Von der Königin der Kryptowährungen zur profanen Tulpenzwiebel oder: Bitcoin, am Ende doch nur eine spekulative Erscheinung?

Man kann es ja verstehen. Jahrelang haben sich die Sparwilligen mit Niedrigst-, Null- und Negativzinsen geplagt, was bedeutet, dass das Geld vor sich hinschmilzt, denn mit konventionellen Anlagen ließ sich nichts mehr einfahren. Die einen sind deshalb in den vergangenen Jahren auf den Bau gegangen und haben mit dazu beigetragen, die Immobilienpreise (nicht überall) nach oben zu hieven. Die anderen versuchen einen Tanz auf dem Börsenparkett und bislang sind sie mit steigenden Kursen bedient worden. Bislang. Und dann gibt es da noch eine überschaubare Gruppe an Hoffnungsvollen, die dem konventionellen Geld entsagen und auf einer höheren(?) Ebene hantieren. Mit Bitcoins. Die Abbildung mit der Kursentwicklung der Bitcoins gemessen am US-Dollar verdeutlicht, dass die Kryptowährung jahrelang vor sich hindümpelte. Nach einem kurzen Ausbruchsversuch nach oben Ende 2013 passierte wieder eine ganze Zeit lang nichts. Aber im Jahr 2017 hat der Kurs des Bitcoin eine atemberaubende Reise in den Himmel der Anlegerfreuden hingelegt, deren Verlauf den einen oder anderen zur Diagnose einer spekulativen Entwicklung bringen muss.

Schauen wir uns die Kursentwicklung in den vergangenen Jahren bis an den aktuellen Rand an. Was ist seit dem ersten Höhenflug 2017 passiert?

Im Januar 2024 notiert der Bitcoin bei gut 43.000 US-Dollar (für einen Bitcoin).

Am Anfang stand ein ganz anderer Gedanke

Man muss an dieser Stelle daran erinnern, mit welchem Anspruch die Bitcoins ins Leben gerufen wurden. Das Bitcoin-Zahlungssystem wurde erstmals 2008 in einem unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto veröffentlichten Dokument beschrieben. Diesen Grundlagentext gibt es hier:

➔ Satoshi Nakamoto: Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System, October 2008

Im darauffolgenden Jahr wurde von Satoshi Nakamoto der Anspruch einer Alternative zum bestehenden Geldsystem formuliert. Man sollte das gerade in den heutigen Zeiten wieder aufrufen:

»The root problem with conventional currency is all the trust that’s required to make it work. The central bank must be trusted not to debase the currency, but the history of fiat currencies is full of breaches of that trust. Banks must be trusted to hold our money and transfer it electronically, but they lend it out in waves of credit bubbles with barely a fraction in reserve. We have to trust them with our privacy, trust them not to let identity thieves drain our accounts. Their massive overhead costs make micropayments impossible … With e-currency based on cryptographic proof, without the need to trust a third party middleman, money can be secure and transactions effortless.« (Satoshi Nakamoto: Bitcoin open source implementation of P2P currency, 11.02.2009)

Der Bitcoin-Ansatz ist entstanden in den Untiefen der weltweiten und absolut desaströsen Finanzkrise, in der Billionen an Dollar und anderen „Fiat-Währungen“ einfach vernichtet worden sind. In diesem Kontext wollte man eine Alternative erschaffen – und der Kern der Bitcoin-Idee ist die „peer-to-peer“-Komponente, also ein direkter Zahlungsverkehr ohne die Notwendigkeit, beispielsweise Banken einschalten und/oder sich einem Kontroll- und Steuerungsregime der Zentralbanken unterwerfen zu müssen.

Das war der konzeptionelle starting point des Bitcoin-Ansatzes. Schaut man sich die zurückliegenden Jahre an, dann hingegen kann man zu dem Eindruck kommen, dass es sich bei Bitcoin um ein veritables Spekulationsobjekt handelt, dessen Aufstieg in nie erwartete Höhen eine Menge Leute elektrisiert (hat).

Alle Ingredienzen eines Spekulationsgebildes lassen sich beobachten. Da schlagen die spekulativen Überlegungen auch in den Medien ihre Kapriolen.

Eine sehr klare Diagnose die Bitcoin-Kursentwicklung betreffend hat Mark Dittli bereits im November 2017 – beim ersten Höhenflugen des Bitcoin – in die Überschrift seines damaligen Artikels gepackt: Bitcoin: Eine Blase, wie sie im Lehrbuch steht. Wie beim Bitcoin haben sich in den vergangenen Jahrhunderten schon Tausende von Investoren in einer Reihe von Spekulationsblasen gefühlt – und das, was heute Bitcoin sind, waren da beispielsweise Tulpenzwiebeln (vgl. dazu Sandro Rosa: Die niederländische Tulpenmanie: Von 1636 bis 1637 erlebt die Welt die erste grosse Rohstoffblase. Auf dem Höhepunkt kostet eine Tulpenzwiebel so viel wie ein Haus in Amsterdam.) Mark Dittli schont den Leser nicht: Er weist darauf hin, dass Spekulationsblasen immer dem gleichen Muster folgen. Und sie enden immer in einem Crash.

Aber auf welcher Grundlage kam Dittl Ende 2017 zur Diagnose einer Spekulationsblase?

Seit Anfang 2017 hatte sich der Wert eines Bitcoin fast verzehnfacht. Aber nicht eine extreme Preisentwicklung an sich ist ein Signal für eine Spekulationsblase, sondern entscheidend ist die „Story“, die dabei entsteht und sich in den Köpfen der Marktteilnehmer festsetzt.
Dittl bezieht sich bei seiner Zuordnung der Bitcoin in das Lager der Spekulationsblasen auf die beiden amerikanischen Ökonomen Charles Kindleberger und Hyman Minsky. Die beiden haben ein 5-Phasen-Schema erarbeitet, dem in der Vergangenheit – seit der Tulpenmanie in Amsterdam von 1637 – alle Spekulationsblasen gefolgt sind.

Die Phase 1 ist die Verlagerung: Irgendein Ereignis – zum Beispiel die Erfindung einer neuen Technologie, eine Entdeckung, eine politische Entscheidung – ebnet das Terrain für eine neue Story. Einige Pioniere werden auf das «neue Ding» aufmerksam und investieren. Die breitere Öffentlichkeit an den Finanzmärkten nimmt aber noch kaum davon Kenntnis.

Die Phase 2 des Schemas von Kindleberger und Minsky ist der Boom.

»Im Fall von Bitcoin sprechen wir hier etwa vom Zeitraum bis 2015; der Preis von Bitcoin stieg noch einigermassen gemächlich, während sich gleichzeitig – dank Medienberichten, Konferenzen etc. – das Narrativ festigte, dass Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie nicht bloss ein Spielzeug für Nerds sind, sondern die Welt revolutionieren werden.«

Phase 3 ist die Euphorie. Nun fließt richtig viel Geld, der Preisanstieg beschleunigt sich massiv. Wer bislang abseits gestanden ist und der neuen Story gegenüber skeptisch eingestellt war, bekommt es mit der Angst zu tun, etwas richtig Großes zu verpassen. »Bewertungsmodelle oder Parallelen aus der Vergangenheit spielen keine Rolle mehr. Dieses Mal ist eben alles anders. Man muss als Investor einfach auf den Zug aufspringen. Wenn nicht jetzt, dann hat man es verpasst.«

Im Fall von Bitcoin: Ein knappes Angebot trifft auf eine explodierende Nachfrage, während gleichzeitig das Vertrauen in das vorherrschende Papiergeldsystem schwindet.

Es gibt keine „fairen“ Bewertungsmaßstäbe mehr. Ist der faire Preis von Bitcoin nun 1.000 Dollar, oder 7.000 oder gar 50.000 Dollar? Niemand hat darauf eine Antwort.

Nach der Euphorie kommt übrigens das böse Erwachen, der Absturz

Aber vielleicht ist es ja diesmal auch ganz anders (das hoffen viele und so etwas haben auch in der Vergangenheit viele gehofft). Felix Holtermann beispielsweise behauptet in seinem 2017 veröffentlichten Essay Bitcoins bitte!: Die Zukunft des Geldes hat begonnen: »Macht der Bitcoin die Banken überflüssig – oder ist er nur ein neuer Spielchip im globalen Finanzcasino? Keins von beidem. Unser Verständnis der Kryptowährung basiert auf einem Denkfehler.«
Seine Argumentation geht so: »Schon über die Frage, was Bitcoin und Co. im Kern sind, herrscht keine Einigkeit. Und wie wir mit ihnen umgehen sollten, ist noch umstrittener. Heute stehen sich zwei Extrempositionen unversöhnlich gegenüber.«

➔ Auf der einen, zugleich mächtigen Seite, befinden sich die Kritiker: »Für sie sind die digitalen Münzen schlicht Werkzeuge des Verbrechens aus den dunklen Ecken des Internets, oder, im besten Fall, eine neue Zockeranlage am Spieltisch der Finanzmärkte.«

➔ Und auf der Seite der Anhänger kommt es wieder zum Vorschein, das Entstehungsmotiv: »Für sie eröffnet der Bitcoin jedem Bürger den Zugang zu den Zahlungsströmen der Welt, ebnen die Kryptowährungen den Weg zu einem demokratischeren Geldsystem ohne gierige Banker und gestrige Aufseher.«

Und was meint Holtermann? »Tatsächlich sehen Kritiker wie Befürworter im Aufstieg des Bitcoins zuvorderst die eigenen Ängste und Sehnsüchte bestätigt. Das Wesen der Währung aber haben sie kaum erfasst.«

Seine Sichtweise auf die Anhänger führt uns zurück in die Theoriegeschichte des ökonomischen Denkens: Die Befürworter des Bitcoin denken »im Kern anarcho-libertär: Der Bitcoin löst demnach das heutige Geldsystem ab, bricht die Macht der Banken. Jeder Bürger nimmt an den globalen Finanzströmen teil; ohne Vermittler jagen Transaktionen blitzschnell und fast kostenlos um den Erdball. Ob dabei Bitcoins Verwendung findet, Ethereum oder eine andere Digitalwährung, ist zweitrangig. Klar ist nur: Die klassischen Notenbanken sind verhasst, ihr Geld wird als „Weichwährungen“ geschmäht.«

Und sie haben angeblich einen Bezugspunkt, der mit dem Namen eines Ökonomen verbunden ist:

»Friedrich August von Hayek. Der Ökonom kann als Vordenker der Krypto-Visionäre gelten. Bereits 1976 plädiert Hayek für eine „Entnationalisierung des Geldes“, für eine Geldschöpfung außerhalb der Notenbanken. Hayek misstraut den Regierungen, sieht die Versuchung, das Geldausgabe-Monopol durch Währungsentwertung zu missbrauchen, etwa, um staatliche Ausgabenprogramme zu finanzieren. Der Österreicher sieht in den westlichen Marktwirtschaften eine chronische Niedrigzinspolitik am Werk, die immer gewaltigere Kredit- und Geldmengen auftürmt. Hayeks Rezept gegen die Krise: In Zukunft sollen Banken eigene, private Währungen herausgeben. Im freien Spiel des Marktes setzen sich dann die „guten Währungen“ gegen die „schlechten“ durch, kehrt die Deckung durch Edelmetalle zurück, so die Hoffnung.«

Aber würde sich die Macht des Algorithmus durchsetzen, dann kämen neue Probleme auf uns zu:

»Da die Kryptowährungen nicht an ein Edelmetall gekoppelt sind, wie die „guten Währungen“ in Hayeks Theorie (und natürlich auch keine Zentralbank über die Geldmenge wacht), müssen sie mit einem anderen Mechanismus Inflation verhindern. Mittel der Wahl ist meist eine absolute, im Algorithmus verankerte Obergrenze. Beim Bitcoin liegt sie bei 21 Millionen Stück, die früher oder später erreicht werden. Die digitale Geldmenge hält damit auf Dauer nicht mit dem Wirtschaftswachstum schritt. Der Bitcoin wird seltener und damit tendenziell wertvoller.
Die wichtigste Folge der Zwangsverknappung: Das Wesen des Bitcoins verändert sich über die Zeit. Die Kryptowährung wird von Jahr zu Jahr immer mehr zum Rohstoff, statt zu echtem Geld.«

Das wäre aber der Abschied von der Vision eines alternativen Geldsystems. Aber Holtermann enttäuscht an dieser Stelle alle Kritiker, die von einer Totgeburt sprechen und sich durch die vorangegangenen Ausführungen bestätigt fühlen. Seine damalige, im Jahr 2017 veröffentlichte Vorhersage geht so:

»Wahrscheinlicher ist, dass dem Bitcoin schon bald eine wichtige Reservefunktion im Finanzsystem zufällt – als „sicherer Hafen“ für turbulente Tage und als theoretisches Notgeld für den Fall X. Dem Klassiker Gold wäre er dann überlegen: Um Bitcoins zu kaufen und in der Blockchain sicher zu lagern, genügt ein Internetanschluss. Und sollte die Bargeldversorgung einmal stocken, lässt sich kaum mit Goldbarren bezahlen – mit dem Bruchteil eines Bitcoins (zumindest in der Theorie) aber schon.«

Auf alle Fälle hat die alles andere überlagernde spekulative Entwicklung beim Bitcoin eine offensichtliche Folge – die ursprünglich so zentrale Idee eines alternativen Zahlungsverkehrs wird ad absurdum geführt, was ebenfalls schon 2017 erkannt wurde: Wer mit Bitcoin zahlt, ist dumm, so Stephan Kaufmann. Er erinnert an den ursprünglichen Anspruch: »Auf die Welt gebracht wurden Bitcoins als Alternative zu Dollar, Euro und Yen. In den Hochzeiten der vergangenen Finanzkrise schien das globale System zu kollabieren, Staaten häuften Schulden an, Banken wackelten, Zentralbanken pumpten Milliarden ins System, man fürchtete eine Hyperinflation. Das Misstrauen in die gängigen Papierwährungen lenkte den Blick auf das digitale Geld, das durch ausgefeilte Technik für geschäftliche Transaktionen genutzt werden kann – ein Zahlungssystem ohne spekulierende Banken, kontrollierende Staaten und Geld druckende Zentralbanken. Bitcoin versprach Stabilität und Anonymität.« Aber genau das wird durch die aktuelle Entwicklung verunmöglicht:

»Denn je höher der Bitcoin steigt, umso weniger kann er die Funktion erfüllen, für die er ursprünglich erfunden wurde: Geld zu sein … Das Problem des Bitcoin ist nun, dass seine Funktion als Spekulationsvehikel seiner Eignung als Zahlungsmittel diametral zuwiderläuft. Wollte Bitcoin tatsächlich als Geld dienen, so müsste es stabil sein.«

Wer würde heute eine Tasse Kaffee in Bitcoin bezahlen, wenn die Aufwertung dazu führt, dass man morgen fürs gleiche Geld zwei Tassen bekommt und in einem Jahr 10 Tassen? 

➞ Gibt es mit Blick auf die Zahlungsfunktionalität Alternativen zu Bitcoin? Dazu Stephan Kaufmann: »Andere Digitalgelder versuchen, das Schicksal des Bitcoin als Spekulationsobjekt zu vermeiden. Tether zum Beispiel ist fest an den Dollar gekoppelt. Basecoin will seine Stabilität dadurch sicherstellen, dass im Falle von Aufwertungen stets neue Basecoins ausgegeben werden, im Abwärtstrend werden Basecoins verknappt. Derartige Konzepte machen allerdings deutlich: Stabilität gewinnen die Kryptogelder nur, indem sie sich an Dollar, Euro oder Yen anlehnen – eben an echtes Geld.«

Andere Kryptowährungen? Genau, wir haben bislang nur über den Bitcoin gesprochen, der als erste Kryptowährung 2008 in den Wirren der Finanz- und nachfolgend der Weltwirtschaftskrise geboren wurde. Im Januar 2024 gab es laut investing.com 8.210 unterschiedliche Kryptowährungen. Aber die Marktstruktur ist mehr als eindeutig. Immer noch dominiert der Bitcoin mit großem Abstand das Geschehen, wenn man das an der Marktkapitalisierung misst:

Der Bitcoin: Ein Liebling auf Abruf?

»Viele betrachten den Bitcoin als digitales Gold. Doch so einzigartig ist er nicht. Andere Kryptowährungen könnten ihn vom Thron stoßen.« So der Volkswirt Peter Bofinger, der viele Jahre im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (also den „fünf Wirtschaftsweisen“ war) in einem Beitrag, den er 2021 veröffentlicht hat.

➔ Peter Bofinger (2021): Liebling auf Abruf, in: IPG-Journal, 16.02.2021

Viele betrachten Bitcoin als digitales Gold. Aber ist das wirklich ein passender Vergleich? Die Mechanismen der privaten Geldproduktion, die auf den ersten Blick sehr komplex sind, lassen sich an einem einfachen Beispiel illustrieren:

Mr. Smith beschließt, in den Währungsmarkt einzusteigen. Er druckt eine Million Scheine mit der Aufschrift „100 Valuecoin“. Auf der Rückseite steht ausdrücklich, dass der Besitzer eines solchen Geldscheins keine rechtlichen Ansprüche gegen Mr. Smith hat.

Nun versucht Mr. Smith, seine Geldscheine gegen Euro zu verkaufen. Er beginnt mit einem Wechselkurs von 1:1. Aber warum sollte jemand 100 Euro ausgeben für ein Stück Papier ohne inneren Geldwert und ohne jedes Versprechen? Mr. Smith verweist auf das Beispiel Bitcoin, bei dem die Geldmenge auch begrenzt ist. Für staatliche Währungen gibt es dagegen keine Höchstgrenze. Der Valuecoin könnte so den Vorteil haben, gegenüber offiziellem Geld an Wert zu gewinnen, wie es beim Bitcoin der Fall ist. 100 Valuecoin könnten bald deutlich mehr wert sein als 100 Euro.

Man könnte sich nun fragen, warum nur Mr. Smith das Privileg haben sollte, Geld aus dem Nichts zu kreieren. Auch hier kommt das Modell des Bitcoin zum Tragen. Mr. Smith beschließt, nicht alle Geldscheine auf einmal in Umlauf zu bringen, sondern für die Ausgabe des Valuecoin einen Mechanismus einzurichten, damit die Geldmenge nur allmählich zunimmt.

Zu diesem Zweck veranstaltet er einmal in der Woche ein Würfelspiel mit seinen Freunden. Immer, wenn ein Spieler mit vier Würfeln einen Einser-Pasch erzielt, erhält er 100 Scheine. Damit die Scheine nicht allzu schnell in Umlauf kommen, wird der Gewinn für einen erfolgreichen Wurf mit der Zeit gesenkt. Nach dem ersten Jahr erhalten die Spieler nur noch 50 Scheine für einen erfolgreichen Wurf, danach sinkt der Betrag weiter.

Zusätzlich wird, wenn besonders viele Spielerinnen und Spieler mitmachen, der Schwierigkeitsgrad erhöht. Dann muss nicht mehr mit vier Würfeln, sondern mit fünf ein Einser-Pasch gewürfelt werden. Je mehr Interessenten an dem Würfelspiel teilnehmen, desto schwieriger wird es für sie, neue Valuecoins zu erschaffen. Ähnlich läuft die Ausgabe des Bitcoin („Mining“); hier ist der Schwierigkeitsgrad vom Faktor 1 im Jahr 2009, als Bitcoin an den Start ging, auf etwa einen Faktor von 20.000 Billionen angestiegen. Das heißt, der Initiator erzielte durch das Mining von Bitcoins in den ersten Jahren gewaltige Gewinne.

Mr. Smith geht davon aus, dass die Kenntnis eines solchen Mechanismus, der zusätzlich zur festgelegten Höchstmenge auch eine graduelle Vermehrung von Valuecoins garantiert, die Attraktivität seiner Privatwährung hebt. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass nicht nur Mr. Smith vom Tausch wertloser Scheine gegen staatliches Geld profitiert. Er bringt den Gewinn auch unter die Leute, nämlich die Mitspielerinnen und Mitspieler, die durch tüchtiges Würfeln Valuecoin-Scheine erwerben können.

Das entspricht dem Bitcoin-Modell, in dem die „Miner“ hochkomplexe Aufgaben lösen müssen, für die eine gigantische Rechenleistung mit einem hohen Stromverbrauch nötig ist. Da man zu Beginn leichter an Valuecoin-Scheine herankommt, sind diejenigen, die von Anfang an dabei sind, im Vorteil. Besonders profitiert natürlich Mr. Smith als Initiator des Systems.

Grundsätzlich ändert sich an dem bislang beschriebenen Mechanismus nicht viel, wenn Mr. Smith sein Geld nicht in Form gedruckter Scheine ausgibt, sondern digital über Konten. Er richtet ein zentralisiertes Valuecoin-Abrechnungssystem ein, in dem alle Valuecoin-Inhaber ein Konto haben. Nach einem erfolgreichen Wurf erhalten sie keine Scheine, sondern die Valuecoins werden in Mr. Smiths Verrechnungssystem dem Konto des Mitspielers gutgeschrieben.

Außenstehende können ein Konto im Valuecoin-Abrechnungssystem eröffnen, indem sie den Würfelspielern Valuecoins mit Euro abkaufen. Damit ist das private Geldsystem vollständig. Jetzt können zwischen den Kontoinhabern auch digitale Überweisungen getätigt werden. Nun, da das gesamte System digitalisiert ist, werden die Würfelspielabende eingestellt. Jetzt kann man Valuecoin-Guthaben aufbauen, indem man am Online-Spiel teilnimmt.

An dieser Stelle unterscheidet sich Mr. Smiths Valuecoin vom Bitcoin nur noch durch das von ihm verwaltete zentrale Abrechnungssystem. Bitcoin verwendet stattdessen ein dezentrales Kontobuchsystem, ein sogenanntes Distributed Ledger. Hier gibt es keine zentrale Verwaltung mehr. Vielmehr können grundsätzlich alle Beteiligten Buchungen im Kassenbuch vornehmen. Diejenigen mit einer besseren Rechenleistung sind allerdings im Vorteil, da sie mutmaßlich in der Lage sind, mehr Aufgaben zu lösen, also mehr „Proof of Work“ zu leisten, ähnlich dem Würfeln bei Valuecoin.

Damit verschwindet der Organisator hinter dem System, das er geschaffen hat. Für Außenseiter ist es nicht mehr ersichtlich, dass Mr. Smith der Urheber von Valuecoin ist. Nach seiner ökonomischen Logik ist Bitcoin nichts anderes als Valuecoin. Der einzige Unterschied liegt darin, dass Bitcoins nicht in einem transparenten Würfelspiel ausgegeben werden, sondern in einem komplexen, extrem energieintensiven Prozess. Auch hier hat der Inhaber keinen Anspruch gegenüber dem Emittenten, der in diesem Spiel der große Gewinner ist. Auch wenn er sich an der Ausgabe beteiligt, ist er privilegiert, weil es für ihn am Anfang besonders einfach ist, in den Besitz der Coins zu gelangen.

Fazit von Peter Bofinger:

Häufig hört man, dass auch die Inhaber einer Euro-Banknote kein Anrecht darauf haben, die Banknote zum Nennwert einzulösen. Doch Banknoten sind ein gesetzliches Zahlungsmittel, und die Europäische Zentralbank hat ein Monopol für die Ausgabe, wohingegen der Bitcoin in einem zunehmend härter werdenden Wettbewerb mit mehr als 8000 Kryptowährungen steht. Es kann deshalb jederzeit passieren, dass eine andere Kryptowährung mit besserer Technologie zum Liebling der Investoren wird und den alternden Bitcoin verdrängt.

Der Wettbewerbsdruck von Seiten neuer Emittenten unterscheidet den Bitcoin auch von Edelmetallen, besonders Gold, dessen Sonderstellung nicht durch das plötzliche Auftauchen eines neuen chemischen Elements in Gefahr geraten könnte. Dass der Bitcoin kein Alleinstellungsmerkmal hat, ist seine Achillesferse. Zum physischen Gold gibt es keine Alternative, doch den Bitcoin könnten andere Kryptowährungen früher oder später vom Thron stoßen.

Januar 2024: Die nächste Stufe des Bitcoin-Hypes – und wieder wird das Bild vom „digitalen Gold“ bemüht

Da hatte der Peter Bofinger doch 2021 versucht nachzuweisen, dass der Bitcoin nicht wie digitales Gold gesehen werden kann – und dann taucht das höchst prominent Anfang 2024 wieder auf:

»Wenn Sie sich in einem Land befinden, in dem Sie um Ihre Zukunft fürchten, Angst vor Ihrer Regierung haben oder besorgt sind, dass Ihre Regierung ihre Währung durch zu hohe Defizite abwertet, können Sie sagen, dass dies ein großartiges langfristiges Wertaufbewahrungsmittel ist. Wie ich sagte, es ist wie digitales Gold. Es ist ein internationales Hauptbuch, das grenzüberschreitend ist. Es ist größer als jede Regierung.«

Wer hat das gesagt? Kein geringerer als Larry Fink, der CEO von BlackRock, dem weltweit größten Vermögensverwalter (vgl. BlackRock-CEO Larry Fink: „Bitcoin ist größer als jede Regierung“, 15.01.2024). Also der muss es doch wissen, könnte man jetzt anmerken. Viel besser muss er das wissen als so ein VWL-Professor aus Deutschland. Wie immer muss man aber auch hier genauer hinschauen.

Denn selbst viele Studierende haben was zu tun mit BlackRock, denn dieses Unternehmen ist einer der ganz großen Anbieter von ETFs (ETF =  Exchange Traded Funds, das sind börsengehandelte Indexfonds), in die viele Menschen ihr Geld oder ein Teil davon anlegen und mit denen man an der Börse zu sparen versucht: iShares ist die ETF-Marke von BlackRock und der größte ETF-Anbieter der Welt.

Man muss sich die Dimensionen verdeutlichen, mit denen wir auf dem weltweiten Markt für ETFs konfrontiert werden:

Und wo ist nun der Zusammenhang zwischen dem weltweit größten ETF-Anbieter (BlackRock) und diesen Bitcoins? Die normalen ETFs investieren doch vor allem in Aktien bzw. den Aktienindizes wie dem DAX oder dem MSCI World.

Dazu muss man beispielsweise diese Meldung vom 11. Januar 2024 zur Kenntnis nehmen: »Anhänger der Digital-Währung Bitcoin haben lange auf diesen Tag hingefiebert: Die US-Wertpapieraufsicht SEC hat jetzt den Weg für börsengehandelte Bitcoin-ETFs frei.«

»Viele Experte sehen darin eine Art Ritterschlag für den Bitcoin. Die Genehmigung habe eine große Signalwirkung erzeugt und werde für den Bitcoin deutlich mehr Professionalisierung schaffen, sagt Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance and Management: „Dies wird aber Monate dauern oder sogar noch länger. Der Bitcoin kommt nun langsam im Mainstream an; er wird hoffähig.“ Mit den neuen Finanzprodukten wird es für Investoren in den USA einfacher, in den Bitcoin zu investieren. ETF steht für „exchange-traded fund“ – übersetzt „börsengehandelter Fonds“. Mit ETF wird normalerweise ein bestimmter Börsen-Index nachgebildet, etwa der MSCI World, in dem unter anderem die Aktien von Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google) und Meta (Facebook) stecken. Die neuen Bitcoin-ETF bilden nun aber keinen Index ab, sondern spiegeln die Preisentwicklung des Bitcoin wider.«

Viele Krypto-Anleger rechnen durch den Einstieg der traditionellen Finanzwirtschaft in den Bitcoin-Markt mit einer erhöhten Nachfrage nach Bitcoin. Das würde zwangsläufig zu einer Kurssteigerung führen, weil die Gesamtzahl der Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt ist.

Kritiker sehen den Einstieg skeptisch, auch weil der Bitcoin einst als Gegenreaktion auf die Finanzkrise entstand, für die traditionelle Geldhäuser verantwortlich waren. Man darf daran erinnern: Der unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto agierende Bitcoin-Gründer wollte mit seinem Gegenentwurf vermeiden, dass Banken und Vermögensverwalter am Wertaufbau mitverdienen.

➔ Wird es auch in Deutschland „Bitcoin-ETFs“ geben? Nein, solche „One-Trick-Ponys“ widersprechen den Regularien in Deutschland. Deshalb gibt es in der Bundesrepublik im Gegensatz zu den USA auch keine ETF, die sich ausschließlich am Goldpreis orientieren. Wer virtuell in Gold investieren möchte, muss in Deutschland auf ETC ausweichen. ETC steht für exchange-traded commodities („börsengehandelte Rohstoffe“). Sie funktionieren ähnlich wie ETF: Sie können ebenfalls direkt an der Börse gehandelt werden und bilden den Goldpreis annähernd nach. Rechtlich gesehen sind ETC aber unbefristete Schuldverschreibungen und keine Investmentfonds. Ähnlich Angebote gib es in Deutschland für den Bitcoin. Das sind dann sogenannte ETP (exchange-traded products) oder ETN (exchange-traded notes), die den Bitcoin ebenfalls abbilden.

Zurück zu BlackRock: Der Ishares Bitcoin Trust (IBIT), BlackRocks Spot-Bitcoin-ETF, gehörte zu den elf ETFs, die Anfang Januar 2024 von der U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) genehmigt wurden.

In einem Interview erläuterte Fink seine Überzeugung, dass der Bitcoin-Preis steigen wird: „Ich glaube, er steigt, je mehr die Welt verängstigt ist. Wenn Menschen besorgte geopolitische Risiken haben, wenn sie in ihrer eigenen Risikosituation besorgt sind … Und im Gegensatz zu Gold, wo wir neues Gold herstellen, nähern wir uns fast der Obergrenze der meisten Menge an Bitcoin, die erstellt werden könnte.“

Da bläst jemand aber so richtig die Backen auf.