebe, die für das Jahr 2024 von einer höheren Produktion als im Jahr 2023 ausgehen, beträgt 23 Prozent, der Anteil der Pessimisten dagegen 35 Prozent. Das entspricht dem Erwartungsbild vom Herbst 2022, das stark von den Energiepreisschocks, hoher Inflation und der Befürchtung einer Energiemangellage bestimmt war. Die IW-Konjunkturumfrage zeigt, dass sich im kommenden Jahr keine Wirtschaftsregion im Aufwind befinden wird. Der Rückprall der Konjunkturerwartungen zeigt sich in der Industrie und Bauwirtschaft. 38 Prozent der Industrieunternehmen erwarten im Jahr 2024 eine niedrigere Produktion, dagegen nur 25 Prozent ein Plus. 54 Prozent der Bauunternehmen gehen von einem Produktionsrückgang im Jahr 2024 aus. Nur 13 Prozent können sich eine höhere Produktion als im Jahr 2023 vorstellen. Die Geschäftsperspektiven im Dienstleistungssektor sind nahezu ausgeglichen. In diesem rezessiven Umfeld wird die seit Jahren bestehende Investitionsschwäche auch im Jahr 2024 nicht überwunden. 27 Prozent der Unternehmen erwarten höhere Investitionsausgaben als im Jahr 2023. Der Anteil der Betriebe mit geringeren Investitionsbudgets liegt jedoch bei 36 Prozent. Vor allem in der Bauwirtschaft ist ein erheblicher Investitionsrückgang zu befürchten. Die Langwierigkeit der wirtschaftlichen Schockstarre und die nicht nachlassenden Verunsicherungen schlagen sich am deutschen Arbeitsmarkt negativ nieder und der über lange Zeit erfolgte Beschäftigungsaufbau in Deutschland dürfte vorerst sein Ende gefunden haben. Nur noch 20 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Beschäftigungsaufbau, während 35 Prozent mit einer rückläufigen Anzahl an Mitarbeitern im Jahr 2024 planen. Immerhin 45 Prozent halten ihre Belegschaft konstant.«