Wir bewegen uns – noch – in der Welt der Mikroökonomik, in der es um Angebot und Nachfrage geht und wie (oder nicht) sich die beiden Seiten auf den Märkten zu welchem Preis treffen.
Über die Bedeutung der unterschiedlichen Marktformen (vgl. dazu immer wieder die wichtige Abbildung mit der 9-Felder-Matrix: Sell 2024: 74) haben wir intensiv gesprochen und ich habe Ihnen zahlreiche Beispiele aus der wirklichen Welt der Wirtschaft mit auf den Weg gegeben, um die Bedeutung einer richtigen Zuordnung zu einzelnen Marktformen zu illustrieren. Sie haben dabei lernen können, dass man in vielen oligopolistischen Märkten mit sehr engen Angebotsoligopolen konfrontiert wird, die in den unterschiedlichsten Bereichen oftmals durch „Big Four“- oder „Big Three“-Strukturen charakterisiert sind.
Das verweist auf eine erhebliche Konzentration der Marktmacht auf nur einige wenige Unternehmen in einer bestimmten Branche. Gerade im noch zu behandelnden Bereich der Wettbewerbspolitik und des Wettbewerbsrechts spielt die Marktmacht und die damit einhergehende Gefahr eines marktverzerrenden Verhaltens der den Markt beherrschenden Unternehmen eine große Rolle.
Zugleich sollte Ihnen bewusst geworden sein, dass es neben guten ökonomischen Argumenten, die für eine Oligopolisierung des Marktes sprechen (Beispiele hatte ich in der Vorlesung genannt) aufgrund der erheblichen Bandbreite der Preisbildungsprozesse in dieser Marktform – die von Kartellbildung bzw. abgestimmten Verhalten auf der Anbieterseite bis hin zu ruinöser Konkurrenz mit dem Ziel, Wettbewerber aus dem Markt zu drängen, reichen – nicht automatisch so ist, dass die vielen kleinen (marktschwachen) Verbraucher nur Nachteile erfahren müssen, wenn der für sie relevante Markt unter nur wenigen Anbietern aufgeteilt wird. Empirisch können Sie das studieren bei den mehrfach angesprochenen Big Four des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland, die mehr als 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels beherrschen. Dennoch haben viele Verbraucher lange Zeit profitieren können von einem überaus intensiven oligopolistischen Wettbewerb zwischen den vier großen Anbietern mit positiven Effekten bei Qualität und Kosten der Produkte für die Nachfrager.
Apropos Preisbildungsprozesse (in Abhängigkeit von der Marktform): Sie haben aus diesem weiten Feld zum einen das Auktionatormodell kennen gelernt. Bei Auktionen – und denken Sie bitte an dieser Stelle an die unterschiedlichen Grundformen von der klassischen englischen Auktion bis hin zur „Rückwärtsauktion“ (vgl. die Abbildung in Sell 2024: 86) – sollte man verstanden haben, dass es nicht nur die vielen Menschen bekannten Kunstauktionen gibt, sondern dass die ganze komplexe Welt der Wirtschaft von Auktionen bzw. Auktionsverfahren durchzogen ist.
➔ Auktionen als Preisfindungsmechanismus an der Börse: Die Preisfindung an den Börsen basiert vollständig auf Auktionsprinzipien. Je nach Handelsmodell unterscheidet man im Wesentlichen zwischen zwei Formen von Auktionen, die an Börsen (wie z. B. Xetra oder an den US-Börsen) zum Einsatz kommen: Da gibt es zum einen die Sammel- oder Aufrufauktion (Call Auction), die typischerweise bei der Eröffnung und zum Feierabend (Schlussauktion) eines Börsentages sowie bei Handelsunterbrechungen stattfinden.1 Der reguläre, fortlaufende Handel während des Tages (während der „normalen“ Handelszeiten der Börse) ist ebenfalls eine Auktion – allerdings eine fortlaufende. Man spricht hier von einer kontinuierlichen Doppelauktion (Continuous Double Auction).2
Bitte zum Thema Auktionen die Seiten 85-91 in Sell (2024) lesen mit den dort gegebenen Beispielen.
Dann wurden Sie auch schon konfrontiert mit dem Thema „Schweinezyklus“. Der Begriff ist zwar explizit im Umfeld der Bildung der Preise für Schlachtschweine entstanden – ich habe Ihnen aber zugleich aufzuzeigen versucht, dass Sie in zahlreichen anderen davon unabhängigen Bereichen auf die mit regelhaften Ungleichgewichten verbundenen Preisbildungsprozesse stoßen, die mit diesem Terminus eingefangen werden sollen.
Und dann muss ich noch erinnern, dass wir bei dem Thema Monopole – im Normalfall lösen die Hitzepickel bei Ökonomen aus – über eine bedeutsame Abweichung von der Kritik und Ablehnung monopolistischer Strukturen gesprochen haben, die noch in einem anderen Kontext eine wichtige Rolle spielen werden: die sogenannten „natürlichen Monopole“. Ich habe das an dem Beispiel der leitungsgebundenen Infrastruktur illustriert.
Und in diesem Bereich finden Sie eine wichtige Regulierungsinstanz, die notwendig wurde im Zusammenhang mit der Deregulierung bis dahin staatsmonopolistischer Unternehmen wie der Bundespost: die Bundesnetzagentur (mit Sitz in Bonn). Schauen Sie gerne mal auf die Webseite dieser wichtigen Behörde.
- Über einen gewissen Zeitraum (die sogenannte Vorphase oder Call-Phase) werden Kauf- und Verkaufsaufträge (Orders) der Marktteilnehmer im Orderbuch gesammelt, ohne dass sofort Trades ausgeführt werden. Die eigentliche Preisfindung läuft dann so ab: Am Ende der Sammelphase berechnet das Handelssystem einen einzigen Ausgleichspreis (Clearing Price). Das Ziel ist das sogenannte Meistausführungsprinzip: Es wird genau der Preis ermittelt, bei dem das größtmögliche Handelsvolumen umgesetzt werden kann und die wenigsten Aufträge unbefriedigt bleiben. ↩︎
- Käufer und Verkäufer geben fortlaufend unlimitiert oder limitiert ihre Kaufgebote (Bids) und Verkaufsangebote (Asks) in das elektronische Orderbuch ein. Die Preisfindung hier: Das System gleicht die Orders permanent vollautomatisch ab. Sobald sich ein Kauf- und ein Verkaufslimit decken (oder ein Käufer bereit ist, den aktuellen Briefkurs zu zahlen), kommt sofort ein Vertrag (Trade) zustande. Der Preis passt sich sekündlich an Angebot und Nachfrage an. ↩︎