Einlagenfazilität – was ist das denn jetzt? Anmerkungen zur öffentlichen Subventionierung der Geschäftsbanken

Am Ende der heutigen Vorlesung war der eine oder andere sicher etwas durcheinander. Nicht nur, dass es nicht „die“ Inflation gibt, sondern mehrere Inflationsraten. Auch beim Leitzinssatz muss man im Plural sprechen. Wenn wir die Leitzinsen diskutieren, dann wird immer der „Hauptrefinanzierungssatz“ gemeint. Aber dann gibt es da noch den Spitzenrefinanzierungssatz – und die Einlagenfazilität. Was um alles in der Welt ist das nun wieder?

Die Einlagenfazilität ist ein wichtiges geldpolitisches Instrument der Europäischen Zentralbank (EZB) im Rahmen des Eurosystems und bietet den Geschäftsbanken die Möglichkeit, kurzfristig nicht benötigte (überschüssige) Geldmittel bis zum nächsten Geschäftstag (= Übernachtgeld) zu einem festen Zinssatz anzulegen. So oder ähnlich lauten die Beschreibungen dessen, was da passiert.

Das kann sich rechnen – Beispiel: Aufgrund der getätigten Einlagen von Sparern erwirtschaftet die Bank XY einen Liquiditätsüberschuss von 150.000 Euro. Dieser Betrag wird über Nacht bei der EZB angelegt. Die Untergrenze des aktuellen Tageszinssatzes beträgt 0,25 %. Am nächsten Tag zahlt die Zentralbank der Bank XY einen Betrag von 150.375 Euro aus.

Die Einlagenfazilität, also der Zinssatz für das Übernachtgeld, ist mittlerweile aufgrund der Leitzinserhöhungen der EZB seit dem Juni 2022 ebenfalls deutlich angehoben worden und lag in der Spitze bei 4 Prozent, seit Juni 2024 liegt dieser besondere Leitzinssatz bei 3,75 Prozent.

Milliarden Euro fließen von der EZB an die Geschäftsbanken

Bereits im August 2023 hat András Szigetvari in seinem Beitrag Wie es kommt, dass die EZB den Banken 150 Milliarden Euro an Zinsen überweist darauf hingewiesen: »Wer sein Geld bei der Bank einlegt, bekommt aktuell kaum Zinsen. Zugleich profitieren Geschäftsbanken davon, dass ihnen die EZB Milliarden an Zinsen zahlt.« Da schauen wir mal genauer hin:

»Es klingt paradox. Bürgerinnen und Bürger, die ihr Geld zur Bank tragen und dort einlegen, bekommen aktuell nur ganz niedrige Zinsen. Wenn die Kreditinstitute das Gleiche tun und ihr Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) anlegen, verdienen sie dabei prächtig. Allein 2023 dürften deutlich mehr als 100 Milliarden Euro von der Europäischen Zentralbank zu den Geschäftsbanken in der Eurozone abfließen. Das ist ein enormer Transfer, der rund einem Prozent der Wirtschaftsleistung des Euroraums entspricht, wie der Ökonom Paul de Grauwe von der London School of Economics vor kurzem vorrechnete. Weil die Banken zuletzt sogar mehr Zinsen kassierten, schätzt er, dass allein zwischen Juni 2023 und Juni 2024 gut 152 Milliarden Euro an die Geschäftsbanken fließen werden. Und die Institute verdienen dieses Geld völlig risikolos.«

Diese Zinszahlungen der Euro-Notenbank in Frankfurt sind eine wesentliche Ursache dafür, dass die Gewinne der Kreditinstitute so stark gestiegen sind.

Hierzu als ein Beispiel aus der Eurozone Österreich:

Aber wie kommt diese öffentliche Subventionierung der Geldhäuser – nichts anderes geschieht hier – überhaupt zustande?

Auch hier taucht der Ihnen bekannte geldpolitische Mechanismus wieder auf:

»Die EZB hebt seit Monaten den Leitzins Schritt für Schritt an, um damit die Inflation einzubremsen. Der Leitzins ist der Preis, zu dem sich Banken Geld bei der EZB für längere Zeit ausleihen können. Ein höherer Leitzins bedeutet teurere Kredite für Banken. Sie müssen daher ihrerseits Kredite teurer vergeben. Das soll es Häuselbauern und Unternehmen erschweren, an Darlehen zu kommen. Weniger Nachfrage bedeutet weniger Inflation, so die Hoffnung der Notenbank.«

Dabei geht es wie bereits angedeutet um den Hauptrefinanzierungssatz.

»Aber die EZB verfügt nicht nur über einen Leitzinssatz, sie hat noch zwei weitere Zinssätze in ihrem Werkzeugkasten. Der hier relevante ist jener, den die Zentralbank Kreditinstituten zahlt, die bei ihr Geld anlegen. Auch Geschäftsbanken haben Konten bei der EZB, genauso wie Bankkunden. Aktuell zahlt die EZB Banken 3,75 Prozent Zins für deren Einlagen.«

Warum? Gute Frage. Hier der Versuch einer Antwort:

»Weil sonst die Geldpolitik nicht funktioniert … Die EZB hat in den vergangenen Jahren unglaublich viel Geld aus dem Nichts geschaffen und damit vor allem Staatsanleihen der Euroländer gekauft. Die Strategie diente dazu, die Zinsen zu senken und die Inflation, die lange zu niedrig war, anzufachen. Jedes Mal, wenn die Notenbanker Staatsanleihen kauften, pumpten sie Geld zu den Geschäftsbanken, die ihr diese Anleihen verkaufen. Rund 4,9 Billionen Euro an solchen Staatsanleihen hält die EZB aktuell. Die Banken haben im Gegenzug unglaublich viel Zentralbankgeld. Das verzinst die EZB, damit die Banken – vereinfacht gesagt – mit dem Geld nichts anderes tun. Diese überschüssigen Reserven, wie Experten sagen, belaufen sich aktuell auf 3,7 Billionen Euro. Würden die Institute keine Zinsen bekommen und mit dem Geld Staatsanleihen kaufen, würde diese Nachfrage den Börsenkurs der Papiere nach oben treiben und damit die Zinsen dafür nach unten. Aber die EZB will aktuell ja hohe Zinsen.«

Die höheren Zinszahlungen sind also geldpolitisch notwendig, schaffen aber eine Umverteilung in Richtung Banken.

Das Momentum-Institut schätzt, dass allein die Bankinstitute in unserem kleinen Nachbarland Österreich durch die hohen Zinszahlungen bisher 1,6 Milliarden Euro an Gewinn eingefahren haben, weil sie gleichzeitig ihren Kunden weniger Zinsen auf Einlagen bieten.

Die folgenden Ausführungen zeigen wieder einmal, dass Lösungen oft gar nicht so einfach sind:

»Die EZB könnte das Problem tatsächlich selbst rasch lösen, indem sie ihre Staatsanleihen verkauft – die Banken würden mit ihren Reserven die Papiere kaufen, der Berg der Einlagen wäre dahin. Das Problem daran: Wirft EZB so viele Papiere auf den Markt, würde der Preis einbrechen – und die Zinsen damit für Staatsschuldscheine steigen. Im Endeffekt würden Südländer wie Italien oder Spanien mehr für ihre Schulden zahlen, sie kämen unter Druck.«

Ein Dilemma, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt.

Eines aber scheint sich erneut zu bestätigen: Die Bank gewinnt immer.