Von „der“ Inflationsrate zu den Inflationsraten – und ihrer Bedeutung für die Geldpolitik der Zentralbanken. Ein Vergleich der Entwicklungen im Euro- und Dollar-Raum

Am 6. Juni 2024 haben sie es getan, die Führungskräfte der Europäischen Zentralbank (EZB). Der EZB-Rat hat beschlossen, die Leitzinsen für die Euro-Zone von bislang 4,5 Prozent um 0,25 Prozentpunkte auf nunmehr 4,25 Prozent (Hauptrefinanzierungssatz) zu senken. Damit – so scheint es – ist die „Zinswende“ (nach unten) eingeläutet worden. Anders sieht es hingegen (noch?) in den USA aus. Noch nicht einmal eine Woche später, am 12. Juni 2024, wurde bekannt: Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hält an ihrer Hochzinspolitik fest und belässt den Leitzinssatz bei 5,5 Prozent (genauer: in einer Spanne von 5,25-5,5 Prozent, der sogenannten „Target Range“). Der Leitzins ist damit in den USA weiterhin so hoch wie seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr.

Wie begründen die EZB-Banker ihre Entscheidung?

»Der EZB-Rat hat heute beschlossen, die drei Leitzinssätze der EZB um jeweils 25 Basispunkte zu senken. Auf Grundlage einer aktualisierten Beurteilung der Inflationsaussichten, der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission ist es nun angemessen, den Grad der geldpolitischen Straffung zu reduzieren, nachdem die Leitzinsen neun Monate lang unverändert geblieben waren. Seit der Sitzung des EZB-Rats im September 2023 ist die Inflation um mehr als 2,5 Prozentpunkte zurückgegangen, und die Inflationsaussichten haben sich seitdem deutlich verbessert. Auch die zugrunde liegende Inflation hat sich abgeschwächt, was die Anzeichen verstärkt, dass der Preisdruck nachgelassen hat. Zudem sind die Inflationserwartungen für alle Zeithorizonte zurückgegangen. Die Geldpolitik hat dafür gesorgt, dass die Finanzierungsbedingungen restriktiv geblieben sind. Durch die Dämpfung der Nachfrage und die feste Verankerung der Inflationserwartungen hat dies maßgeblich zur Rückführung der Inflation beigetragen.«
(Quelle: Europäische Zentralbank: Geldpolitische Beschlüsse, 06.06.2024).

Wenn man sich die Entwicklung der am HVPI gemessenen Inflationsrate in der Eurozone anschaut, dann scheinen die EZB-Banker einen Volltreffer gelandet zu haben mit der Ausgestaltung ihrer Geldpolitik und nun ist es an der Zeit, die Leitzinsen wieder nach unten zu drücken:

Für den Mai 2024 hat Eurostat einen Inflationswert in Höhe von 2,6 Prozent für die Euroländer ausgewiesen – im Vorjahr, also im Mai 2023, lag die so gemessene Inflationsrate noch bei 7,1 Prozent, man kann also einen deutlichen Rückgang der Preissteigerungsrate erkennen.

Aber wird nicht auch aus den USA ein rückläufige Inflationsrate berichtet?

Dazu wird berichtet: »Die Inflationsrate – im Sommer 2022 mit mehr als 9 Prozent so hoch wie seit rund vier Jahrzehnten nicht mehr – ging seit den Zinserhöhungen deutlich zurück, die Preise steigen nun deutlich langsamer an. Dennoch scheint das 2-Prozent-Ziel der Fed aktuell außer Reichweite.« Und weiter: »Gute Nachrichten kamen allerdings wenige Stunden vor der Zinsentscheidung vom US-Arbeitsministerium. Demnach hat sich in den USA der Preisauftrieb unerwartet etwas abgeschwächt. Die Verbraucherpreise stiegen im Mai zum Vorjahresmonat um 3,3 Prozent. Im April hatte die Rate 3,4 Prozent betragen. Analysten hatten mit einer unveränderten Inflationsrate für Mai gerechnet.«

Aber kann man überhaupt von „der“ Inflationsrate in der Eurozone und in den USA sprechen?

Die beiden vorangestellten Abbildungen vermitteln den Eindruck, dass es „die“ Inflationsrate im Euroraum und in den USA gibt und man die Werte miteinander vergleichen kann. Daran kann und sollte man allerdings zweifeln, wenn man sich diese Abbildung anschaut:

Die Inflationsrate im Euro-Raum wird anhand der Veränderungsrate des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI bzw. in der englischsprachigen Abkürzung als HICP für „Harmonised Index of Consumer Prices“ bezeichnet), den Sie schon kennengelernt haben, auch in Abgrenzung zu dem VPI (Verbraucherpreisindex), mit dem wir in Deutschland die Inflation bemessen. Auf der Seite von Eurostat finden die Interessierten eine ausführliche methodische Beschreibung (HICP methodology). Der HICP ist die für die Geldpolitik der EZB maßgebliche Inflationsgröße. In der Abbildung sieht man den Verlauf der Veränderungsrate des HICP in den Euroländern von Januar 2015 bis Mai 2024. Für den Mai 2024 werden 2,6 Prozent als Preissteigerungsrate angegeben.

In der Abbildung sind außerdem zwei Inflationsraten für die USA im Vergleich zu der Entwicklung der Inflationsrate in der Eurozone dargestellt. Das muss man sich genauer anschauen.

Bitte denken Sie sich in einem ersten Schritt die hellblaue Linie weg. Bei den üblichen Vergleichen der Inflationsentwicklung in den USA und der Eurozone würde man die rote Linie mit der dunkelblauen Linie miteinander vergleichen. Für Mai 2024 wird eine Preissteigerungsrate in den USA in Höhe von 3,3 Prozent ausgewiesen. Aber wichtig ist das Kleingedruckte. Was ist das für eine Inflationsrate?

In der Abbildung sehen Sie in der Fußnote den Hinweis CPI-U, das steht für Consumer Price Index for All urban Consumers. Das U.S. Bureau of Labor Statistics erläutert dazu: »The Consumer Price Index (CPI) is a measure of the average change over time in the prices paid by urban consumers for a market basket of consumer goods and services. Indexes are available for the U.S. and various geographic areas. Average price data for select utility, automotive fuel, and food items are also available.« Von besonderer Bedeutung ist hierbei also die Formulierung, dass es sich um »ein Maß für die durchschnittliche Veränderung der Preise (handelt), die von städtischen Verbrauchern für einen Marktkorb von Konsumgütern und Dienstleistungen gezahlt werden.«

Der CPI-U umfasst die Ausgaben der Haushalte für Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft, Brennstoffe, Transportkosten, Arzt- und Zahnarztkosten sowie Medikamente. Durch die Messung der Preisveränderungen dieses Warenkorbs und der Dienstleistungen spiegelt der VPI-U die Lebenshaltungskosten und die Inflationsrate der städtischen Verbraucher wider. Der VPI-U ist ein wichtiges Instrument für die Wirtschaftsanalyse und wird für verschiedene Zwecke verwendet, z. B. zur Indexierung staatlicher Leistungen, zur Steuerung der Geldpolitik und zur Anpassung der Einkommenssteuerklassen an die Inflation. Die Verbraucher in städtischen Gebieten repräsentieren etwa 93 % der gesamten US-Bevölkerung.

Unterschiede zwischen dem CPI-U und dem HICP

Es sind vor allem zwei Unterschiede, die man kennen sollte:

➔ Beim HICP in Europa wird auch die Landbevölkerung berücksichtig, das erfolgt im US-amerikanischen CPI-U nicht.

➔ Außerdem – und das ist wahrscheinlich noch wichtiger -, schließt der HICP das selbst genutzte Wohneigentum aus, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass die Methoden zur Messung von Preisänderungen bei selbst genutztem Wohneigentum umstritten und schwierig sind. Im CPI-U ist das enthalten.

(Quelle: Walter Lane and Mary Lynn Schmidt (2006): Comparing U.S. and European inflation: the CPI and the HICP, in: Monthly Labor Review, May 2006, p. 20-27. In diesem Beitrag wird bereits berichtet von einem experimentellen U.S.-Verbraucherpreisindex, der die die Methoden des Europäischen Harmonisierten Verbraucherpreisindex der Verbraucherpreise (HICP) verwendet.)

In den USA wurde bereits in den 2000er Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Berechnung eines Index begonnen, der sich an der europäischen Definition des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) orientiert. Erste Ergebnisse wurden in dem zitierten Beitrag von Lane/Schmidt (2006) veröffentlicht. Herausgekommen ist der R-HICP (so die US-amerikanischen Bezeichnung) bzw. der proxy-HICP, wie das Eurostat nennt. Also ein Preissteigerungsindex für die USA, der methodisch den in Europa verwendeten HICP abbildet.

➔ Um den R-HICP zu erstellen, wurde der CPI-U um die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum bereinigt, die der HICP nicht berücksichtigt. Der CPI-U erhebt keine Preise in ländlichen Gebieten – der R-HICP verwendet Preisdaten, die für die CPI-U-Bevölkerung erhoben wurden, so dass der Forschungsindex nicht genau mit der Bevölkerungsabdeckung des HICP übereinstimmt. Da gibt es also weiter Unterschiede und keine vollständige Deckungsgleichheit.

Die Berechnungsergebnisse den R-HICP bzw. proxy-HICP betreffend sind als hellblaue Linie in der die Inflationsraten vergleichenden Abbildung eingezeichnet. Für Mai 2024 wird ein R-HICP-Wert von 2,5 Prozent berichtet – das ist deutlich niedriger als die 3,3 Prozent, die überall zitiert werden und mit denen „die“ Inflation in den USA abgebildet wird. Man bekommt also eine andere Preissteigerungsrate, wenn man in Annäherung so messen würde wie das die Europäer machen.

Schlussendlich ist die Differenz zwischen den beiden Werten auch von geldpolitischer Bedeutung. In den Berichten über die Nicht-Zinswende in den USA – beispielsweise in dem Beitrag Fed lässt Leitzins auf hohem Niveau – tauchen solche Hinweise auf: »Die Inflationsrate – im Sommer 2022 mit mehr als 9 Prozent so hoch wie seit rund vier Jahrzehnten nicht mehr – ging seit den Zinserhöhungen deutlich zurück, die Preise steigen nun deutlich langsamer an. Dennoch scheint das 2-Prozent-Ziel der Fed aktuell außer Reichweite.« Das stimmt, wenn man die am CPI-U gemessene Inflationsrate heranzieht. Schaut man hingegen auf die R-HICP-Werte, dann sieht das mit 2,5 Prozent schon deutlich anders aus. Natürlich kennt auch die Fed diese Daten und insofern könnte es naheliegen zu vermuten, dass die Zinssenkungsverweigerungshaltung (noch) andere Gründe haben könnte.