Im Februar 2025 hat das Statistische Bundesamt die Publikation „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. Wichtige Zusammenhänge im Überblick 2024“ veröffentlicht.1 Daraus habe ich eine Abbildung über das langfristige Wirtschaftswachstum entnommen – von den 1950er Jahren bis 2024. Die finden Sie in der Ihnen vorliegenden Foliensammlung „Einstieg in die Makroökonomik und in die VGR“ (Folie 14). Und dort wird für die beiden Rezessionsjahre 2023 und 2024 eine Abnahme der an der Veränderung des BIP gemessenen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung in der Größenordnung von -03 Prozent für 2023 und -0,2 Prozent für 2024 ausgewiesen.

Bereits in meiner angesprochenen Foliensammlung finden Sie am Anfang den korrigierenden Hinweis, dass es in den beiden Jahren 2023 und 2024 sogar noch schlimmer war: -0,9 Prozent in 2023 und -0,5 Prozent in 2024. Wie kann das bei den ansonsten so genau arbeitenden Statistikern passieren, denn das ist ja nun schon ein erheblicher Unterschied?
Im Sommer 2025 hatte das Statistische Bundesamt neue prozentuale Veränderungsrate das BIP betreffend für die zurückliegenden beiden Jahre gemeldet,

Der Einbruch der am BIP gemessenen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung war 2023 drei Mal und 2024 zweieinhalb Mal so groß wir bislang ausgewiesen.
Das sind natürlich erhebliche Korrekturen, die zugleich verdeutlichen, dass wir zwei lange Rezessionsjahre hinter uns haben und nicht nur eine Stagnation. Der Vollständigkeit halber sei hier aber auch darauf hingewiesen, dass die nachträgliche Korrektur für die Jahre 2021 und 2022 höhere Wachstumswerte zu Tage gefördert haben.
Aber wie kann das sein, dass die Bundesstatistiker derart wichtige Zahlen wie die Veränderungen des BIP so deutlich (nach unten) korrigieren müssen?
Die Zahlenschieber in Wiesbaden, da sitzt das Statistische Bundesamt, können froh sein, dass sie nicht in anderen, früher zivilisierten Ländern wie den USA leben, denn da hätte das auch so ausgehen können: »Der Job eines Statistikers kann heutzutage schnell zum Schleudersitz werden – insbesondere, wenn nüchterne Zahlen auf politische Interessen treffen. Anfang August entließ Donald Trump medienwirksam die Chefin des US-Arbeitsmarktstatistikamtes. Der Grund: Die Behörde meldete ein geringes Beschäftigungswachstum im Juli und korrigierte darüber hinaus die starken Stellenzuwächse der Vormonate auf fast null herab. Für den US-Präsidenten waren das schlechte Nachrichten, versprach er doch mit seinem Amtsantritt, tausende neue Stellen in den USA zu schaffen.« So beginnt der Beitrag BIP-Korrektur: Deutschlands Konjunktur im neuen Licht, der am 1. September 2025 vom Bankhaus Metzler veröffentlicht wurde.
Die schauen dann nach dieser Einstimmung auf die hier aufgerufene Frage nach den möglichen Ursachen für die Datenkorrektur in Deutschland. Lesen wir also bei denen weiter:
»Zwar werden die Daten jedes Jahr im Sommer auf Grundlage neuer Informationen angepasst, doch diesmal war die Korrektur außergewöhnlich groß: Statt Stagnation zeigt die Statistik nun eine klare Rezession in den Jahren 2023 bis 2024.« Eben, das muss erklärt werden.
»Statt nur minimaler Rückgänge des BIP weist die überarbeitete Statistik nun einen Einbruch von insgesamt 1,2 % in den Jahren 2023 / 2024 aus – ein im historischen Vergleich beachtlicher Wert. Seit 1991 gab es nur drei größere Rückgänge: die Wiedervereinigungskrise (1993), die globale Finanzkrise (2009) sowie die Covid-Pandemie (2020).«
Jetzt aber auf zur Suche nach den Ursachen für diese deutliche Revision der Zahlen:
»Das BIP ist eine zentrale Kennzahl zur Messung der gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes. Sie beruht jedoch auf Schätzungen, da eine umfassende Datenerhebung kurzfristig nicht möglich ist. Ein vollständiges Bild entsteht demzufolge erst Jahre nach der ersten Veröffentlichung, sobald alle relevanten Informationen zur Verfügung stehen. So sind etwa die finalen Umsatzsteuerdaten eine wichtige Informationsquelle. Grundsätzlich müssen die Statistiker bei Veröffentlichungen immer zwischen Aktualität und Genauigkeit abwägen.«
»Die jüngste „Sommerüberarbeitung“ integrierte eine Vielzahl neuer Informationen, die sowohl die Aktivität einzelner Wirtschaftszweige als auch die Bereinigung von Preisentwicklungen betreffen.« Was wollen die uns oder Ihnen sagen?
»Erstmals konnten nun detaillierte Unternehmensdaten für das Basisjahr 2023 berücksichtigt werden. Besonders relevant waren die ausführlichen Meldungen zu Umsätzen, Investitionen und Kosten von deutschen Unternehmen sowie Angaben zur Geschäftstätigkeit multinationaler Unternehmensgruppen. Darüber hinaus war es erst jetzt möglich, eine differenzierte Preisbereinigung von Vor- und Endprodukten vorzunehmen. Zusätzlich reagierten die Unternehmen auf die Energiekrise mit Anpassungen von Produktionsprozessen, In- und Outsourcing oder geänderten Geschäftsmodellen. Die Dynamik von derart drastischen Umbrüchen ist für Statistiker in Echtzeit nur schwer zu erfassen. Die umfassende Revision ist demnach primär ein Resultat der erhöhten wirtschaftlichen Unsicherheit der vergangenen Jahre, ausgelöst durch den energiepreisbedingten Schock infolge des russischen Angriffskriegs. Politische Einflussnahme spielte dabei keine Rolle.«
Das kann man jetzt schon besser verstehen.
Wer sich ganz schlau machen will und genaue Hintergründe erfahren möchte, der liegt nicht falsch mit der Annahme, dass die Bundesstatistiker das doch bestimmt selbst genau erläutert haben. Diese ausführlichen Erläuterungen können Sie bei Interesse hier einsehen:
➔ Statistisches Bundesamt (2025): Sommerüberarbeitung 2025 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen – Revisionen und Hintergründe, Wiesbaden 2025
Fußnote
- Übrigens zum letzten Mal in dieser Form als eigenständige Publikation, die man sich herunterladen kann – und wo Sie am Anfang Erläuterungen zur BIP-Berechnung finden. Ab jetzt muss man sich die dort zuammengefassten Daten online besorgen über das GENESIS-Online-System des Statistischen Bundesamtes. Dabei handelt es sich um eine wirklich mächtige Datenbank der Bundesstatistiker, mit der Sie in Zukunft sicher an der einen oder anderen Stelle arbeiten müssen. Deshalb ist Übung der Anfang allen Erfolges. Gehen Sie beispielsweise auf die Datenbank-Seite Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen des Bundes und probieren Sie mal aus, was Sie dort für Daten bekommen und wie Sie sich die auch gezielt selbst zusammenstellen können. ↩︎