Ich hatte in einer der Vorlesungen bei der Besprechung der aktuellen Krisenherde der Welt mit ihren enormen wirtschaftlichen Auswirkungen (wir haben das am Beispiel der Folgen für die „Kerosin-Ökonomie“ besprochen) in einem Nebensatz versucht, auf Menschen aufmerksam zu machen, die kaum in der Berichterstattung erwähnt werden, die aber einen sehr hohen Preis zahlen müssen für die Eskalation im Persischen Golt: die Seeleute, die auf den blockierten Schiffen festhängen. Seit Wochen.
Und die Lage für die Seeleute wird immer prekärer. So kann man dem Artikel „Projekt Freiheit“ – oder „Sackgasse“? Tausende Seeleute warten im Schatten der Nahost-Eskalation von Flora Mory entnehmen:
»Der Iran blockiert seit rund zwei Monaten so gut wie alle Schiffe, die die Meerenge passieren wollen. Die USA blockieren ihrerseits iranische Häfen. Auf vielen der rund 3200 am Konflikt unbeteiligten Frachter, die rund um Hormus festsitzen, gehen Nahrung und das Nötigste für gesunde und hygienische Zustände an Bord zur Neige.
Während die Schiffe oft unter anderer Flagge fahren als jener der Betreiber oder Eigentümer, stammen die meisten Seeleute aus südasiatischen Ländern – allen voran den Philippinen (rund ein Drittel). Unter den festsitzenden Crews dürften sich jedoch auch u.a. etliche Osteuropäer und rund 80 Griechen befinden. Versuche, sie zu erreichen, erwiesen sich bisher allerdings als schwierig.«
Noch krasser »ist die Lage auf der unter panamaischer Flagge fahrenden MSC Francesca, die im April von iranischen Soldaten gekapert wurde. Darauf befinden sich auch vier rumänische Staatsbürger. Nach Angaben der Gewerkschaft für Seeleute in Rumänien dürfen sie ihre Kabinen nicht verlassen: Sie hätten Nahrung und Wasser und dürften jeden Tag dreißig Minuten lang mit ihren Familien sprechen. Ihre Handys wurden jedoch beschlagnahmt.«
Eine italienische Tagesszeitung »hat den indischen Kapitän eines Schiffes erreicht, das dort seit 66 Tagen mit einer 23-Mann-Crew feststeckt. Der zweifache Vater berichtet, dass er weder mit Behörden des Iran noch der USA in Kontakt stehe. Er spreche lediglich mit seiner Reederei, die die allernötigsten Lieferungen koordiniert. Zweimal habe ein kleines Boot Wasser, Nahrung, Medizin gebracht. „Wir hatten noch nie solche Angst“, sagt er und berichtet von Hunderten Raketen über ihren Köpfen und von Angriffen auf Schiffe in unmittelbarer Nähe.«
Hier einige weitere Zahlen und Einordnungen:
Aufgrund der Blockade der Straße von Hormus durch den Iran, die seit Ende Februar 2026 andauert, sitzen derzeit nach Schätzungen der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) rund 20.000 Seeleute auf ihren Schiffen fest.
Schätzungen zufolge sind etwa 2.000 Handelsschiffe, darunter Öl- und Gastanker, im Persischen Golf blockiert. Laut Angaben des Verbands Deutscher Reeder (VDR) stecken etwa 47 Schiffe deutscher Reeder mit fast 1.000 Seeleuten im Persischen Golf fest.
Zehntausende Besatzungsmitglieder sind an Bord gefangen, während die Situation im Persischen Golf als „verzweifelt“ und die Seeleute als „maritime Geiseln“ bezeichnet werden.
➔ Der Begriff „maritime Geiseln“ wurde in einem bereits am 15. April 2026 veröffentlichten Artikel von Sven Hansen verwendet: Die maritimen Geiseln vom Persischen Golf: »Die Ungewissheit über die Dauer der Sperrung und über die permanente Bedrohung durch den Krieg, der jederzeit wieder aufflammen kann, zehrt massiv an den Nerven der auf den Schiffen ausharrenden Seeleute. Sie stammen mehrheitlich aus den Philippinen, Indonesien, Indien, Pakistan, Russland und der Ukraine. Aus Sicherheitsgründen wurden sie von ihren Reedereien angewiesen, sich nur unter Deck aufzuhalten.
Das gibt ihnen erst recht das Gefühl von Gefangenschaft. Hinzu kommen neben der Isolation noch bei manchen Sorgen um die gefährliche Ladung, zur Neige gehende Nahrungs- und Wasservorräte, die auf manchen Schiffen schon rationiert wurden, und dass bei Angriffen verletzte oder gar getötete Kollegen bisher nicht an Land gebracht werden konnten.«
Und als wenn das nicht schon schlimm genug ist – in dem Artikel wird berichtet, dass manche Reedereien den auf ihren Schiffen eingesperrten Seeleuten keine Löhne mehr auszahlen.