Von der Wolkenwelt der Lehrbuch-Ökonomen in die Niederungen der tatsächlichen Wirtschaftswelt: Unvollkommene Märkte, meistens im Ungleichgewicht, bis hin zu den so wichtigen Marktformen. Und Drogen gab es auch

In der vergangenen Woche haben wir schon einiges bearbeitet. Dazu ein paar zusammenfassende und ergebnissichernde Hinweise:

Wir haben kurz über das modellhafte Gedankengebäude der theoretischen Ökonomen gesprochen – die konstruieren gerne eine virtuelle Welt mit „vollkommenen Märkten“. Sie aber haben gelernt, dass das in etwa so ist wie in anderen Bereichen unseres Lebens: Nichts ist vollkommen, die Liebe nicht, die Verteilung des Vermögens, der Erbschaften oder der Intelligenz.

Wir haben es so gut wie immer in der wirklichen Wirklichkeit mit „unvollkommenen Märkten“ zu tun. Selbst an der Börse, die zumindest grundsätzlich in die Nähe dessen kommt, was als Voraussetzungen für vollkommene Märkte gegeben sein müsste, stößt man auf marktverzerrendes Verhalten einiger Marktakteure, die sich dadurch einen Vorteil verschaffen zuungunsten der vielen anderen Akteure (denken Sie hier beispielsweise an den Hochfrequenzhandel an der Börse).1 Ein weiteres Beispiel für Marktungleichgewichte, die zu einer Transformation der Börse zu einem „unvollkommenen Markt“ führen (können), ist der der Insiderhandel. Dazu werden Sie noch ein Beispiel bekommen und einige neuere Entwicklungen in diesem Bereich werden zu behandeln sein.

Wir haben uns dann am Beispiel des idealtypischen Modells eines Preis-Mengen-Diagramms mit den Angebots- und Nachfragekurven beschäftigt. Auch wieder so eine – sehr komplexe Sachverhalte stark vereinfachende – Darstellung, die Ihnen aber in jedem Ökonomie-Lehrbuch begegnen wird. Und grundsätzlich kann man die dahinter stehenden Funktionalitäten ja auch nachvollziehen, also dass das Angebot von etwas mit steigendem Preis zunimmt, weil man einen höheren Preis erwirtschaften kann. Und umgekehrt, dass die Nachfrage nach etwas bei hohen Preisen gering ist und mit fallenden Preisen ansteigt.2

Sie sollten dabei gelernt haben, dass Sie grundsätzlich auf der sicheren Seite sind, wenn Sie davon ausgehen, dass das Angebot die Unternehmensseite abbildet (die etwas anbieten, seien es Güter oder Dienstleistungen), während wir alle als Individuen bzw. Haushalte die Nachfrage bilden (mit der Ergänzung, dass natürlich auch Unternehmen Nachfrager sind auf vielen Märkten, denn sie fragen Rohstoffe usw. nach für das, was sie tun). 

Es gibt allerdings eine gewichtige Ausnahme, bei der es genau andersherum ist, wo also die Unternehmen die Nachfrage darstellen und wir als Individuen das Angebot: der Arbeitsmarkt. In diesem Zusammenhang haben wir dann intensiver darüber gesprochen, dass das Grundmodell von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt mit Vorsicht zu genießen ist. Wir haben das ausführlich diskutiert am Beispiel der Arbeitsangebotskurve, die anders verläuft als im Grundmodell eingezeichnet. Erinnern Sie sich noch? Könnten sie die Annäherung an die „wirkliche“ Arbeitsangebotskurve in ein Preis-Mengen-Diagramm einzeichnen?

Und dann haben Sie zwei wichtige Begriffe kennen gelernt, die Ihnen immer wieder begegnen werden und die zwei bedeutsame Ungleichgewichtslagen beschreiben: der Käufermarkt (wenn das Angebot größer ist als die Nachfrage) und der Verkäufermarkt (wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot). Das wird Ihnen im weiteren gang der Vorlesung noch an einigen Stellen wieder begegnen. Auch in der Wirtschaftspresse werden diese Begrifflichkeiten immer wieder verwendet. Ein aktuelles Beispiel:

➔ Reisemobile und Wohnwagen: Anfang September dieses Jahres fand der Caravan Salon in Düsseldorf statt, eine Ausstellung, bei der sich alles rund um Reisemobile und Wohnwagen dreht. In einem Bericht über diese Messe mit über 850 Ausstellern und mehr als 250.000 Besucher heißt es schon in der Überschrift: Caravan Salon in Düsseldorf: Normalisierung nach Corona, Käufermarkt mit vollen Lagern: »Hinter der hohen Ausstellerzahl steht eine Branche in der Normalisierung: Nach der Corona-Nachfrage und vollen Lagern sinken die Neuzulassungen wieder. Für Händler und Käufer verschiebt sich damit spürbar die Marktmacht in Richtung Käufermarkt.« Beschreiben wird ein Markt im Spannungsfeld aus Angebot und Nachfrage: »In der Corona-Zeit stieg die Nachfrage nach Caravaning rasant an; Hersteller und Händler fuhren dafür ihre Produktion hoch. Nach dem Ende der Pandemie drehte sich der Trend jedoch, auch wegen einer schwächeren Konjunktur. Die Folge waren volle Lagerbestände, die sich nur langsam abbauen. Genau diese Lager- und Nachfragesituation ist auch der Grund, warum das Thema „Käufermarkt“ in den Gesprächen rund um die Messe so präsent ist.«

➔ Übungsaufgabe 1: Was hat der Konflikt zwischen den USA und dem Iran im persischen Golf (Sperrung der Straße von Hormus) mit dem Marktungleichgewicht eines Verkäufermarktes zu tun? Erläutern Sie das bitte an einem konkreten Beispiel, das nichts mit Rohöl zu tun hat.

Ich habe Ihnen dann am Beispiel eines volkswirtschaftlich und für die meisten auch ganz individuell hochgradig bedeutsamen Marktes – dem Markt für Mietwohnungen – aufzuzeigen versucht, dass sich so ein Markt, genauer: unterschiedliche Segmente dieses Marktes gleichzeitig sowohl in der Ungleichgewichtslage eines Verkäufer- wie auch in der eines Käufermarktes befinden kann, was sich ja eigentlich ausschließt. Aber auf dem Immobilienmarkt eben nicht. Mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen.

➔ Übungsaufgabe 2: Wir haben über das Millionen Menschen besonders belastende Problem des Ungleichgewichts auf dem Markt für halbwegs bezahlbare Mietwohnungen gesprochen, also in der ökonomischen Welt haben wir hier gerade im städtischen/großstädtischen Bereich einen massiven Nachfrageüberhang und folglich einen Verkäufermarkt. Nun gibt es das Instrument des Wohngeldes, eine staatliche Leistung, mit der leistungsberechtigten Haushalten ein Zuschuss zu ihren Mietkosten gewährt wird, damit sie das überhaupt bezahlen können. Damit will man auch einkommensschwächeren Haushalten den Zugang zu Wohnraum ermöglichen. Überlegen Sie einmal genau: Zu welchen ungeplanten Nebenfolgen kann dieses Instrument auf dem ungleichgewichtigen Markt für Mietwohnungen führen?

Und dann ging es um die Marktformen. Ich wiederhole es an dieser Stelle: Die unterschiedlichen Marktformen, wie sie in der Neun-Felder-Matrix auch in meinem Skript abgetragen sind (vgl. Sell 2024: 74), die sollten Sie wirklich verinnerlichen. Das Konzept der Marktformen ist zentral für Unternehmens- und Branchenanalysen, man kann aus der konkreten Zuordnung eine Menge ableiten hinsichtlich der Preisbildungsprozesse bis hin zu marktverzerrenden oder gar marktmissbrauchenden Verhaltensweisen. 

Und hier sollten Sie neben dem Hinweis, dass das Idealmodell der Theoretiker (also das Polypol, weil hier „vollkommener Wettbewerb“ gegeben sein soll) in der Realität so gut wie nie existiert, gelernt haben, dass sich die meisten Unternehmen in einer oligopolistischen Marktform bewegen. Aus unserer Perspektive stehen wir als viele kleine marktschwache Nachfrager in der Regel nur einigen marktstarken Anbietern gegenüber. Denken Sie hier an die vier großen Player im Lebensmitteleinzelhandel, also die Edeka-Gruppe, die Rewe-Gruppe, Aldi (formal getrennt in Aldi Nord und Aldi Süd) sowie die Schwarz-Gruppe (mit Lidl und Kaufland). Die vereinigen auf sich zusammen einen Marktanteil von mehr als 85 Prozent!  Diese vier Unternehmen bewegen sich aus unserer Sicht in einem sehr engen Angebotsoligopol, denn sie stehen Millionen Verbrauchern gegenüber, die regelmäßig Lebensmittel kaufen müssen. Zugleich bewegen sich die Big Four des Lebensmitteleinzelhandels aber auch in der Marktform des Monopsons (also des Nachfragemonopols), denn den vier großen Unternehmen stehen etwa 6.500 lebensmittelproduzierende Unternehmen in Deutschland gegenüber.3

Und das Monopson ist aus Sicht der Anbieter, also der Unternehmen, die dort einem großen marktbeherrschenden Nachfrager wie Aldi oder Lidl gegenüberstehen, eine wirklich üble Marktform, denn aus dem Ungleichgewicht resultiert eine sehr verletzliche Position. Denn wenn der Nachfrager seine Marktmacht voll ausspielt, dann kann er die Preise, die er zu zahlen bereit ist, bis in den existenzgefährdenden Bereich nach unten drücken und die Anbieter haben aufgrund der extremen Konzentration bei ihren Abnehmern kaum oder keine Alternativen, wenn man ausgelistet wird.

Ich hatte – nicht nur für die GuS-Studierenden bedeutsam – darauf hingewiesen, dass sich weite Teile der Gesundheits- und Sozialwirtschaft in monopsonistischen Marktstrukturen bewegen müssen. Gerade öffentliche gebundene Abnehmer wie die Jugendämter oder die Bundesagentur für Arbeit agieren dann mit Ausschreibungen und Vergabeverfahren, die oftmals zu Preisdumping unter den konkurrierenden marktschwachen Anbietern führen.

Immer wieder werden Ihnen bei der Analyse konkreter Branchen die Big Four – (manchmal auch die Big Three oder die Big Five je nach konkreten Marktverhältnissen) – begegnen. Also eine kleine Gruppe von Unternehmen beherrschen eine Branche mit vielleicht mehreren hundert oder tausend Unternehmen. Aber drei oder vier Unternehmen vereinigen dann 40 oder 50 oder 60 Prozent Marktanteil auf sich. Neben dem Lebensmitteleinzelhandel finden Sie weitere Beispiele in meinem VWL-Skript aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie den Schweineschlachtbetrieben bis hin zur Wirtschaftsprüfung. Hier geht es übergreifend um das Themenfeld der Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft.

Und abschließend habe ich Ihnen dann abweichend von der üblichen Lehrbuchvorgehensweise den Blick geöffnet in eine ganz eigene, spannende Welt der Märkte: dem Drogenmarkt. Wir haben gemeinsam einen – natürlich nicht anwendungspraktischen – Ausflug gemacht in die Tiefen und Untiefen des Marktes für Kokain und Sie haben das „Kokain-Paradox“ kennenlernen dürfen. Dazu habe ich Ihnen ja ergänzend einen eigenen Beitrag geschrieben (Märkte und Marktformen. Am Beispiel eines ganz besonderen Marktes: Der Drogenmarkt vom 8. Oktober 2026). Und das Thema der Drogenökonomie wird im Teil 2 der Übungsaufgaben zur VWL mit einer anspruchsvollen Aufgabenstellung vertieft.

  1. Vgl. hierzu ausführlicher den Beitrag Nichts ist vollkommen, vor allem nicht die Märkte. Und wenn es mal eine Annäherung an die Modellwelt gibt, wird sie zerstört durch Marktmanipulationen vom 8. Oktober 2026. ↩︎
  2. Wie so oft gilt auch hier: Wo eine Regel, da ist die Ausnahme nicht weit weg. Schauen Sie sich in meinem Skript dazu die Ausführungen an zum Thema „Preisabhängigkeit der Nachfrage“ (vgl. Sell 2024: 52 ff.) und die dort skizzierten Sonderfälle, bei denen der Verlauf der jeweiligen Nachfragekurve teilweise erheblich variiert zum Grundmodell – bis hin zum „anormalen Nachfrageverhalten“.  ↩︎
  3. In Deutschland gibt es je nach Detailabgrenzung rund 5.991 bis 6.933 Lebensmittelhersteller und -verarbeiter in der Ernährungsindustrie – zuzüglich etwas 258.700 landwirtschaftlicher Betriebe, die pflanzliche und tierische Rohstoffe erzeuge. Hinzu kommt eine große Anzahl handwerklicher Betriebe wie Bäckereien, Konditoreien und Fleischereien/Metzgereien.  ↩︎