Aus der Welt der unvollkommenen Märkte: Prognosemärkte – ein schwindelerregender Betrug?

Sie haben bereits die Problematik kennengelernt, dass selbst auf Märkten, die dem Idealmodell eines „vollkommenen Marktes“ grundsätzlich nahe kommen (könnten), sofort Mechanismen entwickelt werden, mit deren Hilfe ein Teil der Marktakteure versucht, die Voraussetzungen für einen vollkommenen Markt wieder zu ihren Gunsten zu zerstören. Denken Sie dabei beispielsweise an die Hochfrequenzhändler an den Börsen.

Oder an den (aus guten Gründen verbotenen und strafbewehrten) Insiderhandel an der Börse, bei dem eine Informationsasymmetrie zuungunsten der nicht informierten Marktteilnehmer ausgenutzt und damit eine massive Marktverzerrung herbeigeführt werden würde.

Und ich habe Sie bereits in Kenntnis gesetzt von einer neuen Entwicklung, bei der man – so der Vorwurf – gleichsam in Echtzeit einen ganz großen Insiderhandel beobachten kann: den Prognosemärkten.

„Das ist Korruption. Unfassbare, schwindelerregende Korruption“, schrieb der demokratische Senator Chris Murphy aus Connecticut jüngst auf der Kurznachrichtenplattform X. Auslöser für seine scharfen Worte waren außergewöhnlich große Wetten auf einen fallenden Ölpreis – 15 Minuten, bevor US-Präsident Donald Trump Pläne zur Bombardierung der iranischen Energieinfrastruktur aussetzte, woraufhin der Ölpreis einbrach. Der Verdacht: Es könnte sich um Insiderhandel handeln. Wer auch immer darauf setzte, machte damit einen Gewinn von über einer halben Milliarde Dollar. (Quelle: Antonia Mannweiler: Die Prognosemärkte wachsen, die Aufsicht wird immer schwächer, in: Handelsblatt, 08.04.2026)

Das finden Sie in der Ihnen vorliegenden Foliensammlung „Märkte und Fallbeispiel Insiderhandel“. Weiter heißt es dort:

Aufsehenerregende Fälle wie diese an den Terminmärkten sowie die zunehmende Popularität der Prognosemärktelassen die Debatte um möglichen Insiderhandel derzeit hochkochen. Einerseits nehmen die Anforderungen zu, andererseits stehen die zuständigen Behörden vor Herausforderungen durch Personalabbau und neue Zuständigkeiten.

Unter Terminmärkten versteht man Märkte, an denen Handelsgeschäfte abgeschlossen werden, deren Erfüllung (Lieferung und Zahlung) erst zu einem späteren, fest vereinbarten Zeitpunkt erfolgt. Im Gegensatz dazu steht der Spotmarkt, bei dem Geschäfte sofort oder innerhalb kürzester Zeit (meist innerhalb von zwei Tagen) abgewickelt werden.

Auf einem Terminmarkt einigen sich Käufer und Verkäufer heute bereits auf: Den Preis des Basiswerts, die Menge und Qualität sowie den Zeitpunkt der Abwicklung in der Zukunft. Der entscheidende Punkt ist, dass die Preisbildung heute stattfindet, die physische oder finanzielle Transaktion aber erst in Wochen oder Monaten durchgeführt wird.
An Terminmärkten kann fast alles gehandelt werden, was einen schwankenden Preis hat. Beispiele für die Basiswerte auf Terminmärkten:
Agrarrohstoffe: Weizen, Kaffee, Mais, Schlachttiere. Energie: Rohöl, Erdgas, Strom. Finanzprodukte: Aktienindizes (z. B. DAX-Future), Währungen, Anleihen oder Zinssätze.

Termingeschäfte werden grob in zwei Kategorien unterteilt:
Unbedingte Termingeschäfte (Forwards und Futures):
Beide Parteien gehen eine feste Verpflichtung ein. Der Käufer muss kaufen, der Verkäufer muss liefern: Forwards: Diese sind meist nicht standardisiert und werden direkt zwischen zwei Parteien (OTC – Over the Counter) ausgehandelt. Futures: Dies sind standardisierte Verträge, die an speziellen Terminbörsen (wie der EUREX) gehandelt werden.
Bedingte Termingeschäfte (Optionen): Hier erwirbt eine Partei das Recht, aber nicht die Pflicht, ein Gut zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Dafür zahlt sie eine Gebühr (Optionsprämie) an den Stillhalter (Verkäufer).

Warum nutzt man Terminmärkte? Es gibt drei Hauptmotive für Teilnehmer an diesen Märkten:
Absicherung (Hedging): Unternehmen schützen sich gegen Preisschwankungen. Ein Landwirt kann beispielsweise heute schon den Preis für seine Weizenernte im Herbst festschreiben, um Planungssicherheit zu haben.
Spekulation: Händler setzen auf die Preisentwicklung eines Basiswerts, ohne diesen tatsächlich besitzen zu wollen. Sie hoffen, durch die Hebelwirkung der Terminkontrakte hohe Gewinne zu erzielen.
Arbitrage: Händler nutzen Preisunterschiede zwischen verschiedenen Märkten (z. B. Kassamarkt vs. Terminmarkt) aus, um risikofreie Gewinne zu erzielen.

Was hat es mit diesen „Prognosemärkten“ auf sich?

Seit der US-Präsidentenwahl 2024 hat die Nutzung der Prognosemärkte stark zugenommen. Über binäre Kontrakte1 können Nutzer auf den Plattformen auf den Ausgang von etwa Sportereignissen, Wahlen oder sogar den richtigen Zeitpunkt eines Kriegsbeginns wetten. Die größten Prognosemärkte Polymarket und Kalshi standen dabei zuletzt immer wieder im Zentrum der Diskussionen über möglichen Insiderhandel.

Aktuelle Rechercheergebnisse zum aktuellen Betrug über Insiderwissen auf Termin- und Prognosemärkten 

Die BBC berichtet über die folgenden Vorgänge:

Millionen von Dollar wurden auf den Finanzmärkten nur wenige Minuten vor Trumps Ankündigungen zum Iran gewettet. Die  BBC hat die Daten von Bloomberg mit den Zeitstempeln der Präsidenten-Posts verglichen – und das Ergebnis ist vernichtend:

➞ 9. März 2026: Trump steht kurz davor, CBS News mitzuteilen, dass der Krieg im Iran praktisch beendet ist. Das Interview wird um 19:16 Uhr GMT veröffentlicht. Um 18:29 Uhr GMT, 47 Minuten vorher, überschwemmen massive Wetten auf fallende Ölpreise die Terminmärkte. Als das Interview schließlich veröffentlicht wird, stürzt der Ölpreis in wenigen Minuten um 25 %. Die Trader, die in diesem 47-minütigen Fenster gesetzt haben, kassieren Millionen von Dollar.

➞ 23. März 2026: Trump steht kurz davor, auf Truth Social zu posten, dass es eine vollständige und totale Beilegung der Feindseligkeiten mit dem Iran gibt. Der Post erscheint um 11:04 Uhr GMT. Um 10:49 Uhr GMT, 15 Minuten vorher, explodieren die Kontrakte auf Brent-Öl nach oben. Als der Post fällt, stürzt der Ölpreis in wenigen Sekunden um 11 %. Ein von der BBC befragter Analyst fasst zusammen: Die Transaktionen waren „anormal, das ist sicher“.
➞ 9. April 2025: Trump steht kurz davor, eine 90-tägige Pause seiner Zölle anzukündigen. Die Ankündigung kommt um 18:18 Uhr BST. Um 18:00 Uhr BST, 18 Minuten vorher, häufen sich massive Wetten auf steigende Märkte an, während die Börse sieben Tage hintereinander Verluste eingefahren hatte. Der S&P 500 springt um 9,5 %, eine seiner größten Aufschwünge seit dem Zweiten Weltkrieg. Einige Trader haben 2 Millionen Dollar in einer Stunde in 20 Millionen verwandelt.

Weitere Beispiele:

➞ 3. Januar 2026: Ein Polymarket-Konto namens „Burdensome-Mix“ wird im Dezember 2025 erstellt. Zwischen dem 30. Dezember und dem 2. Januar setzt es 32.500 Dollar auf die Absetzung von Nicolás Maduro vor Ende Januar. Am nächsten Tag ergreifen US-Spezialeinheiten Maduro. Gewinn: 436.000 Dollar. Das Konto wechselt dann den Namen und spielt nie wieder.

➞ 28. Februar 2026: Sechs Konten werden im Februar auf Polymarket erstellt. Alle setzen auf US-Schläge gegen den Iran vor dem 28. Februar. Die Schläge werden an diesem Tag von Trump bestätigt. Kollektiver Gewinn: 1,2 Millionen Dollar. Fünf der sechs Konten verschwinden danach. Das sechste kassiert weitere 163.000 Dollar, indem es richtig auf einen Waffenstillstand vor dem 7. April setzt.

In jedem dieser Fälle wussten Trader mit einer Präzision von wenigen Minuten bis zu wenigen Dutzend Minuten, was der Präsident der Vereinigten Staaten sagen würde, bevor er es sagte. In jedem dieser Fälle platzierten sie präzise kalibrierte Wetten auf die Markteffekte seiner Ankündigungen. In jedem dieser Fälle kassierten sie Millionen.

Natürlich hat BBC bei den zuständigen Stellen nachgefragt: Die SEC (die Börsenaufsicht der USA), von der BBC kontaktiert, hat sich geweigert, die Vorgänge zu kommentieren. Die CFTC (Commodity Futures Trading Commission, der Regulator für Terminkontrakte) hat nicht geantwortet. Das Weiße Haus auch nicht. Der Sprecher des Pressediensts des Weißen Hauses, Davis Ingle, beschränkte sich auf die Erklärung, dass „jede Andeutung, dass Mitglieder der Administration sich in solche Aktivitäten verwickeln, ohne Beweise, eine unbegründete und unverantwortliche Berichterstattung“ sei.

Insiderhandel ist in den USA seit 1933 illegal. Er wurde 2012 auf Bundesbeamte ausgeweitet. Bis heute wurde niemand je aufgrund dieses Gesetzes verfolgt.

(Quelle: X, 20.04.2026, https://x.com/cginisty/status/2046141104815268150?s=20)

Gibt es auch noch andere Seiten dieser „Prognosemärkte“?

Für die Interessierten an dem höchst umstrittenen Thema Prognosemärkte: Natürlich beschäftigen sich auf „seriöse Wissenschaftler“ aus der Ökonomie mit dem Thema. Beispielsweise der Wirtschaftswissenschaftler Martin Spann von der Universität München. Und diese Hochschule hat ein Interview mit ihm am 27.03.2026 veröffentlicht: Was Preise beeinflusst und wie Prognosemärkte mit Krisen rechnen. Der kann diesen Märkten auch durchaus positive Seiten abgewinnen.


Fußnote

  1. Was sind „binäre Kontrakte“? Binäre Kontrakte (oft auch als Binäre Optionen bezeichnet) sind eine Form von Finanzderivaten, die nach dem „Alles-oder-Nichts“-Prinzip funktionieren. Der Name leitet sich vom binären System (0 oder 1) ab, da es am Ende der Laufzeit nur zwei mögliche Ergebnisse gibt. Hier das Funktionsprinzip: Bei einem binären Kontrakt wettet man auf den Eintritt eines bestimmten Ereignisses innerhalb eines festlegten Zeitraums (oft nur Minuten oder Stunden). Meistens geht es darum, ob der Preis eines Basiswerts (z. B. Gold, Aktien oder Währungen) zu einem bestimmten Zeitpunkt über oder unter einem festgelegten Kurs liegt. Es gibt (nur) zwei möglich Ergebnisse: Szenario A (Richtig): Tritt das Ereignis ein, bekommt man einen festen Geldbetrag (meist die investierte Summe plus eine Rendite von 70–90 %). Szenario B (Falsch): Tritt das Ereignis nicht ein, ist das gesamte eingesetzte Kapital verloren.
    Binäre Kontrakte unterscheiden sich erheblich von klassischen Aktienkäufen: Kurze Laufzeiten (von 60 Sekunden bis zu einem Tag), fixiertes Risiko (man weiß vorher genau, was man gewinnen oder verlieren kann) und man kauft nicht den tatsächlichen Vermögenswert, sondern spekuliert nur auf dessen Preisbewegung.
    Bewertung: Binäre Kontrakte werden eher dem Glücksspiel als dem seriösen Investieren zugeordnet. Deshalb überrascht das hier nicht: Aufgrund der hohen Verlustrisiken und aggressiver Vermarktungspraktiken ist der Verkauf von binären Optionen an Privatanleger in der Europäischen Union (durch die ESMA) und in vielen anderen Ländern verboten oder stark eingeschränkt. Binäre Kontrakte sind ein hochspekulatives Instrument. ↩︎