Deutschland ist eine „exportorientierte“ Volkswirtschaft. Sie haben bei der allgemeinen Behandlung des so wichtigen Themenfeldes Außenhandel gelernt, dass Deutschland vor allem seit den 2000er Jahren jedes Jahr erhebliche Außenhandelsüberschüsse erwirtschaftet hat, also mehr exportiert und in andere Länder verkauft als importiert hat (2025 belief sich der Exportüberschuss Deutschlands auf 200,5 Mrd. Euro – immer noch viel, aber 42,4 Mrd. Euro weniger als 2024).
Und typischerweise hat Deutschland mit einzelnen anderen Ländern einen Ausfuhrüberschuss – mit einigen durchaus gewichtigen Ausnahmen. Dabei handelt es sich um Länder, aus denen mehr Waren eingeführt werden als gleichzeitig exportiert werden.
Und zu dieser „Ausnahmegruppe“ gehört die Volksrepublik China. Mit diesem Land hat Deutschland keinen Exportüberschuss, sondern den haben die Chinesen mit uns. Wir haben einen ganz erheblichen Importüberschussim Außenhandel mit diesem Land. Im vergangenen Jahr, also 2025, hat Deutschland Wren im Wert von fast genau 90 Mrd. Euro mehr aus China eingeführt als der Wert der Exporte aus Deutschland nach China.

Das ist der (vorläufige) Höhepunkt einer Entwicklung, die erst in den vergangenen Jahren begonnen hat. In der Abbildung mit der Entwicklung der Exporte nach und der Importe aus China von 1991 bis 2025 ist das eindrücklich zu erkennen: Es gab zwar auch vorher immer einen Importüberschuss, aber seit der Corona-Pandemie laufen die Export- und Import-Kurven stark auseinander und der Exportüberschuss der Chinesen wird immer größer.
Aber nicht nur das. Man erkennt auch, dass der bis dahin erkennbare Wachstumstrend der deutschen Exporte nach China gebrochen ist. Seit einiger Zeit müssen wir rückläufige Exportwerte (nach China) zur Kenntnis nehmen, während gleichzeitig die chinesischen Exporte nach Deutschland weiter zulegen.
➔ Wir haben bereits am Beispiel Temu (und Shein) aus der Welt der Plattformökonomie erfahren können, warum manche von einer „Exportflut“ aus China sprechen. Ich darf an dieser Stelle nochmals daran erinnern: Im vergangenen Jahr, also 2025, wurden täglich mehr als 450.000 Pakete von den expandierenden chinesischen Plattformen in Deutschland verteilt. Jeden Tag!
Und das muss man alles vor dem Hintergrund sehen, dass wir hier nicht über irgendeinen der vielen Handelspartner Deutschlands sprechen. So meldete das Statistische Bundesamt am 20. Februar 2026: China im Jahr 2025 wieder wichtigster Handelspartner Deutschlands: »Mit einem Außenhandelsumsatz (Summe der Warenexporte und -importe) von 251,8 Milliarden Euro war die Volksrepublik China im Jahr 2025 wie bereits im Zeitraum von 2016 bis 2023 wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner.«
Wenn man sich die lange Zeitreihe anschaut, dann muss man zu dem Ergebnis kommen, dass wir Zeugen eines offensichtlichen Strukturbruchs werden. Die Wachstumsexplosion der chinesischen Volkswirtschaft hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren zugetragen, erst seit Beginn der 2000er Jahre schießt das chinesische BIP nach oben und mittlerweile ist China (je nach Berechnungsweise, also ob kaufkraftbereinigt oder nicht) die zweitgrößte bzw. die größte Volkswirtschaft der Welt.
Muss die deutsche Volkswirtschaft in den Schockraum?
Nicht nur in diesem Kontext kann man seit einiger Zeit immer wieder von einem „China-Schock 2.0“ lesen oder hören. »Lange Zeit machten deutsche Unternehmen auf dem chinesischen Markt gute Geschäfte. Doch das war immer nur ein Deal auf Zeit. Die ist nun vorbei«, so einer der vielen bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten Artikel dazu unter der Überschrift Der China-Schock 2.0 trifft die deutsche Industrie mit Wucht. Oder das Handelsblatt ebenfalls 2025: Neuer „China-Schock“ bedroht Macht und Wohlstand des Westens. Und in den vergangenen Wochen machten neue hier passende Meldungen die Runde – und dabei wurde explizit von einer besonderen Betroffenheit der deutschen Volkswirtschaft gesprochen: »China bedroht Europas Industrie – und diesmal trifft es härter als je zuvor. Experten warnen: Ohne Gegenmaßnahmen droht ein rasches industrielles Aus«, so dieser Artikel mit einer heftig daherkommenden Überschrift: Experten warnen vor China: Warum Europas Wirtschaft zum Opfer räuberischer Handelspolitik wird. Oder wieder das Handelsblatt: „Deutschland ist das Epizentrum des zweiten China-Schocks“: »Laut einer neuen Studie trifft Chinas Exportoffensive Deutschland immer heftiger – doch die Bundesregierung sieht demnach nur dem Niedergang zu. Ökonomen raten zu einem härteren Vorgehen.« Beide Artikel sind aus dem Mai 2026, also ganz frisch.
Das hört sich nicht beruhigend an, ganz im Gegenteil. Da muss man mal genauer hinschauen. Und deshalb habe ich die Debatte über einen (angeblichen oder tatsächlichen) „China-Schock 2.0“ als Fallbeispiel aufgearbeitet und zu Papier gebracht. Dabei geht es zum einen nicht nur um die Diagnose der aktuellen Entwicklung, sondern auch um einen Blick zurück, denn wenn es einen China-Schock 2.0 gibt, dann muss es auch einen 1.0-Version gegeben haben. Und zum anderen kann ich Ihnen an diesem Fallbeispiel einen Einblick geben, welche wirtschaftspolitische Maßnahmen diskutiert werden, ob und wie man also etwas gegen die angedeutete Entwicklung tun kann bis hin zu der Frage, warum bislang nicht wirklich viel passiert ist in Europa, was sich bitter rächen kann.
Das alles können und sollen Sie in Ruhe in dieser Ausarbeitung von mir nachlesen, die Sie im Materialordner auf der Olat-Seite finden. Bitte lesen:
| ➔ Sell, Stefan (2026): Der „China-Schock 2.0“ und die deutsche Volkswirtschaft. Müssen wir uns Sorgen machen oder gar in Schockstarre verfallen?, Remagen, 2. Juni 2026 |