Die Wirtschaftsweisen haben gekreißt und eine neue Vorhersage der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland veröffentlicht

Am 27. Mai 2026 hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, umgangssprachlich auch als die „fünf Wirtschaftsweisen“ bezeichnet, das Frühjahrsgutachten 2026 veröffentlicht.

Die Langfassung des Gutachtens:

➔ Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2026): Frühjahrsgutachten 2026, Wiesbaden, 27.05.2026

Es gibt auch eine Kurzfassung des neuen Gutachtens.

Die einstündige Pressekonferenz des Sachverständigenrates in Berlin können Sie auf YouTube als Video anschauen und anhören.

Der Pressemitteilung des Sachverständigenrates, die unter der Überschrift Sozialversicherungen reformieren, Anstieg der Beitragssätze dämpfen steht (an der sich auch den Schwerpunkt der Ausführungen im diesjährigen Frühjahrsgutachten ablesen lässt), kann man mit Blick auf das Themenfeld Konjunkturentwicklung und aktualisierte Konjunkturprognose entnehmen:

➔ Der Iran-Krieg belastet die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland. Der Sachverständigenrat Wirtschaft senkt die Prognose des BIP-Wachstums für das laufende Jahr auf 0,5 % und erwartet ein Wachstum von 0,8 % für das Jahr 2027.

Zur Erinnerung: Im Jahresgutachten 2025/26, das im November 2025 veröffentlicht wurde, sind die weisen Wirtschaftsprofessoren noch für das Jahr 2026 von einem Wirtschaftswachstum in der Größenordnung von 0,9 %ausgegangen. 

➞ Damit revidiert der Sachverständigenrat seine Prognose gegenüber dem Jahresgutachten 2025 um 0,4 Prozentpunkte nach unten. Das entspricht einer Absenkung der bisherigen Prognose um mehr als 44,4 Prozent. 

»Die durch den Iran-Krieg gestiegenen Energiepreise erhöhen die Inflation und reduzieren damit die Kaufkraft der privaten Haushalte. Die Verbraucherpreisinflation wird in Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich auf 3,0 Prozent steigen und im Jahr 2027 nur leicht auf 2,8 Prozent zurückgehen. Die hohen Energiekosten belasten auch die Unternehmen, was die ohnehin rückläufige Industrieproduktion weiter verringert und die private Investitionstätigkeit hemmt. Die öffentlichen Ausgaben aus dem Finanzpaket für Verteidigung und Infrastruktur dürften das Wirtschaftswachstum in Deutschland im Prognosezeitraum stützen. Der Sachverständigenrat Wirtschaft erwartet, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2026 preisbereinigt um 0,5 Prozent und im kommenden Jahr um 0,8 Prozent wachsen wird.« (Hervorhebungen nicht im Original).

Im Mittelpunkt des aktuelle Frühjahrsgutachten des Sachverständigenrates stehen neben der Aktualisierung der Einordnung der konjunkturellen Entwicklung und der Konjunkturaussichten der deutschen Volkswirtschaft die Ausgaben- und Einnahmenentwicklungen in den Sozialversicherungssystemen und daraus abgeleiteter Reformvorschläge des Gremiums.

Der Pressemitteilung des Rates können wir dazu entnehmen:

»Die ohnehin schwache wirtschaftliche Entwicklung wird durch den aktuellen Energieangebotsschock erneut gehemmt. Gleichzeitig verschärft die demografische Alterung den Druck auf die Sozialversicherungen. Die Ausgaben der Sozialversicherungen steigen schneller als die beitragspflichtigen Einnahmen, daher wird der Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz bis zum Jahr 2040 voraussichtlich auf fast 50 Prozent steigen. Diese Entwicklung wird zunehmend zu einem gesamtwirtschaftlichen Belastungsfaktor. Höhere Beitragssätze verteuern die Arbeitskosten der Unternehmen und verringern die Nettoeinkommen der privaten Haushalte. „Der absehbare Anstieg der Ausgaben in den Sozialversicherungen sollte verlangsamt werden. Gleichzeitig gilt es, die Einnahmenbasis und das Leistungsniveau der Sozialversicherungen zu stabilisieren“, sagt Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrates Wirtschaft …

Die Sozialversicherungen, bestehend aus Arbeitslosen-, Unfall-, Renten-, Kranken- (GKV) und Pflegeversicherung (SPV), bilden eine zentrale Säule der sozialen Sicherung in Deutschland. Sie schützen private Haushalte gegen wesentliche Lebens- und Erwerbsrisiken. Die Beitragssätze werden wegen der fortschreitenden demografischen Alterung bis zum Jahr 2040 in allen Sozialversicherungen ansteigen. Der Sachverständigenrat Wirtschaft rechnet mit einem Anstieg des Gesamtsozialversicherungsbeitrages auf 45,4 Prozent im Jahr 2030 und auf 49,7 Prozent bis zum Jahr 2040. Dieser Anstieg wird das gesamtwirtschaftliche Wachstum dämpfen. Berechnungen zeigen, dass der erwartete Anstieg des Gesamtbeitragssatzes das BIP bis zum Jahr 2035 um 0,5 Prozent bis 0,9 Prozent senken wird (im Vergleich zu einem Szenario ohne Beitragssatzsteigerungen). Mit dem Anstieg der Beitragssätze sinkt das Nettoeinkommen der privaten Haushalte und deren Konsum geht zurück. Die Simulationen des Sachverständigenrates zeigen weiterhin, dass jüngere Geburtsjahrgänge über ihr Erwerbsleben hinweg einen deutlich höheren Anteil ihres Lebenserwerbseinkommens für Sozialversicherungsbeiträge aufwenden müssen als frühere Jahrgänge, was die intergenerationelle Belastung zu Ungunsten der jüngeren, kleineren Kohorten verschiebt.«

Die beiden größten Baustellen sind die Kranken- und Pflegeversicherung. Dazu teilt uns das Gremium mit:

Krankenversicherung: Ausgabenanstieg dämpfen, Prävention fördern
Die Ausgaben der GKV sind seit dem Jahr 2005 deutlich stärker gewachsen (um knapp 64 Prozent) als ihre Einnahmen (um knapp 31 Prozent). Daher sollten die verfügbaren Mittel effizient eingesetzt und der Ausgabenanstieg vor allem in der Krankenhausversorgung und für Arzneimittel gedämpft werden. Gleichzeitig sollte die Gesundheitsprävention gestärkt werden. Zur Stabilisierung der Finanzierung der GKV können zusätzlich Reformen auf der Einnahmenseite beitragen. So würde eine Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von nicht kindererziehenden Ehepartnerinnen und Ehepartnern die Einnahmen der GKV erhöhen. 

Pflegeversicherung: Leistungen fokussieren, generationengerecht finanzieren
Nach der Reform der Pflegeversicherung im Jahr 2017 sind die Ausgaben der SPV ebenfalls sprunghaft angestiegen. Durch die demografische Alterung wird sich der Anstieg weiter fortsetzen. Eine neue Reform der SPV muss den Zielkonflikt zwischen dem Umfang der Leistungen, der Höhe des Beitragssatzes und der Höhe der Eigenanteile der Pflegebedürftigen lösen. Eine einzelne Maßnahme wird nicht alle drei Dimensionen gleichzeitig adressieren können, vielmehr ist ein Bündel von Maßnahmen notwendig. Erstens sollten die Pflegeeinstufungen auf das vom Expertenbeirat im Jahr 2013 fachlich empfohlene Maß begrenzt werden. Zweitens sollten der Leistungszuschlag und der Entlastungsbetrag abgeschafft werden, da beide Leistungen wenig zielgenau sind. Drittens sollte die Kapitaldeckung in der Pflege neu ausgerichtet werden. Dazu sollte ein neuer Pflegevorsorgefonds mit einer kohortenspezifischen Kapitaldeckung eingerichtet werden, um das Leistungsniveau zu stabilisieren.

Interessant (und lesenswert): Ein Mitglied des Rates, Prof. Dr. Achim Truger, hat sich im Frühjahrsgutachten gegen einige Punkte ausgesprochen und zwei Minderheitsvoten verfasst. Die Durchführung einiger radikaler Vorschläge würden seiner Ansicht nach die Altersarmut verschärfen. „Umverteilung von unten nach oben und soziale Härten wären die Folge“. Konkret würden die Vorschläge bei der gesetzlichen Krankenversicherung „schnell zu einer kräftigen Absenkung des Rentenniveaus von aktuell noch etwa 48 Prozent des letzten Bruttoverdienstes um viele Prozentpunkte in Richtung 40 Prozent führen“. Bei Umsetzung der Vorschläge in der Pflegeversicherung sei mit einer drastisch steigenden finanziellen Belastung für die Bedürftigen und einem drastischen Anstieg der Anzahl der Empfängerinnen und Empfänger von Sozialhilfeleistungen zu rechnen, so Truger.

Erste Reaktionen in der Wirtschaftsberichterstattung – dazu nur drei Beispiel

Die Online-Ausgabe der Tagesschau berichtet unter der Überschrift Wirtschaftsweise senken Prognose deutlich: »Die Wirtschaftsweisen haben ihre Konjunkturprognose für die deutsche Wirtschaft drastisch nach unten korrigiert. Langfristig dürften auch die steigenden Sozialversicherungsbeiträge das Wachstum bremsen.«

Und der Tagesspiegel berichtet: Folgen des Iran-Kriegs: Wirtschaftsweise senken Konjunkturprognose: »Für 2026 erwartet der Sachverständigenrat wegen des Kriegs in Nahost nur ein Mini-Wachstum der deutschen Wirtschaft von 0,5 Prozent. Die weitere Entwicklung hängt laut den Experten vor allem vom Ölpreis ab.«

Die Online-Ausgabe der FAZ titelt: Wirtschaftsweise senken Konjunkturprognose deutlich: »Die Wirtschaft wird in diesem Jahr nur noch um 0,5 Prozent wachsen. Hauptgrund ist nach Prognose des Sachverständigenrats der Irankrieg. In einem Risikoszenario droht die Stagnation.«