Rückschau Teil 1: Was Sie (bislang) gelernt haben sollten. Einige thematische Hinweise zu den behandelten Inhalten aus der Welt der ökonomischen Grundbegriffe und der Mikroökonomik

Am Anfang der VWL-Vorlesungen hatte ich Ihnen einige zusammenfassende Hinweise auf ökonomische Grundbegriffe und Grundmodelle als Hintergrund für die Volkswirtschaftslehre gegeben. In meinem Skript zur VWL (Sell 2024) habe diese Hinweise zu illustrieren versucht mit der Geschichte von einem Gebrauchtwagenkauf und ihrer ökonomischen Interpretation. Sie finden in der Darstellung zahlreiche ökonomische Grundbegriffe, die später dann an anderer Stelle wieder aufgetaucht sind, denken Sie beispielsweise an die Informationsunsicherheiten, an die Sinnhaftigkeit einer – eigentlich – Verkomplizierung des Tauschgeschäfts durch die Zwischenschaltung eines Gebrauchtwagenhändlers, den Transaktionskosten, der Wettbewerb auf einem Markt – alles eingeführt an einem Beispiel (vgl. Sell 2024: 21-25). Sie haben erfahren, dass in den Wirtschaftswissenschaften, vor allem in der VWL, gerne mit vereinfachenden Annahmen und Modellen gearbeitet wird.

Dass wir unterscheiden müssen zwischen Bedürfnissen, Bedarfen und einer tatsächlichen Nachfrage auf konkreten Märkten. Besonders bedeutsam bei den ökonomischen Grundbegriffen ist das ökonomische Prinzip (und seine Ausprägung als Maximal- und Minimalprinzip), das letztendlich die Frage beantworten soll, was wirtschaftliches Handeln ist. Sie sollten – gerade als angehende Betriebswirte – die Unterschiede zwischen den Kennzahlen das Wirtschaftlichkeitsprinzip betreffend einordnen können, also die unterschiedliche Aussage der Produktivität, der Wirtschaftlichkeit und der Rentabilität. Und gerade die Produktivität taucht in der VWL an unterschiedlichen Stellen immer wieder auf, denken Sie bitte ganz besonders an die Arbeitsproduktivität (und ihre unterschiedlichen Definitionen, also als Kopf- oder Stundenproduktivität).1

Ganz wichtig ist natürlich die Unterscheidung zwischen Effizienz und Effektivität, also zwei Schlüsselbegriffe des ökonomischen Denkens, die aber immer wieder durcheinander gebracht werden.2

Und angesichts des Charakters der Vertiefungsrichtungen in unserem Fachbereich ganz besonders bedeutsam war und ist der Exkurs in die Besonderheiten der Dienstleistungen bei der Behandlung der unterschiedlichen Güterbegriffe der VWL. Die sind wichtig, um zum einen die besonderen betriebswirtschaftlichen Herausforderungen besser zu verstehen, die sich ergeben, wenn man nicht Staubsauger oder Blechdosen produziert, sondern wenn man es mit personenbezogenen Dienstleistungen wie z.B. der Altenpflege zu tun hat.

Das ist auch volkswirtschaftlich höchst relevant, wenn Sie daran denken, dass es vor allem die (oftmals personenbezogenen) Dienstleistungen sind, wo neue Beschäftigung entsteht, während gerade der hochproduktive Industriebereich viel eher von Automatisierung und Roboterisierung betroffen ist (jedenfalls war das bislang so, möglicherweise sind wir in eine neue Etappe eingetreten mit den umstrittenen Arbeitsmarktfolgen der Künstlichen Intelligenz, denn die werden gerade auch für Dienstleistungsberufe diskutiert). Das sind alles hochrelevante Aspekte, wenn es um die Analyse der Arbeitsmärkte und die Diskussion, wie die sich entwickeln werden, geht.

➔ Die Arbeitsproduktivität misst vereinfacht gesagt, wie viel mehr Autos ein Arbeiter von Jahr zu Jahr produziert oder wie viel mehr Software eine Entwicklerin programmiert. Programmiert sie mehr, kann ihr die Firma mehr Lohn zahlen, da sie ja auch höhere Einnahmen erzielt. Das, was intuitiv nachvollziehbar erscheint bei der Produktion von Autos oder Kühlschränken, scheint in anderen Bereichen weniger bis gar nicht zu passen: Ökonomen thematisieren schon lange, dass die quantitative Produktivität vieler Dienstleistungen langsamer wächst als in der Industrie. Eine Krankenschwester kann nicht einfach mehr Patienten pro Stunde betreuen oder eine Pianistin mehr Stücke pro Stunde spielen, ohne dass die Qualität leidet. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler William Baumol diagnostizierte 1967 eine „Kostenkrankheit“ von (personenbezogenen) Dienstleistungen, wenn die Löhne solcher Dienstleistungen trotzdem stark steigen, ein offensichtliches Fundamentalproblem mit „der“ Arbeitsproduktivität, denn die Unternehmen können den Kostenanstieg durch steigenden Löhne nur teilweise oder gar nicht über einen Produktivitätsanstieg der Beschäftigten kompensieren.3

Aus der Welt der Mikroökonomik

Im ersten Teil der VWL-Vorlesung haben wir uns bislang u.a. – neben den immer aktuellen Ausflügen, die Sie im vorlesungsbegleitenden Blog nachlesen konnten und sollten – beschäftigt mit Themen aus der Mikroökonomik. Sie erinnern sich: In der Mikroökonomik werden einzelne Wirtschaftssubjekte (z.B. Haushalte oder Unternehmen) betrachtet.4  Nun kann man aus Vereinfachungsgründen die Wirtschaftssubjekte getrennt voneinander betrachten, also nur das Verhalten der Haushalte oder nur das Verhalten der Unternehmen, aber in der wirklichen Wirklichkeit relevant ist natürlich das Zusammenspiel zwischen Angebot und Nachfrage, wir leben bekanntlich gerade nicht auf einer Insel. Deshalb haben Sie auch eine Vertiefung dieses Themas bekommen: Markt- und Preistheorie: Die Zusammenführung von Angebot und Nachfrage. Dabei habe ich Sie mit einem fundamentalen Handwerkszeug der Ökonomen konfrontiert, der Visualisierung ökonomischer Zusammenhänge in den Preis-Mengen-Abbildungen, denken Sie an die Darstellung des normalen Verlaufs der Angebots- und Nachfragefunktion mit dem berühmten Gleichgewichtspunkt und den in der Realität vorherrschenden Ungleichgewichtssituationen.

Auf diese Abbildungen werden Sie immer wieder in ganz unterschiedlichen Kontexten stoßen, da sie eben gerne von Ökonomen verwendet werden. Und Sie sollten das Lesen dieser Abbildungen verstanden haben (denken Sie dabei auch an solche Dinge wie Bewegung auf einer gegebenen Angebots- oder Nachfragekurve oder eine Verschiebung dieser Kurven).

Sie haben dann einiges über Märkte gelernt, dabei über die allerdings unrealistische Idealvorstellung der vollkommenen Märkte (und die Vollkommenheit begegnet Ihnen dann erneut bei der Annahme eines vollkommenen Wettbewerbs) und die in der wirklichen Wirklichkeit vorherrschenden unvollkommenen Märkte – und eben auch einem unvollkommenen Wettbewerb.

➔ Ganz wichtig ist die Typologie der Marktformen – ich kann an dieser Stelle nur auf die Abbildung mit der 9-Felder-Matrix mit den unterschiedlichen Marktformen hinweisen, die man sich wirklich abspeichern sollte. Denn das hat die Diskussion dieser Marktformen gezeigt – es ist von großer Bedeutung, in welcher der Marktformen sich ein Unternehmen befindet. Und auch für die Verbraucher, also uns alle, macht es einen erheblichen Unterschied, ob sich die Anbieter von was auch immer in einem Angebotsoligopol mit einem harten oligopolistischen Wettbewerb befinden – oder aber in einem Monopol, ohne relevanten Wettbewerber.

Die Preisbildung ist ebenfalls abhängig von der jeweiligen Marktform. Denken Sie neben den Auktionen und dem „Schweinezyklus“ an die Preisbildung im (Angebots-)Oligopol (wo man eine enorme Bandbreite vorfinden kann, von abgestimmten Verhalten bis hin zu ruinöser Konkurrenz, oftmals finden wir trotz – oder wegen – der sehr wenigen Anbieter einem harten oligoplistischen Wettbewerb (wie im Lebensmitteleinzelhandel). Und denken Sie an das (Angebots-)Monopol – wobei wir es im Monopol oftmals mit einer Preissetzung statt einer Preisbildung zu tun haben aufgrund der Marktmacht der Monopolisten. Was das bedeuten kann, wurde auch beim Ausflug in das Nachfragemonopol, das sogenannte Monopson, deutlich, denken Sie an die Zulieferer für die Big Four im Lebensmitteleinzelhandel.

➞ Apropos Big Four: Sie haben hoffentlich in Erinnerung, dass dieses Phänomen einer marktbeherrschenden Stellung einiger weniger Unternehmen nicht nur begrenzt ist auf den Lebensmitteleinzelhandel, wir haben das beispielhaft auch bei so unterschiedlichen Branchen wie den Wirtschaftsprüfern oder der Schlachtindustrie gesehen. Hier geht es um eine an vielen Stellen zu beobachtende Konzentration innerhalb von Branchen, oftmals verbunden mit Größen- oder Skalenvorteilen („economies of scale“).5

Denken Sie an dieser Stelle immer wieder an die vielfältigen Funktionen, die dem Wettbewerb und der Konkurrenz zugeschrieben werden. Nicht nur ökonomische Funktionen, sondern Wettbewerb und miteinander konkurrierende Anbieter sind auch gesellschaftspolitisch von Bedeutung.

In der einfachen Modellwelt der Ökonomen kommt es zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage durch den Preismechanismus und darüber zu einer Steuerung der gesellschaftlichen Ressourcen in Richtung auf ihre optimale Verwendung. Deshalb ist der Mainstream der Ökonomen auch so aggressiv, wenn es zu einer Verzerrung des Wettbewerbs und damit des Preismechanismus kommt. Man muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass selbst die Mehrheit der Ökonomen anerkennen muss, dass es Ausnahmen von der Grundannahme geben kann, nach der ungestörter Wettbewerb zu den besten Ergebnissen führen wird. Dann nämlich, wenn wir mit Marktversagen konfrontiert werden. Hier werden immer wieder zwei wichtige und an vielen anderen Stellen hoch relevante mögliche Ursachen für Marktversagen angeführt:

➔ Zum einen negative externe Effekte (die zugleich die konzeptionelle Basis für die Umwelt- und die heute so bedeutsame Klimaökonomie darstellen und mit den Versuchen einer Internalisierung negativer externer Effekte in die Preisbildung auch den zentralen Ansatzpunkt einer klimaökonomisch fundierten Klimapolitik im Sinne einer Bepreisung z.B. von klimaschädlichen CO2-Emissionen).

➔ und dann die Informationsasymmetrien, die vor allem von höchster praktischer Relevanz sind für den Bereich der Versicherungsökonomie.

Sie können das alles vertiefend neben dem Vorlesungsmaterial nachlesen in

➔ Stefan Sell (2024): Grundlagen der Volkswirtschaftslehre. Mikroökonomik und Makroökonomik, Remagen 2024 bis zur Seite 107.

Fußnoten

  1. Es gibt auch andere, bedeutsame Produktivitäten. So beispielsweise die Kapitalproduktivität. Dabei handelt es sich um das Verhältnis zwischen gesamtwirtschaftlichem Produktionsergebnis und Kapitaleinsatz. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Kapitalproduktivität definiert als das Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder unbereinigter Bruttowertschöpfung zum Kapitalstock. Ein anderes Beispiel wäre die Umweltproduktivität als Maß für die Effizienz der Umweltnutzung durch die Wirtschaft, also das Verhältnis von erzeugten Gütern (BIP) zur Umweltnutzung. Dazu ein Beispiel: Im Zeitraum 1994 bis 2009 hat sich der Rohstoffeinsatz um 19,4 % verringert und das BIP ist um 18,4 % gestiegen, die Rohstoffproduktivität ist also um 46,9 %* gestiegen. Bei der Bestimmung des Rohstoffverbrauchs in Deutschland wird allerdings der Rohstoffverbrauch von Importprodukten meist nicht oder nur zu Bruchteilen berücksichtigt. Werden z.B. Stahlbleche für die Autoproduktion importiert, zählt nur das einfache Gewicht der Bleche, obwohl für ihre Produktion im Ausland ein Vielfaches an Kohle und Erze aufgewendet wurde. Nach Expertenschätzungen kommt im Durchschnitt auf jede Tonne importierter Güter ein Rohstoffverbrauch von 5 Tonnen im Ausland. Ein Vergleich für 2000 bis 2008 ergab: Ohne Berücksichtigung des importierten Rohstoffverbrauchs stieg die Produktivität um 17,1 %, wird er eingerechnet beträgt die Steigerung nur noch 7 %.
    *) Rohstoffproduktivität = BIP/ Rohstoffverbrauch = (100% + 18,4%) / (100% – 19,4%) = 118,4% / 80,6% = 1,469 = 100 % + 46,9 %
    . ↩︎
  2. Die Effizienz ist die Wirtschaftlichkeit und die Effektivität die Wirksamkeit.
    ↩︎
  3. Baumol warnte bereits damals vor falschen politischen Weichenstellungen. Insbesondere bei öffentlichen Dienstleistungen bestanden die Reaktionen auf die Kostenkrankheit bislang vor allem aus Qualitätseinschränkungen und aus dem Versuch, Kostendeckelungen durchzusetzen. Dies führt in die falsche Richtung. Nicht die Bekämpfung von steigenden Kosten im Gesundheits- und Bildungswesen oder bei anderen personenbezogenen Dienstleistungen ist die richtige Antwort auf die Kostenkrankheit, sondern erstens deren Akzeptanz und zweitens ein angemessener Umgang mit den unvermeidlichen Preiserhöhungen in den produktivitätsstagnierenden Sektoren.
    ↩︎
  4. Die Makroökonomik hingegen ist die Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre, deren Hauptaugenmerk – anders als bei der Mikroökonomik – auf gesamtwirtschaftliche Aggregate und die Möglichkeiten ihrer Beeinflussung gerichtet ist. Dabei handelt es sich in der Regel um wirtschaftspolitische Zielgrößen (Variablen) wie z.B. den privaten und staatlichen Konsum, die gesamte Investition, das Volkseinkommen, die Beschäftigungssituation, das Preisniveau, die Lage der Konjunktur, das Wirtschaftswachstum oder die Zahlungsbilanz. Insofern stellt die Makroökonomik eine bedeutende theoretische Grundlage für Entscheidungen der Wirtschaftspolitik dar. Die Erklärung makroökonomischer Zusammenhänge setzt an dem Verhalten der Wirtschaftssubjekte an. Ein solches Vorgehen heißt auch “Ex ante-Analyse” (ex ante = aus dem Vorhinein). Im Laufe der Zeit haben sich dabei unterschiedliche makroökonomische Theorien herausgebildet, die kontrovers diskutiert werden.
    ↩︎
  5. Mit der Unterscheidung zwischen Größenvorteilen („economies of scale“) und den Verbundvorteilen („economies of scope“) können Sie zahlreiche Geschäftsmodelle von Unternehmen besser verstehen und einordnen.
    Und die Größen- bzw. Skalenvorteile begegnen Ihnen an vielen Stellen der Wirtschaftsgeschichte (bis heute). Man kann durchaus sagen, dass die Industrialisierung und die Massenproduktion, die unser Leben in den vergangenen Jahrzehnten massiv verbessert haben, auf besonders radikale Realisierungen der Größenvorteile zurückzuführen sind. Dazu lesen Sie bitte diesen Ausflug in die Geschichte der Fließbandfertigung, die Sie im Materialordner finden: Stefan Sell (2025): Aus der Welt der economies of scale: Das Fließband als Kern der industriellen Massenproduktion. Und wer hat es erfunden? Henry Ford. Oder doch nicht?
    ↩︎