Wir haben uns in der Einführungsveranstaltung mit einigen ausgewählten Aspekten beschäftigt, um was es in der Volkswirtschaftslehre geht und welchen Charakter die VWL als Wissenschaft hat.
Auch wenn viele Volkswirte – u.a. über eine ausgeprägte Mathematisierung – den Eindruck erwecken möchten, dass es sich um so etwas wie eine Naturwissenschaft handelt, haben wir doch am Anfang der Veranstaltung gesehen, dass es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. Eine von unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die alle ihre unterschiedlichen Perspektiven haben auf das, was in unseren Gesellschaften passiert. Neben der Wirtschaftswissenschaft, die dann oftmals unterteilt wird in VWL und BWL, gibt es die Soziologie, die Politikwissenschaft, die Geschichtswissenschaft, auch die Rechtswissenschaft gehört zum sozialwissenschaftlichen Fächerkanon.
Der Rohölpreis und wie er zustande kommt – ein Fallbeispiel für die VWL als eine der Sozialwissenschaften
Wir haben uns dann anhand der Entwicklung der Rohölpreise – konkret des Preises für OPEC-Rohöl sowie für die europäische Rohölsorte Brent – damit auseinandergesetzt, wie es zu offensichtlichen Auffälligkeiten in der Preisentwicklung kommen konnte, dabei vor allem der Absturz des weltweiten Rohölpreises im Jahr 2014.1
Es geht immer um die beiden Kernkategorien Angebot und Nachfrage und um Preise und Preisbildung auf Märkten. Generell sollte deutlich geworden sein, dass man über ein wirklich breites und auch tiefes Hintergrundwissen mit Blick auf historische und politische Zusammenhänge verfügen muss, um zahlreiche volkswirtschaftliche Prozesse und Diskussionen einordnen zu können. Und zugleich muss man auch in der Lage sein, die von Ökonomen, vor allem den Volkswirten immer wieder verwendeten Abbildungen kritisch zu lesen und zu interpretieren, kritisch in dem Sinne, dass man sich klar machen kann, was da eigentlich (nicht) ausgesagt wird.
Zum Absturz des Rohölpreises im Sommer 2014 hier einige rückblickende Anmerkungen.
Innerhalb weniger Wochen war damals der Rohölpreis von über 110 US-Dollar je Barrel auf unter 60 Dollar abgestürzt. Aus der damaligen Berichterstattung als ein Beispiel der Artikel Die große Ölwette von Stefan Schultz aus dem Dezember 2014:
»Oft wurde der Absturz als Showdown zwischen den zwei weltgrößten Ölproduzenten Saudi- Arabien und USA dargestellt. Eine Sichtweise, die durch drastische Äußerungen des saudischen Ölministers Ali Al-Naimi neue Nahrung erhält: „Wenn der Preis fällt, dann fällt er. Andere wird das bereits dann hart treffen, wenn wir noch gar nichts davon spüren.“ Doch in Wirklichkeit geht es hier um mehr als nur um einen Preiskampf. Richtig ist: Die USA erleben dank der umstrittenen Fracking-Technologie einen beispiellosen Förderboom. Ihre Ölproduktion hat sich seit 2008 fast verdoppelt, ihr Anteil an der globalen Produktion ist inzwischen auf fast zehn Prozent gewachsen. Die Lage am Weltölmarkt hat sich dadurch merklich entspannt. Doch das Überangebot, das den Ölpreis letztlich abstürzen ließ, haben USA und Saudis nicht allein verursacht. Der Crash hat auch mit libyschen Rebellen, nigerianischen Wirtschaftspolitikern, der flauen Weltkonjunktur und einem Machtvakuum im Opec-Kartell zu tun.«
Interessant sind auch die (möglichen) Folgen: »Der Verfall des Ölpreises setzt eine gewaltige Umverteilungsmaschine in Gang. Bei einem Preis von 110 Dollar pro Barrel ist die globale Jahresproduktion von Rohöl rund 3,6 Billionen Dollar wert; bei einem Preis von 60 Dollar sind es nur noch rund zwei Billionen Dollar.« Und was bedeutet das? »Unterm Strich ist das, anders als oft behauptet wird, kein Nullsummenspiel. Wenn der Ölpreis um zehn Prozent fällt, wächst die Weltwirtschaft um 0,2 Prozent stärker, schätzt der Internationale Währungsfonds. Das liegt vor allem daran, dass die Milliarden von den Ölproduzenten zu den Konsumenten wandern. Durchschnittsverdiener geben von ihrem Geld in der Regel deutlich mehr aus als arabische Ölscheichs oder nigerianische Kleptokraten.«
In dem Passus finden Sie diesen Hinweis: „Wenn der Ölpreis um zehn Prozent fällt, wächst die Weltwirtschaft um 0,2 Prozent stärker“. Was das ist? Na klar, hier geht es um eine Elastizität, wir kennen dieses Konzept aus der Ökonomie am Beispiel von Preiselastizitäten der Nachfrage (Stichwort preiselastische bzw. preisunelastische Güter).
Zugleich kann man an dem Fallbeispiel aber auch eine ganz fundamentale Lebensweisheit erkennen: Jede Medaille hat zwei Seiten – anders formuliert: Wo sich einer freut, muss der andere weinen: »Die positiven Effekte für die Weltwirtschaft können allerdings rasch ins Negative umschlagen. Denn bleibt der Ölpreis zu lange zu niedrig, droht Ländern, die von den Exporten zu stark abhängen, der wirtschaftliche Kollaps.«
Neben der Rolle Saudi-Arabiens beim Punkt „Auswirkungen des Preisverfalls“ ist auf die besondere Betroffenheit eines anderen Landes hinzuweisen: Russland. Dies neben der Tatsache, dass Russland den größten Teil seiner Exporteinnahmen aus dem Energieexport realisiert, auch vor dem Hintergrund, dass die US-Regierung ein Interesse daran hatte, Russland durch den Preisverfall an den Märkten strategisch zu schwächen.
Im Sommer 2014 gab es im Gefolge des Einbruchs des Rohölpreises eine massive Abwertung der russischen Währung. Die folgende Abbildung mit den Tageswerten für den Dollar-Rubel-Kurs von Januar bis Dezember 2014 verdeutlicht Ihnen die massive Abwertung der russischen Währung, deren Außenwert gemessen am US-Dollar zwischen Juli und Dezember 2014 erheblich gesunken ist:

Das hatte für Russland handfeste Folgen: So lag die Inflationsrate Anfang 2014 in Russland bei 6 Prozent. Im Dezember 2014 war sie dann auf über 11 Prozent angestiegen. Und im Jahr 2015 betrug die jahresdurchschnittliche Inflationsrate 15,6 Prozent. Die Inflationsrate soll die Preissteigerung in einer Volkswirtschaft abbilden.
Man muss neben allen Messproblemen, die in der VWL-Veranstaltung noch genauer behandelt werden, immer auch berücksichtigen, dass die Inflationsraten Durchschnittswerte sind. Gerade die unteren Einkommensgruppen aber haben ein anderes Konsummuster als Haushalte im mittleren oder gar höheren Einkommensbereich. Und die Menschen mit niedrigen Einkommen leiden häufig besonders stark unter Preissteigerungen, denn die fallen bei den von ihnen überwiegend konsumierten Gütern überdurchschnittlich aus (z.B. Lebensmittel oder Energiepreise).
Insgesamt war und ist die russische Wirtschaft stark vom Export von Öl, Gas und ihren verarbeiteten Produkten abhängig, so entfielen im Jahr 2014 68 Prozent aller Exporte auf diesen Bereich. Durch den Preisverfall für Rohöl auf den internationalen Märkten in der zweiten Jahreshälfte 2014 sanken die Exporteinnahmen erheblich – und da Russland die Gaspreise an die Ölpreisentwicklung gekoppelt hat, ist auch das zweite wichtige Exportgut von diesem Rückgang stark betroffen gewesen.
Die russische Wirtschaft ist dann im Folgejahr 2015 in eine schwere Rezession gerutscht. Der Anstieg der Inflation ging zurück auf die Abwertung der russischen Währung – und das wiederum hatte weitere krisenverschärfende Folgen mit sich gebracht: Denn die russische Zentralbank musste die Leitzinsen erhöhen, um zweierlei zu erreichen:
➞ Zum einen muss jede Zentralbank versuchen, eine zu hohe Inflation zu bekämpfen, also die Preissteigerungsrate wieder nach unten zu bekommen.
➞ Zum anderen müssen die Leitzinsen – an denen sich die Zinsen der Banken orientieren – bei einer steigenden Inflation angehoben werden, um eine Kapitalflucht zu verhindern, dass also ausländische Kapitalgeber auch weiterhin dem Land Kapital zur Verfügung stellen, was vor allem dann relevant ist, wenn es sich um eine Volkswirtschaft handelt, die ein Leistungsbilanzdefizit hat.
Wie massiv die Reaktion der russischen Zentralbank 2014/2015 hinsichtlich der Erhöhung des Leitzinses war, können Sie der folgenden Abbildung entnehmen:

Eine derart massive Anhebung der Leitzinsen hat aber negative ökonomische Konsequenzen: Sie führen zu einer erheblichen Verteuerung von Fremdkapital, denn die Banken geben die höheren Zinsen an die Kreditnehmer weiter. Gleichzeitig sind viele Unternehmen mit sinkenden Einnahmen aufgrund der Abwertung der Währung konfrontiert. Vor diesem Hintergrund werden die Investitionen erheblich zurückgehen und das führt zu einem sinkenden Wirtschaftswachstum, je nach Schweregrad sogar zu einer schweren Rezession mit einer rückläufigen volkswirtschaftlichen Wertschöpfung gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). So auch in Russland: Im Jahr 2015 schrumpfte die russische Volkswirtschaft um 2,31 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt des Landes.
Um das Fallbeispiel Russland hier der Vollständigkeit halber abzurunden (und gleichzeitig wird Ihnen die folgende Anmerkung erneut verdeutlichen, wie wichtig ein entsprechend umfassendes politisches Hintergrundwissen ist):
Russland befand sich 2014 auch durch diese Ereignisse unter Druck: Im Zuge der Ukrainekrise 2014 und der anschließenden Annexion der Krim durch Russland beschlossen sowohl die Europäische Union als auch die USA Sanktionen gegen Russland, welche sich vor allem auf den russischen Bankensektor, die Ölindustrie und die Importe von Rüstungsgütern konzentrieren. Gleichzeitig reagierte Russland mit Importbeschränkungen, welche vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse der EU, USA, Australiens, Norwegens und Kanadas betreffen.
Ukrainekrise? Sanktionen? Russland?
Willkommen im Jahr 2026.
Und wenn wir schon zurückblicken, dann „richtig“. Viele von Ihnen werden von den sogenannten „Ölkrisen“ in den 1970er Jahren gehört haben. Die habe ich Ihnen in der folgenden Abbildung, die Sie auch in der Foliensammlung finden, eingezeichnet – und darauf hingewiesen, dass das aus heutiger Sicht doch eher überschaubarer Preissprünge gewesen sind. Nicht aber in der damaligen Zeit:

Politische Ökonomie der Preisbildung beim Rohöl: Rückblick auf die beiden sogenannten „Ölkrisen“ der 1970er Jahre
Ich hatte versucht, Ihnen in der Einführungsveranstaltung am Beispiel der Entwicklung der Rohölpreise aufzuzeigen, dass man neben der für Ökonomen so zentralen Betrachtung von Angebot und Nachfrage, aus deren (Nicht-)Zusammenspiel sich dann bestimmte Preise ergeben, die wiederum den Ausgleich der beiden Seiten herstellen sollen, immer auch sehen muss, dass auf der volkswirtschaftlichen Ebene zahlreiche politische und oftmals nur historisch zu verstehende Einflussfaktoren wirken. Ich habe das exemplarisch im ersten Teil dieses Beitrags am Beispiel dessen erläutert, was 2014 hinter dem damaligen Absturz des Rohölpreises stand.
Wir sind heute natürlich von der Preisentwicklung und vor allem den Preisniveaus der vergangenen Jahre geprägt, in der Spitze waren das 110 US-Dollar pro Barrel Rohöl. Dagegen erscheinen die Preise, die man für Rohöl in den 1960er bis 2000er Jahren zahlen musste, fast schon putzig niedrig. Und dennoch hatte ich Sie kurz darauf hingewiesen, dass man auch in der Abbildung mit der langen Zeitreihe trotz der „Verzerrungen“ durch die im Vergleich sehr hohen Ölpreise am aktuellen Rand erkennen kann, dass es nach einer langen Zeit stabil niedriger Ölpreise in den 1970er Jahren zweimal einen schubförmigen Anstieg der damaligen Rohölpreise gegeben hat, die sich dann auch nicht mehr deutlich nach unten zurückgebildet haben.
Und ich hatte dann darauf hingewiesen, dass diese beiden Preissprünge nach oben in der damaligen Zeit zu schweren Verwerfungen in der Weltwirtschaft geführt haben und man rückblickend immer wieder von der „1. Ölkrise“ (1973/1974) und der „2. Ölkrise“ (1979/1980) hört oder lesen kann – die Anführungszeichen resultieren daraus, dass es eigentlich keine Krise des Öls war und geben kann. Aber die Begriffe tauchen immer wieder auf, deshalb lohnt ein Rückblick auf das, was da in den 1970er Jahren passiert ist.
In einem ersten Schritt müssen Sie sich gedanklich in die damalige Zeit zurückbeamen und sich die Ihnen heute bekannte Entwicklung bis 2024 ausblenden. Zoomen wir uns also in die Zeitreihe rein und schneiden den rechten Teil der Abbildung nach 1980 ab:

Sie können der Abbildung entnehmen, dass es ausgehend von dem Rohölpreis 1973, der damals bei 2,70 US-Dollar pro Barrel lag, innerhalb eines Jahres eine Vervierfachung des Preises gegeben hat. Das war natürlich ein massiver Preisanstieg in sehr kurzer Zeit. Und 1979 hat sich der Rohölpreis ebenfalls in kurzer Zeit mehr als verdoppelt, mit einem weiteren kräftigen Anstieg von über 20 Prozent im darauffolgenden Jahr, also 1980. Wie kann man diese beiden außergewöhnlichen Preissprünge in den 1970er Jahren erklären bzw. verstehen? Der eine oder andere wird sich nach dem Studium dessen, was damals passiert ist, durchaus an die heutige Zeit erinnert fühlen.
Die „1. Ölkrise“ 1973/1974
»Im Herbst 1973 drosseln arabische Ölstaaten die Förderung und verhängen ein Embargo. Der Ölpreis steigt um das Vierfache«, so dieser Beitrag Die Ölkrise der 1970er: Rückblick auf eine folgenreiche Zeit. »Am 25. November 1973 und weiteren drei Sonntagen gehören Deutschlands Straßen den Spaziergängern und Radlern. Die Autos bleiben in den Garagen, es gilt ein allgemeines Fahrverbot. Dies ist nur die spektakulärste einer ganzen Reihe von Energiesparmaßnahmen, die die Bundesregierung verkündet hat. Zwar nehmen die Menschen die Zwangspause nach außen hin gelassen, doch ein Gefühl des Unbehagens macht sich breit. Das Ende des Traums von der totalen Mobilität, so scheint es, naht. Ist an den düsteren Vorhersagen des Clubs of Rome, die Grenzen des Wachstums seien erreicht, etwas dran?«
Was ist damals geschehen?
»Ägypten und Syrien, die schon seit Monaten die Rückeroberung der 1967 von Israel besetzten Gebiete planen, greifen am 6. Oktober 1973, dem Feiertag Jom Kippur, Israel an. Die Araber bringen die israelische Armee an den Rand einer Niederlage, doch dank amerikanischer Waffenlieferungen werden die Aggressoren zurückgeschlagen. Auf Drängen der USA, der Sowjetunion und der UNO wird Ende Oktober ein Waffenstillstand vereinbart.
Die in der OAPEC (Organization of Arabian Petroleum Exporting Countries) organisierten arabischen Öleigentümerstaaten reagieren empört. Sie werfen den westlichen Industrienationen eine einseitige Parteinahme zugunsten Israels vor und beschließen ihr Öl als Waffe im Kampf für die Rechte des palästinensischen Volkes einzusetzen. Am 17. Oktober einigen sie sich darauf, einen begrenzten Lieferboykott zu verhängen und die Produktion monatlich um fünf Prozent zu drosseln. Das Embargo zielt neben den USA auf die Niederlande, denn dort befindet sich Rotterdam, der wichtigste Umschlagplatz im europäischen Ölbusiness.
Schon tags zuvor, am 16. Oktober, haben sich die Länder des Persischen Golfes darauf verständigt, den Listenpreis für das begehrte Rohöl „Arabian Light“ um 70 Prozent zu erhöhen. Die übrigen Mitglieder der OPEC (Organization of the Petroleum Exporting Countries), die schon seit Monaten mit den großen Ölkonzernen über Preisersteigerungen verhandelt, schließen sich dieser Entscheidung an. Bei einigen Ölkäufern bricht Panik aus, schnell schießen die Preise in die Höhe.«
Der Zeitpunkt für den Einsatz der Ölwaffe war gut gewählt, denn in Europa stand der Winter vor der Tür.
»Erdöl ist für die Industrienationen des Westens die wichtigste Energiequelle und seit Jahren steigt die Nachfrage. Allein die Bundesrepublik Deutschland deckt 55 Prozent ihres Energiebedarfs mit Import-Rohöl, davon stammen 75 Prozent aus den arabischen Ländern.«
Heizöl und Benzin wurden schnell teurer.
»Die Bundesregierung hat sich damals für eine gezielte Symbolpolitik entschieden, die die Bürger wachrütteln und zum Sparen zwingen soll. Anfang November 1973 peitscht Kanzler Willy Brandt im Eilverfahren das Energiesicherungsgesetz durch den Bundestag. Darin heißt es: „Die Benutzung von Motorfahrzeugen kann nach Ort, Zeit, Strecke, Geschwindigkeit und Benutzerkreis sowie Erforderlichkeit der Benutzung eingeschränkt werden“. Auf der Grundlage des Energiesicherungsgesetzes wird den Deutschen ein Sonntagsfahrverbot verordnet, zunächst an vier Tagen im November und Dezember. Darüber hinaus gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen. Vor dem ersten autofreien Sonntag – Sonderfahrtgenehmigungen gibt es nur für Personengruppen wie Polizisten, Ärzte, Blumenhändler, Journalisten und Taxifahrer – malen Psychologen Horrorszenarien an die Wand: Wenn Familien ihren Wagen stehen lassen und zuhause bleiben, wird es unweigerlich zu Gewalttaten kommen.
Doch die Menschen reagieren gelassen. Während auf Straßen und Autobahnen gähnende Leere herrscht, unternimmt man Spaziergänge, fährt Rad oder ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wie sich später zeigen wird, sind die Einsparungen durch das Fahrverbot gering.«
Das alles hatte ganz handfeste ökonomische und gesellschaftliche Auswirkungen:
»Die deutsche Wirtschaft leidet an den Folgen der Ölkrise, denn binnen weniger Monate hat sich der Ölpreis vervierfacht. 1974 muss die Bundesrepublik für Ölimporte 23 Milliarden D-Mark ausgeben, das sind fast 153 Prozent mehr als im Vorjahr. Der PKW-Verkauf bricht ein, die Autobauer verordnen ihren Werken Kurzarbeit. Ähnlich düster sieht es bei den Baustoffproduzenten, in der chemischen Industrie und bei der Eisen- und Stahlherstellung aus. Die Arbeitslosenzahl überschreitet 1975 die Millionengrenze, 1973 waren es nur 273.000. Schließlich verfügt die Bundesregierung einen Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte. Auch das politische Klima verändert sich, die Spannungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften nehmen zu.
Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts beträgt das durchschnittliche Wachstum nur noch etwa 1,9 Prozent, die Arbeitslosenziffer steigt auf über zehn Prozent. Vor 1973/74 gab es jährliche Steigerungsraten des Bruttosozialprodukts um acht Prozent.«
Die „2. Ölkrise“ 1979/1980
Ausgelöst wurde der starke Preisanstieg Ende der 1970er Jahre im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution im Iran (die zum Sturz der Monarchie von Schah Mohammad Reza Pahlavi geführt hat) und dem folgenden Angriff des Iraks auf den Iran (Erster Golfkrieg). Innerhalb von wenigen Monaten verdoppelte sich damals der Ölpreis und das – verbunden mit einer tiefgreifenden Verunsicherung – führte dazu, dass es zu einer weltweiten Rezession kam.
| Und für die Interessierten der Hinweis auf eine neue Veröffentlichung sowie Podcast-Tipps mit einem Rückblick auf die 1970er Jahre Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, eines der großen Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland, das Ihnen immer wieder begegnen wird, feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. In diesem Kontext haben die einen zusammenfassenden Rückblick auf die Ölkrisen der 1970er Jahre veröffentlicht. Wer sich für Wirtschaftsgeschichte interessiert, dem sei ein Blick in den Beitrag empfohlen: ➔ Lena Högemann (2025): Vom Boykott zum Ölpreisschock, Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), 2025 „Die Erdöl-Erpressung“ titelte der SPIEGEL am 3.11.1973. „Holland ohne Benzin“ stand in schwarz auf gelber Schrift daneben. Das Cover des Nachrichtenmagazins zeigte einen bewaffneten Kämpfer auf einer Pipeline sitzend. Zwei Wochen später zierte der Spiegel-Titel eine klassische arabische Kopfbedeckung und die Zeile „Ölscheichs gegen Europa“. Ähnlich drastisch berichteten viele Medien in Deutschland. Die sogenannten Ölpreiskrisen der 1970er-Jahre zählen zu den einschneidendsten ökonomischen Schocks der Nachkriegszeit. Das DIW Berlin hat die Folgen der Krisen in seinen Veröffentlichungen genau betrachtet. Wir schauen heute zurück in die Jahre 1973 bis in die 1980er Jahre und betrachten, wie die DIW-Forscher die Krisen eingeordnet und welche Forderungen sie abgeleitet haben und fragen, was das mit unserer heutigen Situation zu tun hat. Und hier noch für die Interessierten was für Ohren – Podcast-Tipps zum Thema: Zur Geschichte der beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren: ➔ SWR: Die Ölkrise 1973 – Als Energie knapp und politisch wurde (24.11.2023) Das Öl-Embargo der Araber beschleunigte das Ende des Wirtschaftsbooms im Westen. Die Bundesregierung verhängte Fahrverbote, gab Stromspar-Tipps und überdachte die Energiepolitik. Die Ölkrise verhalf zudem der Sowjetunion dazu, ein verlässlicher Öl- und Gaslieferant zu werden, die Macht von Drittweltstaaten mit Ölvorkommen wuchs. Energie wurde ein globales politisches Thema. Als Übergang von den „Ölkrisen“ der 70er Jahre zu den aktuellen Problemen: ➔ DLF: Flüssiges Gold – Warum Öl immer noch Macht bedeutet (27.03.2026) Der Iran-Krieg macht alles teurer und zeigt, dass wir immer noch am Öl-Tropf hängen. Warum ist es so schwer, davon loszukommen? Vor gut 50 Jahren nach der Ölkrise 1973 haben wir versucht, unabhängiger zu werden – mit Tempolimit und Energiesparen. Und zur aktuellen Lage: ➔ 11KM – der tagesschau-Podcast: Ölpreis-Schock: Was Tanken gerade teuer macht und wer profitiert(12.03.2026) Welchen Anteil haben reale Lieferschwierigkeiten und Börsen-Spekulation an den Ölpreissteigerungen? Wer verdient an hohen Spritpreisen an der Tankstelle mit? Und wie sinnvoll sind die politischen Gegenmaßnahmen, die gerade diskutiert werden? Und ganz grundsätzlich zur Bedeutung des Erdöls: ➔ DLF: Geschichte des Erdöls – Wie wir süchtig wurden (02.01.2025) Erdöl ist der Stoff, der die Moderne ermöglicht hat: ein Wundermittel für Fortschritt, Erfindungen und Mobilität. Doch das Verbrennen von Erdöl schadet dem Klima und gefährdet die Menschheit. Wir wissen das. Trotzdem kommen wir nicht davon los. |
- Es geht hier um die Folien 13-17 der Ihnen vorliegenden Foliensammlung zur Einführungsveranstaltung, die wir in der ersten Vorlesung aus Zeitgründen nicht besprechen konnten. Das wird durch diesen Beitrag hier ersetzt. ↩︎