Das aktuelle Fallbeispiel Iran-Krieg und die vielfachen Auswirkungen diesseits und jenseits der Ölpreise. Das Beispiel Helium sowie eine Ergänzung zu den „Seltenen-Erden-Krisen“ – und China

Ich hatte Ihnen in der letzten Veranstaltung einige Ausführungen gemacht zu den aktuellen Ereignissen rund um den Krieg gegen den Iran. Wir haben dabei über die Entwicklung der Rohölpreise und die der Spritpreise bis hin zu weiteren, nicht unmittelbar auf der Hand liegenden Auswirkungen gesprochen. Stichwort: Wolfram. Da wirkt der Iran-Krieg und seine Konsequenzen als Beschleuniger des bereits seit längerem wirkenden Preisanstiegs für diesen kritischen Rohstoff, der gerade in der deutschen Industrie unverzichtbar ist. Und in diesem Zusammenhang tauchte auch China (wieder) auf, den die zu beobachtende Preisexplosion bei diesem Metall geht zurück auf chinesischen Exportrestriktionen seit Februar 2025 – und China steht für 79 Prozent der weltweiten Wolfram-Produktion.

Bevor wir uns vertiefend mit China beschäftigen, hier noch einige weitere Hinweise auf Folgewirkungen der Unterbrechung der Lieferketten durch die Sperrung der Straße von Hormus, die viele sicher überraschen werden.

Nehmen wir als Beispiel Helium.

Sie lesen richtig. Denn Helium wird knapp. Das allein wäre keine Meldung wert, wenn es nur den Einsatz dieses Gases als Party-Gag betreffen würde. Aber Helium spielt eine bedeutsame Rolle, beispielsweise in der Chip-Produktion.

»Der Iran-Krieg gefährdet die weltweite Chip-Versorgung, weil Lieferengpässe bei Erdgas und Helium drohen. Je länger die Straße von Hormus dicht ist, desto kritischer wird die Lage.« So beginnt der Artikel Iran-Krieg gefährdet Chip-Produktion. Der Iran-Krieg ist zwar auf den Nahen Osten begrenzt, hat aber massive weltwirtschaftliche Folgen. Dass der Konflikt auch Auswirkungen auf die weltweite Versorgung mit Computerchips haben könnte, liegt an der Struktur der Branche: Die Chip-Industrie ist global aufgestellt und stark fragmentiert. Was das bedeutet?

»Um den Globus haben sich Spezialisierungen herausgebildet. Die einen liefern mehr oder weniger exklusiv die Rohstoffe, allen voran die Golfstaaten; andere sind führend beim Design der Chips, das sind die USA; und wieder andere produzieren moderne Chips für die Welt, das sind überwiegend Taiwan und Südkorea.«

Und das ist weltweit so verzahnt, dass man nicht auf ein einzelnes Land verzichten kann, so die Einordnung von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst bei der Consorsbank. Vor allem auf Helium aus Katar könne man nicht verzichten. Helium – ein Nebenprodukt der Erdgasaufbereitung – ist für die Chipproduktion unerlässlich, wird unter anderem zur Kühlung eingesetzt.

Und jetzt festhalten: 40 Prozent der Weltmarktproduktion sollen auf Katar entfallen. Von den Lieferschwierigkeiten durch den Iran-Krieg sind vor allem Taiwan und Südkorea betroffen. Hier sitzen mit TSMC und Samsung Electronics die weltweit wichtigsten Chipproduzenten. Rund 90 Prozent der modernen Chips werden in Taiwan produziert. Die beiden Länder haben Helium-Vorräte für rund drei Monate. Danach müssen sie die Produktion einstellen, weil Helium bei der Kühlung der Maschinen nicht ersetzt werden kann.

Die Zusammenhänge werden Ihnen in dieser Sendung (10 gut investierte Minuten) dargestellt. Bitte anhören:

➔ NDR Info: Nahost-Krieg: Heliummangel trifft Chipindustrie und Partys (07.04.2026)

Aber Helium ist nicht nur höchst relevant für die Halbleiterproduktion.

Auch die Pharmaindustrie hat sich zu Wort gemeldet. Was hat die nun mit Helium zu tun?

Dazu dieser Bericht aus der Deutschen Apotheker-Zeitung: Iran-Krieg legt Helium-Produktion lahm: »Die anhaltenden Kampfhandlungen im Nahen Osten bringen die Arzneimittelhersteller in Schwierigkeiten. Für ihre Produktion ist Helium von zentraler Bedeutung. Doch dessen Förderung wurde beispielsweise in Qatar eingestellt. Schon jetzt ist das Gas teilweise nicht mehr lieferbar.«

»Insbesondere Helium und petrochemische Ausgangsstoffe sind demnach von Lieferengpässen betroffen. Diese werden für die Herstellung von Tabletten, Infusionen und Biologika benötigt. Die Versorgung mit Helium ist … ausschließlich von Importen abhängig, die zu einem großen Teil durch die Straße von Hormus laufen.«

Wie muss man sich die konkreten produktionstechnischen Auswirkungen des Heliummangels vorstellen?

»Durch die Heliumknappheit gerieten gaschromatographische Qualitätskontrollen ins Stocken, heißt es. Die Hersteller könnten dann Arzneimittel nicht mehr im gewohnten Umfang freigeben.« Und: Diese Methoden lassen sich nicht von heute auf morgen auf andere Gase oder alternative Methoden umstellen – das würde neue Methodenentwicklungen, Validierungen und behördliche Genehmigungen erfordern und kostet wertvolle Zeit.

Neben der Heliumknappheit haben die Kampfhandlungen rund um die Straße von Hormus noch weitere Auswirkungen für die Arzneimittelproduktion. Dazu zählen fehlende oder teurere Primärverpackungsmittel wie Deckel und Verschlüsse. Nicht zuletzt belasten auch die höheren Energie- und Transportkosten die Branche.

Zurück zu China – und den „Seltenen-Erden-Krisen“

Sie haben in der letzten Veranstaltung am Beispiel von Wolfram gelernt, dass aufgrund der chinesischen Exportrestriktionen seit dem Februar 2025 das Exportvolumen aus China um 40 Prozent eingebrochen ist, was dazu geführt hat, dass sich die Wolfram-Preise seit Juni 2025 mehr als versiebenfacht haben. Und ich hatte nach diesem Beispiel den Hinweis auf die letzte „Seltene-Erden-Krise“1 gegeben, die wir im vergangenen Jahr gerade erst hinter uns gelassen haben. Aber die war nicht die erste Krise um diese so wichtigen Metalle.

China hat ein Quasi-Monopol: Zwei Drittel der weltweiten seltenen Erden werden in China produziert und weitaus mehr noch verarbeitet – China kontrolliert über 90 Prozent der Verarbeitung. Unternehmen auf der ganzen Welt sind von China als Lieferanten abhängig.

Die erste Krise auf dem Markt für Seltene Erden: 2010

Die erste große Krise auf dem Markt für Seltene Erden ereignete sich im Jahr 2010. Obwohl Seltene Erden bereits zuvor strategische Bedeutung hatten, markierte das Jahr 2010 den Punkt, an dem die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von China erstmals zu einer globalen Versorgungskrise und massiven Preissprüngen führte. 

➞ Der Auslöser: Im September 2010 kam es zu einem diplomatischen Streit zwischen China und Japan aufgrund einer Kollision von Fischerbooten nahe der Senkaku-Inseln.2 In der Folge verhängte China ein informelles Exportembargo für Seltene Erden gegenüber Japan. 

➞ Die Quotenregelung: Unabhängig vom Konflikt mit Japan hatte China bereits begonnen, seine Exportquoten für Seltene Erden drastisch zu senken (um etwa 40 Prozent), offiziell aus Umweltgründen und um die eigene Industrie zu schützen. 

➞ Die Preisexplosion: Da China zu diesem Zeitpunkt über 95 Prozent des weltweiten Marktes kontrollierte, schossen die Preise für Metalle wie Neodym, Dysprosium und Terbium innerhalb weniger Monate um mehrere hundert Prozent in die Höhe. 

Die Folgen der Krise:

Die Krise von 2010 fungierte als globaler „Weckruf“ und führte zu langfristigen Veränderungen: 

➞ Diversifizierung: Länder wie die USA (Mountain Pass Mine) und Australien (Lynas) nahmen ihre eigene Förderung wieder auf oder bauten sie massiv aus, um die Abhängigkeit von China zu verringern. 

➞ Substitution und Recycling: Industriezweige (insbesondere die Automobil- und Windkraftbranche) begannen, nach Wegen zu suchen, den Einsatz Seltener Erden zu reduzieren oder diese durch andere Materialien zu ersetzen. 

➞ WTO-Klage: Die USA, die EU und Japan reichten Klage bei der Welthandelsorganisation (WTO) gegen Chinas Exportbeschränkungen ein. 2014 entschied die WTO gegen China, woraufhin die Quoten 2015 aufgehoben wurden.

Allerdings hat China damals schnell auf die angedeuteten Gegenbewegungen zu der globalen Abhängigkeit reagiert und die Preise für Seltene Erden dann wieder gesenkt, um die Ausweichbemühungen unrentabel werden zu lassen. Und viele Unternehmen haben dann auch beschaffungsseitig so weitergemacht wie vorher.

Die zweite Krise auf dem Markt für Seltene Erden: 2025

Die Seltene-Erden-Krise von 2025 wird oft als die „Zweite Große Krise“ (nach 2010) oder als der „Rohstoff-Showdown“ im Kontext des neuen Handelskonflikts beschrieben.

Während die Krise von 2010 eher als diplomatischer Warnschuss galt, ist die Situation 2025 von einer tieferen geopolitischen Blockbildung und strukturellen Engpässen geprägt.

1. Der Auslöser: Vergeltung im Handelskrieg: Im Gegensatz zu 2010 ist die Krise 2025 eine direkte Reaktion auf eine neue Eskalationsstufe im Handelsstreit zwischen den USA und China. Nachdem die US-Regierung (unter Trump) im April 2025 drastische Importzölle auf chinesische Waren verhängte, reagierte Peking prompt mit Exportbeschränkungen. China forderte erstmals für eine breite Palette Seltener Erden (darunter Dysprosium, Terbium und Scandium) sowie für Industriemagnete spezielle Ausfuhrgenehmigungen.

2. Die „Magnet-Falle“: Ein entscheidender Unterschied zur ersten Krise ist, dass China nicht nur die Rohstoffe (Erze), sondern vor allem die Veredelungsschritte und die Magnetherstellung kontrolliert.

➞ Da über 90 % der Hochleistungs-Permanentmagnete für Elektromotoren und Windkraftanlagen aus China stammen, traf die Krise 2025 die Automobilindustrie besonders hart.

➞ Im Mai 2025 brachen die Exporte dieser Magnete wertmäßig um über 75 % ein, was bei westlichen Herstellern zu Produktionsstopps führte.

3. Geopolitische Instrumentalisierung: Peking begründete die Maßnahmen offiziell mit „nationalen Sicherheitsinteressen“. Die Krise 2025 markiert den Moment, in dem Seltene Erden endgültig von einem reinen Wirtschaftsgut zu einer geopolitischen Waffe wurden. Die Unsicherheit führte dazu, dass die Preise für kritische Elemente wie Neodym und Antimon in Europa zeitweise um über 150 % höher lagen als auf dem chinesischen Binnenmarkt.

4. Der „Weckruf“ für Europa und die USA:
➞ De-Risking: Initiativen wie der European Critical Raw Materials Act wurden mit Milliarden gefördert, um eigene Raffinerien (z. B. in Frankreich oder Estland) und Bergwerke (wie in Schweden/Kiruna) schneller in Betrieb zu nehmen.

➞ Recycling-Offensive: Da Primärrohstoffe fehlten, rückte das Recycling von Magneten aus alten Festplatten und Elektromotoren massiv in den Fokus.

Man muss aber darauf hinweisen: Vieles von den Gegen-Maßnahmen steht erst einmal nur auf dem Papier.


Fußnoten

  1. Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 chemischen Elementen (Scandium, Yttrium und die 15 Lanthanoiden), die für moderne Schlüsseltechnologien wie E-Mobilität, Windkraft und Elektronik unerlässlich sind. Trotz ihres Namens kommen sie oft häufig in der Erdkruste vor, sind aber schwer zu fördern und zu trennen. China dominiert die weltweite Förderung und Verarbeitung. Seltene Erden sind entscheidend für Hochleistungsmagnete (in Windrädern, E-Motoren), Bildschirme, Laser, Katalysatoren und medizinische Geräte (MRT). Sie kommen selten in hoher Konzentration vor, weshalb der Abbau aufwendig ist. Das Seltenerd-Vorkommen im sächsischen Storkwitz ist eines der wenigen in Deutschland. Die Gewinnung ist oft umweltintensiv, da giftige Chemikalien eingesetzt werden und radioaktive Nebenprodukte entstehen können. Eine Anmerkung zu der Begrifflichkeit: Der Name „Seltene Erden“ stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert, als man sie erstmals aus seltenen Mineralien isolierte. Tatsächlich sind sie nicht selten, aber sie treten selten in rentabel abbaubaren Konzentrationen auf.
    ↩︎
  2. Die Senkaku-Inseln sind eine unbewohnte Inselgruppe auf dem Festlandsockel im Ostchinesischen Meer. Seit 1972 werden sie (wieder) von Japan verwaltet. Die Republik China (Taiwan) und die Volksrepublik China beanspruchen unabhängig voneinander seit 1970/71 diese Inseln als Teil ihres Staatsgebiets.
    ↩︎